08.11.2023

Portrait

Expressionismus – Die kleine Baumeister-Stilgeschichte

Malerei und Expressionismus: Wenzel Hablik, Cycle's Utopian Architectures, Airplane Towers, Silos, Artist Apartments, 1921, oil on canvas, 94 x 189.5 cm, Foto: Wikimedia.
Malerei und Expressionismus: Wenzel Hablik, Cycle's Utopian Architectures, Airplane Towers, Silos, Artist Apartments, 1921, oil on canvas, 94 x 189.5 cm, Foto: Wenzel Hablik, Public domain, via Wikimedia Commons.

Expressionistische Architektur ist ein Baustil, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufkam. Die berühmtesten Beispiele dieser Architektur befinden sich in Deutschland, vor allem in Berlin und in Norddeutschland. Noch bis in die 1920er- und 1930er-Jahre war er in der Baukunst en vogue. Eine Spurensuche.

Die Entwerfer expressionistischer Bauten fanden um 1900 in vielen anderen Kunstgattungen Inspiration und formten ein ausdruckstarkes Vokabular für asymmetrische Baukörper, überlängte Formen und eine besondere Materialsprache. Stilprägend für sie war vor allem die 1907 gegründete Dresdner Künstlervereinigung „Die Brücke“, deren wichtigster Maler, Ernst Ludwig Kirchner, aus der Architektur kam und bei Fritz Schumacher ausgebildet worden war. Kirchner sah in der Malerei und Bildhauerei jedoch ein unmittelbareres Werkzeug, um sich auszudrücken. Kennzeichnend für seinen Malstil sind schroffe, kristallin aufgefächerte, gezackte Formen.


Spagat aus Freiheit und Notwendigkeit

Genau diese Gestaltungsprinzipien finden sich in der expressionistischen Architektur wieder. Jedoch hat der Stil es in der Umsetzung, wie der Architekturhistoriker Wolfgang Pehnt schon herausstellte, nicht so einfach. Denn natürlich ist Bauen sehr eng an konkrete Rahmenbedingungen gebunden. Es gibt Bauprogramme, Kostenrahmen, Zweck und Nutzen. Dennoch ist es gelungen, diesen Spagat aus Freiheit, die der bildenden Kunst in fast unbegrenztem Maße eingeräumt werden kann, und Notwendigkeit, an die die Architektur gebunden ist, zu überbrücken. Die Architekten des Expressionismus bedienten sich dafür auch aus der Historie, definierten Gebäudetypologien anders, mischten Traditionen und schufen neuartige Konstruktionen.


Expressionistisches Glashaus von Bruno Taut

Am Anfang war Bruno Taut. 1914 schuf er das erste Aushängeschild dieser neuen Architektur. Es ist sein berühmtes Glashaus für die Deutsche-Werkbund-Ausstellung in Köln. Entworfen als Reklame-Pavillon der Glasindustrie, musste es Taut weitgehend selbst finanzieren. Tagsüber spiegelte sich in der kristallinen Kuppel die räumliche Umgebung des Rheinufers, nachts verwandelte sich der innen illuminierte Körper in ein funkelndes, strahlendes Juwel: Expressivität pur. Der Rundbau aus den Materialien Beton, Stahl und Glas stellte für Taut eine Einheit von Natur, Kunst und Technik dar. Nachdem im August 1914 die Ausstellung im Zuge der Mobilmachung zum Ersten Weltkrieg geschlossen wurde, überlebte das Bauwerk die Kriegsjahre als geplündertes Betonskelett und wurde nach dem Ersten Weltkrieg abgerissen.

Expressionismus Bruno Taut, Glashaus auf der Deutschen Werkbund Ausstellung Cöln 1914, Foto: Wikimedia
Bruno Taut, Glashaus auf der Deutschen Werkbund Ausstellung Cöln 1914, Foto: Bruno Taut, Public domain, via Wikimedia Commons.

Wendepunkt im Expressionismus: Architekten ohne Auftrag

Im April 1919 veranstaltete der revolutionär ausgerichtete „Arbeitsrat für Kunst“ in Berlin eine Architektur-Ausstellung. Walter Gropius, der zu den ersten Wortführern dieses Rats gehörte, ging es darum, „Idealprojekte“ visualisieren zu lassen. Die vielen arbeitslosen Architekten sollten so die Möglichkeit haben, frei zu gestalten, ohne Bauherr, ohne Zweck. Es entstanden imaginäre, kosmische Visionen, die auf die neue Generation von Architekten nachwirkten. Das waren die Kristallpaläste von Hans Scharoun, die kosmischen Welten von Wassili Luckhardt oder die skizzierten Luftschlösser von Wenzel Hablik. Die Spuren dieser Ausstellung? Man findet sie in Hans Poelzigs Umbau und Innenraumgestaltung des Großen Schauspielhauses in Berlin. Sowie in dem einer imposanten Skulptur gleichenden Einsteinturm von Erich Mendelsohn und in Walter Gropius’ Weimarer Denkmal der Märzgefallenen, das einen Blitzeinschlag in die Form bringt.

Expressionismus Hans Poelzig, Großes Schauspielhaus Berlin, 1919 (Außenansicht). Foto: Wikimedia.
Hans Poelzig, Großes Schauspielhaus Berlin, 1919 (Außenansicht). Foto: CC0, via Wikimedia Commons.

Expressionismus: Ein Turm für Einstein

Zwischen 1920 und 1922 wurde nach dem Entwurf von Erich Mendelssohn der Einsteinturm als Observatorium auf dem Telegrafenberg in Potsdam erbaut – ein für seine Entstehungszeit revolutionäres Bauwerk. Ausschlaggebend für den Auftrag war die enge Verbindung zwischen dem Astrophysiker Erwin Finlay-Freundlich, der an der Sternwarte in Babelsberg bei Potsdam arbeitete, und dem Architekten Erich Mendelssohn. Freundlich stand schon seit 1917 mit Albert Einstein wegen der Errichtung des Observatoriums in regem Austausch.

Erich Mendelsohn erprobte in dieser Zeit moderne Baumaterialien wie Stahl und Stahlbeton, die für ihn elastisches „Potenzial“ hatten. Er wollte eine geschwungene, weiche und gekurvte Kubatur schaffen. Auch wenn der Einsteinturm den Eindruck vermittelt, aus Beton geformt zu sein, wie ursprünglich geplant, so wurde er gemauert und dann verputzt. Der Turm war als Schutzhülle für das geplante vertikale Teleskop gedacht, das auf einem eigenen Fundament im Innenraum installiert werden sollte. Erich Mendelsohn selbst schrieb zu seinem berühmten Entwurf: „Ich übertrage zum ersten Mal Funktion und Dynamik als Gegensatzpaar auf das Gebiet der Architektur.“

Expressionismus Einsteinturm, Foto: Wikimedia CC BY 2.0 Jean-Pierre Dalbéra from Paris, France, La tour Einstein (Potsdam, Allemagne) (9616566364)
Einsteinturm, Fotos: Wikimedia CC BY 2.0 Jean-Pierre Dalbéra from Paris, France, La tour Einstein
Expressionismus Einsteinturm, Foto: Wikimedia CC BY 2.0 Jean-Pierre Dalbéra from Paris, France, La tour Einstein (Potsdam, Allemagne) (9616566364)

Vom Blitz getroffen

Für die Gefallenen, die bei der Niederwerfung des rechtsradikalen und restaurativen Kapp-Putsches im Jahr 1920 gestorben waren, wurde von dem Thüringer Gewerkschaftskartell ein Wettbewerb ausgelobt, an dem Walter Gropius, sicher noch unter dem Eindruck der Aktivitäten des „Arbeitsrat für Kunst“, teilnahm. In Zusammenarbeit mit der Bildhauerklasse des Weimarer Bauhauses modellierte er seinen „Blitz-strahl“. Das war eine Skulptur mit expressionistischen kristallinen Strukturen in Form eines Blitzes mit sieben rahmenden Grabplatten für die Opfer des Putsches.

Das Denkmal sollte ursprünglich aus Kalkstein bestehen, wurde aber in Beton gegossen und am 1. Mai 1922 auf dem Weimarer Hauptfriedhof enthüllt. „Der Blitz aus dem Grabesboden als Wahrzeichen des lebendigen Geistes“, so beschrieb Gropius die Skulptur, die jedoch nicht nur expressiv ist. Sie ist auch das erste abstrakte Denkmal in der deutschen Geschichte. Im Februar 1936 wurde sie als „entartete Kunst“ zerstört, nach 1946 rekonstruiert.

Expressionismus Walter Gropius, Denkmal für die Märzgefallenen, 1922, Weimar. Foto: Wikimedia.
Walter Gropius, Denkmal für die Märzgefallenen, 1922, Weimar. Foto: Paul Wolff, CC0, via Wikimedia Commons.

Höchst AG und Peter Behrens

Backstein und Ziegel waren schon seit den Berliner AEG-Bauten eine Signatur für Peter Behrens‘ Architektur. Um 1920 begann der Meister der Industriearchitektur das technische Verwaltungsgebäude der ehemaligen Hoechst AG in Frankfurt zu entwerfen. Der Entwurfsprozess dauerte nur wenige Wochen; bis 1924 war der Bau schon vollendet. In der äußeren Formgebung ist er dem Burgenbau angelehnt, eine Brücke und ein Turm mit Glockenspiel sind seine markantesten Details. Mit einer Fassade aus Backstein in zwei Farbtönen und ruhiger dekorativer Gliederung gibt sich der Verwaltungsbau als Beispiel des sogenannten „Backsteinexpressionismus“ zu erkennen, der sonst in Norddeutschland große Verbreitung fand.

Nach außen rational und fast bescheiden wird es im Innern des Behrens-Baus weitaus ausdrucksvoller. Zu den Haupträumen zählen der Lichthof und die Ausstellungshalle: Der mit Klinkern in Spektralfarben ausgestaltete Lichthof wird von drei kristallartig angelegten Glaskuppeln überdacht. Hier dominieren Farben, viel Licht und eine betont vertikale Ausrichtung der Innenfassade. Diese Raumgestaltung erinnert an die spätgotischen Kathedralarchitekturen und trägt zurecht den Beinamen „umbautes Licht“. Mindestens genauso expressiv zeigt sich die im Jahr 2008 wieder nach dem Original hergestellte Ausstellungshalle in farbigen Klinkern und dynamisch expressiven Dekoren an der Decke und am Fußboden. Es wundert nicht, dass die Geschäftsführung von Infraserv Höchst in dem Behrens-Bau Quartier bezogen hat.

Expressionismus Peter Behrens, Industriepark Höchst, Eingangshalle. Foto: Wikimedia.
Peter Behrens, Industriepark Höchst, Eingangshalle. Foto: Eva K., (GFDL) & CreativeCommons (CC) via Wikimedia Commons.
Expressionismus 6 Peter Behrens, Technisches Verwaltungsgebäude der Hoechst AG. Foto: Wikimedia.
6 Peter Behrens, Technisches Verwaltungsgebäude der Hoechst AG. Foto: Foto: Eva K., (GFDL) & CreativeCommons (CC) via Wikimedia Commons.
Expressionismus Peter Behrens, Industriepark Höchst, Ausstellungshalle, Foto: Wikimedia.
Peter Behrens, Industriepark Höchst, Ausstellungshalle, Foto: Foto: Eva K., (GFDL) & CreativeCommons (CC) via Wikimedia Commons.

Tropfsteinhöhle von Hans Poelzig

Eigentlich war der „Raum“ des Großen Schauspielhauses ab 1865 die erste Berliner Markthalle. Ab 1873 hatten unterschiedliche Zirkus-Unternehmen hier ihren Sitz, bis die Halle 1918 an die Deutsche National-Theater AG verkauft wurde. Die ließ die Zirkusarena mit über 5.000 Plätzen von 1918 bis 1919 durch den Architekten Hans Poelzig als Revuetheater umbauen. Poelzig zog in die gusseiserne Hallenkonstruktion eine Stuckdecke mit tropfenförmig herabhängenden Zapfen ein: Der Theatersaal sah nun aus wie eine riesige Grotte, von der aus man auf die Bühne schaute. Das avantgardistische expressionistische Theater hatte in ihr sein Zuhause gefunden.

In Berlin sprach man im Zusammenhang mit dem Großen Schauspielhaus und seinem Theatersaal nur noch von der „Tropfsteinhöhle“. Das Foyer als Entrée in den Hauptraum stimmte mit weit auskragenden Lichtschirmen auf diese Innenarchitektur ein. Am 28. November 1919 fand die feierliche Eröffnung des Großen Schauspielhauses mit der Aufführung Die Orestie von Aischylos unter der Regie von Max Reinhardt statt. Die Nationalsozialisten benannten das Theater 1934 in Theater des Volkes um, und 1938 rissen Arbeiter der Deutschen Arbeitsfront die Stalaktiten Wand von Poelzig wieder heraus. Dafür installierten sie eine „Führerloge“.

Expressionismus Hans Poelzig, Großes Schauspielhaus Berlin, 1919. Foto: Wikimedia.
Hans Poelzig, Großes Schauspielhaus Berlin, 1919. Fotos: Hans Poelzig (1869-1936), CC0, via Wikimedia Commons
Expressionismus Hans Poelzig, Großes Schauspielhaus Berlin, 1919. Foto: Wikimedia.

Backsteinexpressionismus in Norddeutschland

Der norddeutsche Expressionismus wird auch Backsteinexpressionismus genannt. Backsteinfassaden gaben der Architektur ihr Gesicht. Ganz anders als die Entwerfer um Bruno Taut und Walter Gropius mit ihrem Hang zu einem messianischen Kommunismus fanden ihre norddeutschen Kollegen ihre Inspiration in germanischen Mythologien. Moderne Baumaterialien wie Stahlbeton waren ihnen dabei verpönt.

Das bekannteste Bauwerk des Backsteinexpressionismus ist das von 1922 bis 1924 erbaute Chilehaus im Hamburger Kontorviertel. Es ist das Hauptwerk des Architekten Fritz Höger und, mitten in der Inflationszeit begonnen, wurde es zum Ausdruck des Aufbauwillens der Hamburger Wirtschaft nach dem Ersten Weltkrieg. Der Bau zählt mit seinen 36.000 Quadratmetern Bruttogeschossfläche und bis zu zehn Stockwerken auf einer Grundfläche von 5.950 Quadratmetern zu den ersten Hamburger Hochhäusern. Mit der an einen Schiffsbug erinnernden Spitze nach Osten ist es zu einer Ikone des expressionistischen Baustils geworden.

Expressionismus Fritz Höger, Chile Haus Hamburg - Sprinkenhof, Foto: Wikimedia, Matthias Süßen, Chilehaus Hamburg-6361, CC BY-SA 4.0
Fritz Höger, Chile Haus Hamburg - Sprinkenhof, Fotos: Matthias Süßen, Chilehaus Hamburg, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons.
Expressionismus Fritz Höger, Chile Haus Hamburg, Foto: Wikimedia Matthias Suessen Chilehaus Hamburg-6356, CC BY-SA 4.0
Fritz Höger, Chile Haus Hamburg, Foto: Wikimedia Matthias Suessen Chilehaus Hamburg-6359, CC BY-SA 4.0

Zur Popularität des Chileshauses trug auch die hervorragende Architekturfotografie von Carl und Adolf Dransfeld aus dem Jahr 1924 bei. In ihrem spektakulärsten Foto betonten sie die Ostspitze des Gebäudes und bildeten sie aus extremer Untersicht ab. Das Chilehaus wurde mit ihren Aufnahmen zu einem der am häufigsten abgebildeten deutschen Architekturmotive der 1920er-Jahre. Am 5. Juli 2015 wurde das Kontorhausviertel zusammen mit der Speicherstadt Hamburg und dem Chilehaus zum Unesco-Weltkulturerbe ernannt.

Lesen Sie in unserer Serie „Baumeister-Stilgeschichte“ auch unsere Artikel zu Kubismus und Jugendstil.

Expressionismus Architekturfoto der Gebrüder Dransfeld : Chilehaus. Foto: Wikimedia.
Architekturfoto der Gebrüder Dransfeld : Chilehaus. Foto: Carl Dransfeld † 1941-11-09, Public domain, via Wikimedia Commons.
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