Volkstheater München: Vorhang auf

Gerade fühlt es sich so an, als eröffne jede Woche ein neuer Ort für Kultur in München. Das liegt zum einen an dem Spielort für Tanz, Theater und Musik Schwere Reiter, dem Konzertsaal Isarphilharmonie und besonders am Volkstheater München. Während die beiden ersten Häuser temporär sind, konnte das Volkstheater endlich seine provisorische Bleibe verlassen und in den modernsten Theaterbau Deutschlands ziehen. Verantwortlich für die Architektur ist das Büro LRO Lederer Ragnarsdóttir Oei. Mehr zum neuen architektonischen Protagonisten des Schlachthofviertels lesen Sie hier.

1983 gegründet, zog das Münchner Volkstheater provisorisch in eine Fünfzigerjahre-Mehrzweckhalle im Haus des Sports in der Maxvorstadt. Nun fiel im Juni 2021 der letzte Vorhang an der Brienner Straße. Ab dem 15. Oktober spielt das Volkstheater, das Team um Intendant Christian Stückl, im Schlachthofviertel. Genauer gesagt, auf dem alten Viehhof, direkt gegenüber dem Schlachthof.

Das von der Stadt München ausgeschriebene, europaweite Verfahren für den Neubau des Volkstheaters entschieden die Architekten von LRO Lederer Ragnarsdóttir Oei aus Stuttgart für sich. Als Generalübernehmer verpflichtete sich Bauunternehmen Georg Reisch vertraglich dazu, den Neubau zum festgelegten Zeitpunkt sowie zum vereinbarten Fixpreis – rund 131 Millionen Euro – dem Volkstheater München schlüsselfertig zu übergeben.

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Hauptprotagonist Volkstheater München

Auf einem Areal von fast 18.000 Quadratmetern bildet das Volkstheater München den Mittelpunkt. Im Norden integriert es einen denkmalgeschützten Bestandsbau als Gebäudeflügel. Dabei spiegelt das Münchner Volkstheater die Geschichte des Orts wider. Im Westen grenzt das Ensemble nahezu unmittelbar an die dicht bebaute Nachbarschaft an. Außerdem entsteht im Osten und Süden um das Volkstheater München auf der etwa 50 Hektar großen Fläche des alten Viehhofs ein neues Quartier mit 600 Wohnbauten, Infrastruktureinrichtungen samt Konzepten für Bildung und Kultur.

Gestaffelte Höhen

Die Backsteinfassade des neuen Volkstheaters fügt sich wie selbstverständlich das Innenstadtquartier Schlachthofviertel ein. Form, Aufteilung sowie Höhenstaffelung des Baukörpers entstehen aus der Funktion. Rückspringend über dem Erd- und Obergeschoss befinden sich die gebäudetechnischen Anlagen. Sie werden von einer weißen gefalteten Gitterkonstruktion umhüllt. Der Bühnenturm überragt  dabei den gesamten Bau. Seine Hülle besteht aus einer semitransparenten Membran – inspiriert von einem Damenstrumpf, so der Architekt Arno Lederer. In der Sonne zeigt sich im Schattenspiel das Relief der Unterkonstruktion des Bühnenturms. Bei grauem Himmel verschmilzt er dagegen mit diesem.

Der denkmalgeschützte Altbau schließt an der Nordseite das Grundstück ab. In diesem befinden sich an der Stelle der ehemaligen Viehhändlerbüros nun Intendanz, künstlerische Leitung mit Dramaturgie, Künstlerwohnungen sowie eine eigene Kita. Bewusst entschieden sich die Architekten von LRO Lederer Ragnarsdóttir Oei dazu, an der inneren Fassadenseite des schmalen Gebäuderiegels die Bauweise und Struktur des ehemaligen Viehhofs sichtbar zu lassen. Die Besucher und Besucherinnen des Theaters sind dadurch mit der Historie des Orts konfrontiert, wenn sie durch den großen Torbogen in den Innenhof gelangen. Der Bogen verbindet Alt- und Neubau.

Der gepflasterte Hof teilt sich in zwei Teile: Vorne geht man auf den Haupteingang zu, der Windfang sowie Dachterrasse zugleich ist. Der rückwärtige Hofteil bietet Raum für die Außengastronomie des Theaterrestaurants. Ein junger Baum bringt Grün in die steinerne Umgebung. Leuchten von Herzog & de Meuron überspannen den Platz.

Buntes Treiben von LRO Lederer Ragnarsdóttir Oei

Die Wände im Foyer sind gelb, grün oder rot gestrichen, die Decke dunkelblau und wirkt dabei durch Lichtspots wie der Himmel bei Nacht. Die lange Bar aus Beton wurde in einem Stück gegossen. Der naturfarbene Holzboden balanciert alles aus. Die Treppe werden die Besucher und Besucherinnen des alten Theaters wiedererkennen: Ihre elliptische Grundrissform und die rechteckigen Wandleuchten sind ein Zitat der Treppe in der Brienner Straße.

Den Mittelpunkt des Volkstheaters bildet selbstverständlich der große Hauptsaal: Hier können – wie auch im alten Volkstheater München – rund 600 Zuschauer und Zuschauerinnen Platz nehmen. Der Orchestergraben kann bei Bedarf im abgedeckten Zustand auch als kleine Bühne oder für eine weitere Bestuhlung dienen. Die Hauptbühne dahinter befindet sich in dem 30 Meter hohen Turm – sie ist im wahrsten Sinne des Wortes Dreh- sowie Angelpunkt. Für den schnellen Kulissenwechsel können Bühnenbilder von oben, unten, hinten und rechts geschoben werden. Auch eine Drehbühne mit 15 Metern Durchmesser gibt es.

Alle Pläne: © LRO Lederer Ragnarsdóttir Oei

Viel Raum für Plätze

Während im ersten Obergeschoss Räume wie Maske, Requisite und die Kostümabteilung liegen, befinden sich auf Straßenniveau Werkstätten wie Schreinerei und Schlosserei. Hier können Bühnenbilder in voller Größe gebaut, aber auch weitertransportiert werden, denn die Räume und Durchgänge sind entsprechend hoch. Arbeitsschritte können damit nahtlos ineinandergreifen. Dadurch kann das Volkstheater München neben der Hauptbühne bereits mit dem fertigen Bühnenbild proben.

Neben dem Hauptsaal gibt es überdies noch weitere Spielorte im Volkstheater München. Ein mittlerer Saal hat dank eines integrierten Schubladensystems für die Bestuhlung Raum für etwa 200 Sitz- oder 400 Stehplätze. Hier kann die Bühne zudem variabel im Raum aufgebaut werden. Konkave Wände ermöglichen eine optimale Akustik. Ein kleiner Saal bietet Platz für rund 100 Personen. Zudem kann der Probenraum auch für Aufführungen genutzt werden, daher ist er direkt am Foyer angeordnet.

Den ganzen Artikel und weitere Bilder finden Sie in der Oktoberausgabe B10, Kulturbauten.

Wie zu Beginn erwähnt, öffneten diesen Spätsommer/Herbst auch zwei andere Spielorte in München. Der Schwere Reiter von Mahlknecht Herrle Architekten lädt Sie ins Münchner Kreativquartier. Und der Konzertsaal Isarphilharmonie von den Architekten von Gerkan, Marg und Partner bietet eine Bühne als Ersatz für den „Gasteig“, der nun saniert wird.