29.04.2020

Event

„Dieses euphemistische Gehabe geht mir offen gesagt auf den Senkel“

von Theresa Ramisch

Martin Rein-Cano ist Landschaftsarchitekt und Gründer sowie Creative Director des Studios Topotek 1


“‘Die Schwachen’ sind in diesem Fall die jungen, unerfahrenen Mitarbeiter.”

Ob Gesichtsschutz oder modulare Intensivstation: Zahlreiche Architekturbüros warten derzeit mit Lösungen zum Umgang mit der Corona-Pandemie auf. Carlo Ratti sagte im Interview mit BAUMEISTER, dass er sich als Designer verpflichtet fühle, seine Fähigkeiten einzusetzen. Martin Rein-Cano sieht das anders. Jede einzelne Person müsse ihren Beitrag leisten, die Planung trage aber aktuell noch keine gezielte Verantwortung, so der Topotek-1-Geschäftsführer. Für ihn lege die Pandemie Problemoffen, die schon vorher da waren. Anstatt einer schönen, heilen Welt nachzueifern, sollten wir uns Rein-Canos Meinung nach jetzt eher im Scheitern üben. Wir haben mit ihm gesprochen.


Rein-Cano
Martin Rein-Cano ist Landschaftsarchitekt und Gründer sowie Creative Director des Studios Topotek 1, das Designkonzepte in den Bereichen Landschaftsarchitektur, Urbanismus und Achitektur erarbeitet (Foto: Topotek 1)

Martin Rein-Cano, in welcher Verantwortung sehen Sie in Corona-Zeiten die planenden Disziplinen? Kommt ihnen eine besondere Aufgabe zu?

Eigentlich sehe ich für die Planung, zumindest in diesem Moment, noch keine spezifische Relevanz. Ihr kommt aus meiner Sicht ebenso wie der restlichen Bürgerschaft eine eher gesamtgesellschaftliche, solidarische Verantwortung zu. Wir befinden uns in einer Zeit des täglichen Wandels, die es der Planung noch gar nicht ermöglicht die Themen, die an sie herangetragen werden, umzusetzen. Wirft man einen Blick in unsere baukulturelle Geschichte so hatten Krisen bisher immer immense Auswirkungen auf unsere Professionen. Aber diese lassen sich jetzt noch nicht erahnen.

Daher ist für mich persönlich die aktuelle Situation vor allem aus einer sozialen, beziehungsweisesoziologischen Perspektive interessant. Eine große Rolle spielt da der Aspekt der Arbeitskultur – ein Bereich, in dem momentan sehr viel Bewegung steckt. Auch hier sollten wir uns die Frage stellen: Wie kann es uns gelingen die „Schwachen“, in diesem Fall die jungen und unerfahrenen Mitarbeiter, mitzunehmen? Das ältere Semester schafft das Homeoffice ja ganz gut, da es die Arbeitsabläufe bereits über Jahre hinweg eingeübt hat. Das Problem besteht eher in der Weitergabe von Wissen an die jüngeren Kollegen und in der Frage, wie man professionelles, kreatives Knowhow via Telefonie und Online-Meeting produktiv vermittelt. Das alles bringt arbeitsstrukturelle und verhaltensstrukturelle Veränderungenmit sich mit denen man umgehen muss.

“Man spürt die Verunsicherung der Akteure.”

Einige Ihrer Kollegen sehen das augenscheinlich anders und haben in den vergangenen Wochen eine Vielzahl von Projekten angestoßen …

Was aus meiner Sicht jetzt nicht hilft, sind einfache, populistische Hau-Ruck-Lösungen – egal von wem sie kommen. Das aktuell so beliebte „wishful thinking“ hilftebenso wenig wie bewachsene Fassaden das Klimaproblem lösen – da steckt meiner Meinung nach viel Imagepflege drin. Ungeachtet dessen, bin ich aber der Meinung, dass jeder seinen eigenen Beitrag leisten muss, um diesen Konflikt aktiv zu bewältigen. Jedes Unternehmen, jede Privatperson entwickelt derzeit eigene Methoden und Regeln und testet diese. Wir alle experimentieren gerade mit neuen Lösungen, sind handelndes Subjekt und Anschauungsmaterial zur gleichen Zeit – das ist neu und irgendwie auch unterhaltsam.

Wie gehen Sie selber bei Topotek 1 mit der aktuellen Situation um?

Wir haben im Büro zu einer kreativen Mischsituation gefunden, die es uns ermöglicht, ein Minimum an professionellem Austausch und sozialer Interaktion aufrecht zu erhalten. Zwei Drittel der Belegschaft ist im Homeoffice, der Rest, inklusive der Geschäftsführung, ist täglich im Büro – mit ausreichend Abstand, Mundschutz und literweise Desinfektionsmittel. Auf diese Weise gelingt es uns auch, kleinere Projekte anzuschieben und das, für uns so wichtige, Wettbewerbsgeschäft am Laufen zu halten. Aber die allgemeine Aktivität ist merklich zurück gegangen, man spürt die Verunsicherung der Akteure.

“Wir sollten uns im Scheitern üben.”

„You never want a serious crisis to go to waste”, sagte Rahm Emanuel. Welche Chancen sehen Sie in dieser Krise?

Ich möchte gerne mit einem Zitat von Samuel Beckett dagegenhalten: „Try again. Fail again. Fail better.“ Denn offen gesagt, geht mir dieses euphemistische Gehabe auf den Senkel. Die Politik hat, ebenso wie die Architektur, schon immer idealisierende Zukunftsbilder generiert und eine allgemeine Tendenz zur Schönfärberei. Vielleicht wäre es zum aktuellen Zeitpunkt angebrachter, sich einmal tatsächlich auf die Komponente des Scheiterns einzulassen. Denn meines Erachtens macht die Corona-Pandemie vor allem „Dinge“ sichtbar, sie potenziert Problemstellen, die schon vor dem Ausbruch da waren. Wir sollten uns alle einmal im Scheitern üben, den Druck aushalten und uns nicht immer umgehend in eine neue, schöne und heile Welt translozieren.

Topotek 1xG+L: Im Juli veröffentlicht Garten+Landschaft, die Zeitschrift für Landschaftsarchitektur und Stadtplanung, eine Ausgabe, die von Topotek 1 gastkuratiert wurde.

Vorheriger Artikel

Nächster Artikel

das könnte Ihnen auch gefallen

Scroll to Top