Wider das stille Vergessen

Wenn ein Haus, das eine besondere geschichtliche Bedeutung hat, erst einmal weg ist, dann schwindet nach und nach auch die Erinnerung an die damit verbundene Geschichte. Beispiele in Deutschland gibt es genug – durch die Zerstörung im Krieg oder den Abriss in der Nachkriegszeit. Somit fällt der Denkmalpflege eine große Verantwortung zu, was die gesellschaftliche Aufarbeitung geschichtlicher Ereignisse im gebauten Raum betrifft. Doch wie gehen andere Länder damit um? Das Rosa-Parks-Haus-Projekt ist ein solches Beispiel für die USA: Es legt zudem den gesamtgesellschaftlichen Zustand einer ganzen Nation mit ihren Konflikten und Widersprüchen auf glasklare Weise bloß. Dank der Initiative eines deutsch-amerikanischen Künstlerpaars wurde es dem Vergessen und dem drohenden Abriss in Detroit entrissen und nach Berlin verfrachtet, wiederaufgebaut und als räumlich-künstlerisches Statement der Öffentlichkeit präsentiert. Nach einem Gastaufenthalt in Deutschland ist das Haus der Ikone der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung nun wieder in die USA zurückgekehrt.

Rosa Parks House during reconstruction in Berlin, copyright Fabia Mendoza _ The White House Documentary
Zugleich historisches Dokument und Kunstprojekt: Das Haus bleibt auf verblüffende Weise interpretationsoffen und aktuell. Foto: Fabia Mendoza.

 

Kleines Haus, große Bedeutung

Es ist ein eher bescheidenes Häuschen, mit drei Schlafzimmern, einer Konstruktion, Böden, Decken, Wänden und Verschalung aus Holz sowie einem Kamin aus Backstein. Der amerikanische Künstler Ryan Mendoza entdeckte es in Detroit, und für beide begann damals eine Reise, die zu einer bemerkenswerten Auseinandersetzung mit der Architektur als Gedächtnisträger führte. Mendoza traf sich vor dem Haus mit Rosa Parks’ Nichte, Rhea McCauley, in der Deacon Street. Hier hatte die Familie Parks – Rosa, ihr Bruder, ihre Schwägerin sowie dreizehn Kinder – bis 1982 gelebt. Frau McCauley hat das Haus von der Stadt zurückgekauft, für 500 Dollar, damit es nicht zum Abriss freigegeben wurde. Seitens der Stadt Detroit gab es nämlich keinerlei Interesse an dem Haus oder seiner Bedeutung als Refugium für Rosa Parks, die den Süden der USA wegen Anfeindungen und bestehender Lebensgefahr verlassen musste. So entschloss sich Mendoza, das Haus eigenständig zu demontieren und nach Berlin zu schaffen. Nach seiner Auffassung musste es als geschichtliches Zeugnis der Welt geschützt werden und erhalten bleiben.

Mendoza ließ den gesamten hölzernen Bausatz im Schiffscontainer nach Deutschland verfrachten, genauer, in den Berliner Stadtteil Wedding. Übung darin hatte der Künstler durch ein früheres Projekt, dem White House, gewonnen, das ebenfalls zerlegt, verschifft und neu zusammengesetzt worden war. In Zusammenarbeit mit zwei portugiesischen Architekten und Wahlberlinern glückte die Transposition des Rosa-Parks-Hauses: Mit einer kreuzförmigen Rahmenkonstruktion im Inneren konnte die aussteifende Wirkung des ursprünglichen Mauerwerkskamins ausbalanciert werden. Zwischen den Wohn- und Ateliergebäuden des Künstlerpaars Ryan und Fabia Mendoza wurde nun das Holzhäuschen aufgestellt, zur Begeisterung des heimischen Publikums. Hier stand es nun – ein Beispiel dafür, dass das gebaute Gedächtnis auch grenzüber- greifend und kontextentrückt möglich war. Inzwischen ist das Haus der Rosa Parks nach seinem Gastaufenthalt in Wedding allerdings wieder in die USA zurückgekehrt.

Ein Haus als Politikum

Geradezu fassungslos macht die Art und Weise, welche reaktionären Beharrungskräfte sich diesem architektonischen Artefakt gegen das Geschichtsvergessen dort nun entgegenstemmen: Es hat nicht lange gedauert, bis ein Streit über die Deutungshoheit über das Haus entbrannt ist und damit über dessen geschichtliche Relevanz. So wurde von einem Historiker schlichtweg geleugnet, dass Rosa Parks je in diesem Haus in Detroit gewohnt hatte. Obwohl es Augenzeugen gibt – Rosa Parks selbst habe sogar mit dem Finger darauf gezeigt und gesagt, „da haben wir gewohnt, und es war eng dort gewesen mit mehr als einem Dutzend Familienmitgliedern“. Doch dieses Faktum zu leugnen bedeutet auch, das Leben der Rosa Parks zu verschleiern und schlimmstenfalls zu banalisieren. Warum hat die Brown Uni- versity im Bundesstaat Rhode Island das Gebäude überhaupt erst zurück in die USA geholt, um nun die Förderung für das Projekt zu streichen? War der Gründer der Brown University etwa Sklavenhalter gewesen? Ja, so war es. Ist ein Projekt, dass sich mit der Geschichte der Rassentrennung in den USA befasst, daher unangenehm? So scheint es zu sein.

Ryan Mendoza and Rhea McCauley in front of Rosa Parks House, Berlin, copyright Fabia Mendoza
Vor Rosa Parks' Haus: die Nichte und der Künstler. Foto: Fabia Mendoza.

 

Es ist nun über 50 Jahre her, dass die Civil-Rights-Bewegung endlich eine zumindest gesetzliche Gleichstellung aller Bürger der USA garantiert. Der Civil Rights Act ist offenbar auch nicht das Ende des langen Wegs, der ja durchaus gewaltsam beschritten wurde. Parks floh damals zu ihrem Bruder nach Detroit in das besagte Häuschen. Nun, Jahrzehnte später, erfahren die revanchistischen Feuerstellen chauvinistischer, rassistischer und nationalistischer Couleur seit Amtsantritt des aktuellen Präsidenten einen erheblichen Zuschlag an Brandbeschleunigern. Solche Tendenzen sind Teil der historischen Last und realen Lebenswirklichkeit der US-amerikanischen Gesellschaft, die konstitutionell dazu bestimmt ist, auch ihre widerwärtigsten Erscheinungen zu ertragen, solange sie nicht die Grenzen der Legalität überschreiten.

Gegenstand des Erinnerns

Daher ist das „haptische“ Erinnern entscheidend: Im Englischen bedeutet übrigens das Wort „re-member“ im übertragenen Sinn auch „putting the members back together“, also die baulichen Elemente wieder zusammenfügen. Das Rosa-Parks-Haus bewegt sich dadurch zwischen historischem Dokument und Kunstprojekt. Tatsächlich ist Mendoza mit der Rolle des Botschafters dieses baulichen Denkmals der Bürgerrechtsbewegung zufrieden. Wichtig sei, sagt er, das Haus als Gegenstand des Erinnerns zu begreifen und es zu zelebrieren. Ryan und Fabia Mendozas Recherchen zeigen, dass das Haus die rassistische Realität des Bauens der damaligen Zeit beispielhaft repräsentiert. Rosa Parks selbst besaß das Haus nie, in dem sie wohnte. Auch wenn in der Stadt Detroit Schwarze in beachtlicher Zahl zu Hausbesitzern werden konnten, legt die räumliche Segregation ausreichend Zeugnis über diskriminierende Praktiken zur Zeit der Rassentrennung ab. Aber auch danach blieben die dysfunktionalen Beziehungen zwischen den Ethnien im Raum festgeschrieben und über Generationen zementiert. Das boshafte und hasserfüllte Echo dieser systematischen Benachteiligung ist dort noch heute hör- und spürbar. Das Rosa-Parks-Haus verweist auf diese Ungleichheit auf unmissverständliche Weise. Dabei bleibt es auf verblüffende Weise interpretationsoffen und somit aktuell. Vielleicht auch deswegen, weil das Dach über dem Kopf etwas so Fundamentales ist, dass jeder mühelos zu dieser Geschichte einen Bezug finden kann.

Die Offenheit und Konsequenz, mit der Ryan Mendoza dieses Projekt verfolgt, entspringt offenbar einem zutiefst menschlichen, empathischen Gefühl. Die Geschichte der Rosa Parks hörte eben nicht in Montgomery auf, sie ging in Detroit weiter. Das Haus bezieht somit Stellung. Vielleicht ist es deshalb so unbequem, dass Institutionen, die selbst geschichtlich belastet sind, es als Bedrohung wahrnehmen. Doch sie können nur flüstern, während das Haus laut ruft, wo die Ungleichheit ihren Sitz hat. So kann Erinnerungskultur gestaltet werden – durch „das Einschreiben des Gedächtnisses in die Topografie“, wie Mendoza es nennt. Die internationale Wanderschaft des Rosa-Parks-Hauses bringt uns allen diese Kultur nahe.

 

Dieser Beitrag stammt aus unserem August-Heft zum Thema Denkmalschutz – im Handel seit 25. Juli.