XDGA Melopee School: Vom Hafendock zum Pausendeck

Wie man im industriellen Hafengebiet kindgerecht lernen und toben kann, zeigt das Brüsseler Architekturbüro Xaveer De Geyter Architects (XDGA): Sie haben im historischen Hafen der Stadt Gent die Melopee School errichtet.

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Für den ehemalige Hafen Gents gibt es einen Plan: Wie in vielen anderen Städten Europas soll auch er dazu genutzt werden, Raum zum Wohnen und Arbeiten zu schaffen. 2004 gewann OMA einen städtebaulichen Wettbewerb für die Oude Dokken, den stadtnahesten Teil des Kanalhafens, der knapp einen Kilometer vom Zentrum entfernt liegt. Der Masterplan des Rotterdamer Büros sieht vor, die Ausrichtung des Gebiets zu verändern: Bislang teilte ein zentraler Erschließungsweg das Areal in eine stadtzu- und eine stadtabgewandte Seite. OMA parzelliert die Fläche in lange, schmale Grundstücke quer über den Straßenverlauf hinweg.

Der Weg, der die Melopee School in zwei Hälften teilt

Diese vom Masterplan vorgegebene Zweiteilung der Fläche durch einen zentralen Erschließungsweg bestimmt maßgeblich den Entwurf für die neue Melopee School. Seit Februar diesen Jahres ist die Schule nach dem Entwurf des Brüsseler Architekturbüros Xaveer De Geyter Architects (XDGA) fertiggestellt. Der Bau kombiniert im Innenbereich auf 4.630 Quadratmetern eine Musik-Grundschule, eine Ganztagesbetreuung, einen Kindergarten sowie eine Mensa und Sporteinrichtungen, die Schüler ebenso wie Anwohner nutzen können. All dies ist jedoch nur in einer Hälfte des Gebäudes untergebracht. Die andere Hälfte besteht aus zahlreichen Außenspielplätzen. Während die Vorderseite der Melopee School mit all ihren Räumen und Funktionen einen geschlossenen Kubus bildet, formt sich die zweite Hälfte offen aus einer Stahlkonstruktion. Durch ihre Offenheit leitet sie zu dem Freiraum über, der sich zwischen Schule und Kanal befindet.

Genau auf der Grenze zwischen dem geschlossen und dem offenen Teil der Struktur verläuft der Erschließungsweg über das Gelände und bildet eine dritte Nord-Süd-Verbindung: Während die beiden anderen Verbindungen das Grundstück im Westen als Fussgänger- und Radweg entlang des Kais und im Osten als Straße (Koopvaardijlaan) rahmen, durchzieht der Weg das Grundstück mittig. Die Architekten von XDGA hatten bei der Gestaltung des Wegs nur eine Vorgabe: er sollte rund um die Uhr öffentlich zugänglich sein. Sie entschieden sich, den Weg ebenerdig durch das Gebäude zu führen. Andere gestalterische Möglichkeiten wie Treppen hätten die Architektur verkompliziert, sagt Willem Van Besien, einer der verantwortlichen Architekten. Schule und Spielplätze seien zum Schutz der Kinder nicht öffentlich begeh-, jedoch einsehbar: Mit einem Podest überbaut, dessen Boden aus Glaselementen besteht, entstehe laut Van Besien innerhalb des Wegs der Eindruck, die offene Stahlkonstruktion zu durchschreiten.

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Der Weg durch Grundstück und Architektur im Entstehen. Bereits ohne Glaselemente von oben wird der Eindruck, die offene Stahlkonstruktion zu durchschreiten deutlich. Foto: Sascha Salzig.

 

Hochgestapelt

„Es war eine bewusste Entscheidung im Masterplan von OMA, ein Grundstück vorzusehen, das zu klein für ein ‚klassisches‘ Schulgebäude ist. Um das gesamte Programm unterzubringen, beschlossen wir, ein sehr kompaktes und pragmatisches Schulgebäude auf der einen Seite des Grundstücks zu bauen und alle Freiräume auf der anderen Seite vorzusehen“, beschreibt Van Besien die Herausforderung des Entwurfs. Innerhalb des verzinkten Stahlskeletts ordnet XDGA deshalb Ebenen mit Spielflächen an, die sich vertikal über mehrere Rampen sowie Treppen entwickeln und verschiedene Aktivitätsmöglichkeiten bieten. „Das funktioniert in Verbindung mit dem gestapelten Schulgebäude sehr gut“, führt der Architekt aus: „Auf jeder Ebene gibt es einen direkten Zugang zu den Spielplätzen.“ Den untersten Spielbereich erreicht man aus dem Schultrakt über eine große Freitreppe mit integrierten Rutschen. Sie führt von dem Podest hinab, das den öffentlichen Weg überspannt.

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Die Zwischenräume der Stahlstruktur des geschlossenen Schulteils sind wie ein Patchwork ausgefacht. Foto: Maxime Delvaux
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Die offenen Stahlstruktur umfasst den gestapelten Spielbereich. Was hier noch wächst: die sich rankenden Pflanzen. Foto: Maxime Delvaux

XDGA Melopee School

Transparenz innen und außen

Die Architektur lässt nicht nur bei der offenen Stahlkonstruktion durchgehend die Baumaterialien sichtbar: Beim Hauptgebäude wurde die gesamte Struktur vor Ort aus Beton gegossen. Nur das Dach der Sporthalle besteht aus lackiertem Stahl. „Im Inneren haben wir eine Menge Materialien, die die Akustik verbessern. Zum Beispiel die rosa und blauen Lochziegel. Aber auch die Decken sind schallabsorbierend“, betont Willem Van Besien und weist auf die musikalische Ausrichtung der Grundschule hin. Um die Orientierung im Gebäude zu erleichtern, fügten die Architekten außerdem einige spezifische Elemente und Farben hinzu.

Die Stahlstruktur, die den Spielbereich prägt, fasst auch den geschlossenen Schulteil der Melopee School ein, wobei die Zwischenräume wie ein Patchwork ausgefacht sind. „Wir haben uns bei der Fassade auf wenige Materialien beschränkt, nämlich Glas, opake Polycarbonatplatten und Lüftungsgitter aus Aluminium,“ erzählt Van Besien. Er hebt hervor, dass neben dem hohen Maß an Material- und Struktur-Transparenz für beide Architekturhälften die offene Sicht nach außen und innen wichtig war: „In dem geschlossenen Gebäude haben wir viel Aufmerksamkeit auf Ausblicke und Tageslicht gelegt. In fast jedem Raum hat man direkten Lichteinfall und Aussicht nach draußen.“ Entlang der Außenstruktur werden übrigens zukünftig Pflanzen wachsen und dann den den Blick aus dem Gebäude auf den Hafenkanal und die Skyline des Stadtzentrums von Gent rahmen.

Alle Pläne sind von XDGA.