Na toll und jetzt? Kollektiv A.

Gerade mit dem Studium fertig – oder in den letzten Zügen – und echt. keinen. Plan., wie es weitergehen soll? An diesem Punkt waren wir alle schon. Gewöhnt, immer ein Ziel vor Augen zu haben, macht sich jetzt ein großes Fragezeichen breit. Adieu Uni, hallo Zukunftsängste. Wir haben das Gegenmittel: Junge Büros und Arbeitnehmer, die ihren eigenen Weg gehen. Wir haben sie nach ihren größten Ängsten, Inspirationen und Erfolgen gefragt. Heute stellen wir vor: das Kollektiv A aus München.

Heute: Kollektiv A

 

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Kollektiv A, das sind: Jonas Altmann, Benedict Esche, Lena Kwasow Esche, Lionel Esche, Nils Rostek (von links nach rechts)

Der Umbau eines Bauernhauses war 2014 der Beginn vom Kollektiv A. Damals noch eine lose Gruppe von Architekten, die sich in unregelmäßigen Abständen trafen, um über Architektur zu diskutieren. Daraus resultierte 2016 das Buch Reminiscence: In Interview mit 100 Architekten – darunter Arno Brandlhuber, Christian Kerez oder Denise Scott Brown – hält das Werk die Faszination für Architektur der Planer fest. 2015 ergab sich für das junge Kollektiv die Chance, in München Johanneskirchen eine Architektur des Ankommens zu gestalten. Zusammen mit Geflüchteten und Handwerkern bauten sie sozialen Wohnraum, Veranstaltungshallen, Treffpunkte, Ateliers und eine Kindertagesstätte. Ein ähnliches Projekt in Perlach folgte. 2016 wurden diese Arbeiten auf der Architekturbiennale in Venedig ausgestellt.

Euer größter Erfolg?
Als wir mit nur 20.000 Euro auf 64 Quadratmeter ein neues Zuhause geschaffen haben. Es zeigte uns, dass der Traum der eigenen vier Wände selbst für einen Kleinverdiener möglich ist. Das bedeutet, dass das Bauen wieder demokratisch wird. Der schönste Moment war der Einzug unserer Bauherren. Das ist er übrigens immer: Der krönende Abschluss eines Projekts. Das gemeinsame Glas Wein, der Blick zurück und dann aber auch der gemeinsame Blick nach vorne.

Welches Projekt hat Euch zuletzt sprachlos gemacht?
Nicht direkt Architektur, aber unglaublich intensiv: das Orchesterstück “Fat Finger Error” von Gordon Kampe in Witten. Die große Varianz an Situationen und verschiedensten Energien und Stimmungen hat uns sprachlos gemacht. Zu verstehen, dass die bewusst als “Fehler” gesetzten Protagonisten das Mehr schaffen können und dann in fremde Ruinenwelten getaucht zu werden.

Was bricht Euch das Herz?
Strichcodefassaden.

Was liebt Ihr am meisten an Eurer Tätigkeit?
Dass, Architektur sinnstiftend ist. Sie gestaltet Raum für Menschen und steht im Spannungsverhältnis zwischen dem Neuen, noch nicht Dagewesenen und dem Vorgefundenen. Orte immer wieder aufs Neue zu interpretieren, das begeistert uns.

Was hat Euch euren letzten Nervenzusammenbruch gekostet?
Derzeit entstehen gerade unsere ersten Bauten außerhalb Deutschlands: Das Haus auf Mallorca ist gerade abgeschlossen und Kreta liegt in den Anfängen. Bauen im Ausland reißt einen schnell aus der Routine heraus: andere Gesetze, andere Mentalitäten und Charaktere und auch darüber hinaus andere Wünsche und Erwartungen. Das führt zu wilden Diskussionen und Überlegungen – aber ist noch weit von einem Nervenzusammenbruch entfernt.
Letztendlich lieben wir jedes einzelne graue oder ausgefallene Haar, jede einzelne Falte und manchmal auch die Kopfschmerzen einer durchgearbeiteten Nacht.

Wovor habt Ihr Angst?
Die Maschinisierung und Standardisierung der Architektur hat zwischen den 90er bis 00er Jahren ein – nach unserem Empfinden – gefährliches Maß angenommen. Große anonyme Architekturfabriken planen eine Strichcodefassade neben der Nächsten. Das macht uns Angst. Angst die Unverwechselbarkeit der Architektur und Stadt zu verlieren. Denn Architektur kann so viel mehr. Sie ist das Bindeglied und die Basis unserer Gesellschaft und Stadt. Sie verbindet uns über die Sprache hinweg dort, wo das gesprochene Wort Missverständnisse auslösen kann. Das dürfen wir nicht verlieren.

‚Nine to five‘ oder doch eher ‚eleven to ten‘?
Bei uns arbeitet grundsätzlich jeder wie es ihm oder ihr gefällt und er am glücklichsten und besten arbeiten kann. Wir sind ohnehin ständig vernetzt, dass macht vieles einfacher. Dadurch zählt der Arbeitsort nur bedingt. Das kann im Café, in der Bahn, im Flieger oder in Hotellobbies sein. Grundsätzlich kann man aber sagen, dass die Arbeitszeiten auch projektbasiert sind. Auf Baustellen steht man früher auf der Matte. Es gibt aber immer auch die Nachteulen, von denen wir erst mittags was hören und deren letzte Nachrichten um vier in der Nacht aufblitzen.

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Derzeit arbeitet das Kollektiv
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an einem Haus in Ibiza.

Was ist das nächste Ziel?
Im folgenden Jahr wünschen wir uns unser neues Wohnhausprojekt Berlin abzuschließen und mit dem Bau des Hauses auf Kreta beginnen. Drei Dachgeschossausbauten stehen an und wir freuen uns zudem sehr die Cafeteria der Staatsbibliothek in München umbauen zu dürfen. Gemeinsam mit der Ausstellung im Museum des 21. Jahrhunderts in Rom mit dem Künstler Jörg Herold beginnen wir auch wieder damit, an einer sozio-kulturellen Debatte teilzunehmen. Hier würden wir sehr gerne in der Zukunft mehr bewegen können.

Die Baumeister Academy ist ein Praktikumsprojekt des Architekturmagazins Baumeister und wird unterstützt von GRAPHISOFT und der BAU 2019.