Schwarzes Juwel

In München ist der temporäre Konzertsaal „Isarphilharmonie“ von den Architekten von Gerkan, Marg und Partner fertig gestellt worden. Nun kann die Sanierung des bestehenden Konzertsaals „Gasteig“ beginnen.

Ein kleiner Schock wartet auf das feine Münchner Konzertpublikum. Denn die eben fertig gestellte Isarphilharmonie hält einige Überraschungen bereit. Da ist zunächst einmal die Lage. Die alte Trafohalle mit dem unauffälligen, direkt angeschlossenen, schlicht hellgrau verkleideten Neubau liegt gegenüber dem mächtigen Heizkraftwerk mit seinen Schloten. Dazwischen eine stark befahrene Verkehrsschneise stadtauswärts samt Tunnel.

Auf der anderen Seite ein eher beschauliches Wohngebiet entlang der Schäftlarnstraße und ein Reifenhändler. Und ja – die Ostseite des Geländes grenzt direkt an die Isar und wäre ein willkommener Lichtblick, aber davon darf das Konzerthaus nicht profitieren, weil dort laut Stadtrat eh schon zu viel gefeiert wird, was angeblich Unrat verursacht. So verbirgt sich der Fluss hier hinter dichtem Gebüsch. Parken können die Konzertbesucher am Schlachthof, aber besser kommen sie mit der U-Bahn und laufen zehn Minuten.

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Der Ort der Isarphilharmonie

Dennoch spricht Max Wagner, der Geschäftsführer der Gasteig München GmbH, bei einem Rundgang von einem Glücksfall, dass man dieses Gelände in Sendling gefunden habe. Nachdem man festgestellt habe, dass sich der Gasteig selbst nicht im Betrieb sanieren lasse, habe man sage und schreibe 36 Standorte für eine Übergangslösung in Betracht gezogen. Durch Zufall machten schließlich die Stadtwerke Max Wagner auf diese alte, leerstehende, denkmalgeschützte Trafohalle aufmerksam. Dabei handelt es sich um eine ehemalige Transformationshalle von 1929 mit Betonsockel, Ziegelwänden und einem Walmdach. Sie sollte nun zum Mittelpunkt der Isarphilharmonie und des ganzen Geländes werden.

Außerdem hat man hier aber noch ein temporäres Haus für die Volkshochschule, eines für die Musikhochschule und einen kleineren Konzertsaal gebraucht, eine Art Blackbox für etwa 150 Zuschauer. Sie sind inzwischen in kostengünstiger Modulbauweise errichtet. Zunächst hatten die Architekten von Gerkan, Marg und Partner und der Bauherr geplant, den Konzertsaal in die alte Halle einzubauen. Aber diese Idee wurde bald unter anderem aus Denkmalschutzgründen verworfen, und so entstand aus der Halle ein großzügiges Foyer mit zahlreichen anderen Funktionen. Den Konzertsaal selbst haben die Architekten dann separat direkt neben die alte Halle gestellt und beide mit einer verglasten Fuge verbunden.

Das gesamte Projekt Isarphilharmonie mit vier neuen Bauten und einer Sanierung musste extrem schnell abgewickelt werden und hatte einen sehr engen Kostenrahmen. Die Architekten hatten vom ersten Strich bis zur Eröffnung nur drei Jahre Zeit. Um das zu schaffen – und auch um im Budget zu bleiben –, verwendeten sie Industriebausysteme und verkleideten die Bauten mit günstigen, silbergrauen Platten, was zur Folge hat, dass selbst der Neubau des Konzertsaals den Charme eines Hochregallagers verströmt.

Historisches Foyer

Der Zugang zum Konzertsaal führt durch die alte Trafohalle. Hier im Inneren wartet die nächste Überraschung, denn sie hat sich kaum sichtbar verändert. Der Betonboden zeigt die Gebrauchsspuren von früher ebenso wie abgenutzte farbige Markierungen. Die blau lackierten, stählernen Brüstungen der drei umlaufenden Galerien sind belassen, wie sie waren, und zeigen immer noch Rostspuren. Einzig eine etwas höhere stählerne Absturzsicherung wurde vor die Brüstungen gebaut. Alle neuen Leitungen sind sichtbar montiert. Nicht zu sehen ist das neue Glasdach, denn die alte gläserne Zwischendecke darunter wurde sorgfältig repariert. Hoch über den Köpfen scheint der gewaltige, gelb lackierte Portalkran nur darauf zu warten, gleich loszufahren.

Im Altbau ist nun die Stadtbibliothek auf zwei Stockwerke eingezogen. Dazu gibt es Räume für die Philharmoniker, Seminar-, Besprechungs-, Veranstaltungsräume und vieles mehr. Neu dazu gekommen, sind außerdem eine Bar und Sitzstufen aus Beton. Bar und Bibliothek sollen allen Besuchern auch tagsüber stets offen stehen.

Der Konzertsaal

Zugang zum Konzertsaal der Isarphilharmonie hat man nur über die alte Trafohalle. Von dort gelangt man in eine „Fuge“ zwischen Alt- und Neubau, also Foyer und Konzertsaal, in der sich die Konstruktion des benachbarten Saals offenbart. Sichtbar wird ein gewaltiges Stahlgerüst aus dem Industriebau, in das Fertigteildecken und Treppen eingehängt wurden, um auf die Ränge des Saals zu gelangen. Man bestaunt hier die schweren, 30 Zentimeter starken Brettsperrholzwände, aus denen der Saal gebaut ist. Sie sind nur imprägniert, nicht gestrichen.

Die Architekten beschreiben den Saal der Isarphilharmonie als akustisch kostbares, hölzernes Instrument, vergleichbar mit einer Violine, die in einem profanen Geigenkasten steckt. Die Konstruktion besteht aus einem Stecksystem aus Vollholzelementen, deren Gewicht entscheidend war für die gute Akustik. In der Tat sind Hülle und Instrument akustisch getrennt.

Doch nun wartet der Saal selbst auf uns. Dorthin floss der Großteil des Budgets, und um es vorwegzunehmen – die Architekten investierten das Geld so äußerst sinnvoll. Aus dem hellen Foyer betritt man eine riesige dunkle Höhle. Holzwände und -decke sind anthrazitfarben lasiert. Wiederum in hellem Holz strahlt die Bühne heraus – laut Architekten die teuerste Anschaffung, da sie sich auf vielfältige Weise heben und senken lässt. Ein heller Holzboden verschafft Orientierung, ansonsten sind die Sitzreihen, die die Architekten entworfen haben, ebenfalls mit dunklen Stoff bezogen. Platz haben 1.900 Besucher.

Akustik und Moderne

Auch bei der Akustik scheute man weder Kosten noch Mühen und beauftragte Yasuhisa Toyota und sein Team von Nachtat Acoustics, den weltberühmten Konzertsaalspezialisten als Berater für die Geometrie des Saals. Im Gegensatz zur Elbphilharmonie hat man sich bei der Isarphilharmonie nicht für eine „Weinberg“-Anordnung der Sitzreihen entschieden, sondern hat die zweite mögliche Form einer „Schuhschachtel“ gewählt. Dennoch gibt es auch ein paar wenige Sitzreihen hinter dem Orchester, die ein Chor nutzen kann.

Kurz, hier ist der schönste moderne Konzertsaal Münchens entstanden. Alles rundum den Saal ist vergessen. Nun soll er für fünf Jahre bespielt werden, da dann die Sanierung des Gasteig abgeschlossen sein wird und das Orchester und alle Institutionen wieder zurückziehen können. Zu hoffen ist aber, dass er bestehen bleibt. Aber nun wird am 8. Oktober mit 1.900 Gästen und vollem Orchester erst einmal Eröffnung gefeiert.

Standort: Hans-Preisbinger-Straße 8, München-Sendling

Fotos: HG Esch Photography

In München sind derzeit auch zwei andere neue Spielorte zu besichtigen: das Volkstheater von Lederer Ragnarsdottir Oei und die Schwere-Reiter-Halle von Mahlknecht Herrle.