20.04.2020

Event

„Als Designer fühlen wir uns verpflichtet unsere Fähigkeiten einzubringen“

von Theresa Ramisch

CURA steht für Connected Units for Respiratory Ailments

Zur Behandlung des Coronavirus haben Carlo Ratti und Italo Rota mit dem Ingenieurstudio Jacobs und dem Digitalstudio Squint / Opera „CURA“ entwickelt – ein System modularer Intensivstationen auf Grundlage von ISO-Containern. CURA sollen eine schnelle Lösung für den akuten Platzmangel auf Intensivstationen bieten. Der erste Prototyp in einem Turiner Krankenhaus wird heute, am 20. April, seine ersten Patienten aufnehmen. Wir haben mit Carlo Ratti gesprochen und uns mit ihm über die Folgen der Corona-Pandemie für die Profession und über die Weiterentwicklung von CURA unterhalten.

Carlo Ratti entwarf mit seinem Team Intensivstationen in Containern. (Foto: Brendan Zhang)

Schnell wie ein Krankenhauszelt, sicher wie eine Isolierstation

Carlo Ratti, Italien wurde von der Corona-Krise hart getroffen. Welche Gedanken beschäftigen Sie diese Tage?

Leider verbreitet sich die Krise sehr schnell, die Notsituation ist also nicht nur auf ein Land begrenzt. Die zweite Corona-Welle hat Italien (nach Asien) schwer getroffen, doch inzwischen sind andere Länder noch stärker betroffen. Es handelt sich um eine globale Krise, die globale Probleme mit sich bringt: Die Kapazitäten der Krankenhäuser reichen nicht aus, um die Menge an Patienten mit Atemwegsinfekten zu versorgen, besonders was Intensivstationen betrifft. Außerdem verbreitet sich das Virus schnell von einem Ort zum nächsten, es ist also wichtig, über Systeme nachzudenken, die Intensivstationen beweglich, flexibel und kostengünstig bereitstellen können. Gestern waren Mailand und Madrid im Auge des Sturms, heute ist es New York City. Welche Stadt wird es morgen sein?

Wie gehen Sie als Architekturbüro die derzeitigen Herausforderungen an?

Wir haben seit Beginn des Ausbruchs verstanden, dass es Veränderungen geben wird. Das betrifft nicht nur Fernarbeit und die Umstellung unserer Alltagsgewohnheiten. Als Designer fühlten wir uns verpflichtet zu handeln und unsere Kompetenzen in die aktuelle Krise einzubringen. Unsere erste Reaktion war, zu überlegen, wie wir unsere eigenen Fähigkeiten einsetzen könnten, um etwas zu der Notlage beizutragen. Wir gründeten eine Task Force aus Ingenieuren, Ärzten, Militärexperten, NGOs und anderen Beratern, um Lösungen für Open-Source-Intensivstationen zu entwerfen. Das war zweifellos unsere größte Herausforderung, da wir uns alle im Lockdown befinden – also fanden alle Projektmeetings über Skype oder Zoom statt. Mit diesen Programmen kann man zwar sehr gut diskutieren, doch sie sind nicht ideal, um zusammen etwas zu zeichnen oder entwerfen. In jedem Fall war es sehr aufregend für uns, auf die Notlage zu reagieren und etwas beizutragen.

CURA steht für Connected Units for Respiratory Ailments
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Neuer Blickwinkel auf “Spaceship Earth”

Alle Visualisierungen: Carlo Ratti Associati 

Mit CURA haben Sie und Ihre Kollegen eine modulare Intensivstation entwickelt. Wie fortgeschritten ist der Prototyp in Turin? Und wird es weitere CURA-Einheiten geben?

Der von der europäischen Bank Unicredit finanzierte Prototyp wird heute, ab dem 20. April Patienten aufnehmen. Wir möchten ihn ausbauen und für den Einsatz in anderen Ländern bereitstellen, je nach Entwicklung der Pandemie. Die Einheiten können so schnell wie ein Krankenhauszelt aufgebaut werden, sind aber dank der Bioabdichtung mit Unterdruck so sicher wie eine Isolierstation. Sie können außerdem entsprechend den Bedürfnissen und Kapazitäten der regionalen Gesundheitsinfrastruktur an verschiedenen Standorten wiederverwendet werden.

Jede Krise ist also eine Chance. Welche Chancen sehen Sie? Was kann die internationale Architekturszene tun, um Italien und Europa in dieser Krise zu unterstützen?

Rahm Emanuel, der ehemalige Stabschef von Barack Obama und Bürgermeister von Chicago, sagte bekanntlich: „Eine ernsthafte Krise sollte niemals verschwendet werden“. Nun ist es an der Zeit, sich auf die Dinge zu konzentrieren, die wirklich wichtig sind – alte Gewohnheiten ablegen, bei der Entwicklung von Projekten mitwirken, die unsere Gesellschaft wirklich weiterbringen können, uns selbst neu erfinden.

Das gilt für jeden von uns in unseren Büros, aber auch für die Gesellschaft als Ganzes. Massendaten zeigen uns, wie man eine Epidemie kontrolliert, aber können sie uns dabei helfen, bessere Städte zu entwerfen? Brauchen wir all die teuren Büroimmobilien in unseren Städten noch? Können wir weiterhin mit weniger Konsum leben, wie wir es während der Krise erleben? Und schließlich, da wir ausnahmsweise alle im selben Boot sitzen, können wir neue Wege der Zusammenarbeit auf dem Planeten finden? Ich hoffe, wir gehen aus dieser Sache mit einem neuen Blickwinkel auf unser fragiles „Spaceship Earth“, wie Bucky Fuller gesagt hätte, hervor.

Übersetzt aus dem Englischen von Nina Gründing.

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