Schwere Reiter: Gar nicht eingerostet

Im Münchner Kreativquartier hat der neue Spielort für Tanz, Theater und Musik „Schwere Reiter“ eröffnet. Das Gebäude von Mahlknecht Herrle Architekten fällt durch seine markante Fassade aus Spundwänden auf.

Tanz, Theater und Musik – drei Münchner Institutionen sollten sich einen neuen, provisorischen Spielort teilen. Das war die Aufgabe für die Architekten Mahlknecht Herrle aus München. Die vorherige Spielstätte, die alte Halle „Schwere Reiter“ an der Dachauer Straße, war vor allem brandschutztechnisch seit Längerem nicht mehr auf dem neuesten Stand. Daher wird sie ab November saniert.

Günstige Lage im Kreativquartier

Die drei Münchner Institutionen teilen sich nun bis dahin die alten und neuen Räume. Das sind die „Tanztendenz München e.V.“, „Pathos München“ und „Scope“, Spielraum für aktuelle Musik. In den letzten Jahren hatten sie sich als freie Münchner Szene gut etabliert und werden vom Kulturreferat der Landeshauptstadt München gefördert. Außerdem haben sie auch von der Lage im „Kreativquartier“ profitiert.

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Der Stadtrat München ist stolz, trotz hoher Immobilienpreise in der Stadt ein Gebiet für „interdisziplinäre kreative Freiräume“ ausgewiesen zu haben. So entstand auf dem Gelände der ehemaligen Luitpoldkaserne zwischen Neuhausen, Schwabing und der Innenstadt eine lebendige Szene in bestehenden, inzwischen Graffiti-bemalten Gewerbebauten und einer Art Containerstadt. Hier betreiben Künstler und Künstlerinnen Ateliers und Werkstätten, es gibt Studios und improvisierte Bühnen, regelmäßige Performances, Ausstellungen, Workshops oder Konzerte.

 

Schwere Reiter im rostiger Rüstung

Direkt gegenüber der alten Halle ist nun das Provisorium für die Künstler-Kooperative fertiggestellt worden. Dabei ist es den Architekten Mahlknecht Herrle gelungen, hier eine originelle Übergangslösung für das Gelände in möglichst kurzer Bauzeit zu entwickeln. Sie wählten eine simple Bauweise mit einem klaren statischen System und Materialien, die größtenteils nach dem Rückbau wiederverwertet werden können.

Sie entwarfen ein aufsehenerregendes Gehäuse, verkleidet mit Spundwänden. Diese werden eigentlich vor allem im Hafenbau und zur Sicherung von Baugruben verwendet. Hier bilden sie aber nicht nur die Gründung, sondern auch die Fassade. „Das zügige Einrammen der Spundwände bis zu 3,5 Meter in die Erde sorgte gegenüber einer konventionellen Bauweise für eine erhebliche Zeitersparnis“, wie die Architekten berichten. Und: Sie lassen sich im Fall eines Rückbaus wiederverwenden. Das ist „durch einfaches Ziehen der Spundwände” möglich. Und die Architekten gehen davon aus, dass „die Lebensdauer sich auch ohne spezielle Beschichtung auf mindestens 100 Jahre“ beläuft.

Markante Eingänge

Aus der Ferne erinnert der rostige, freistehende Baukörper an einen Schiffscontainer. Das passt großartig zwischen die verwitterten Bestandsbauten, das bunte Graffiti und wuchernde Grün auf dem Gelände. Der Stahl entspricht mit der grobwelligen Profilierung dem improvisierten, inspirierenden Charakter dieses Experimentierfelds.

Im Gegensatz zu einem geschlossenen Container sind jedoch schon von Weitem die Eingänge auszumachen. Rundum sind einige der Stahlprofile ab und an nach oben gezogen und lassen größere und kleinere Öffnungen für Fenster und Türen frei. Das Wellprofil wird an diesen Stellen zur Geste, zu „Vorhang auf!“ Bereits bei der Eröffnung nutzten die Künstler und Künstlerinnen alle Eingänge rundum das Gehäuse geschickt für Vorführungen aller Art. zum Beispiel traten die Local Aliens auf, zwei Tänzer im goldenen Raumanzug, die synchron zu harten Beats die Leute zum Mittanzen verführten. Die Choreografie stammt von Micha Purucker.

Im Inneren

Auch drinnen im Schwere Reiter bleibt die Ausstattung simpel. Im Foyer sind Betonplatten wie auf den Gehwegen draußen verwendet, im großen Aufführungssaal und im kleineren Probenraum wurde ein Holzboden verlegt. Die Wände sind weiß und der installierte, offene Deckenraum schwarz gestrichen.

So bleibt zu hoffen, dass sich auch dieses Provisorium als Langzeitlösung erweist. Vorläufig sollte man nicht verpassen, sich das Programm anzusehen, das das Künstlerkollektiv einmalig für beide Spielorte, alte sowie neue Halle, entwickelt hat. Vom 17. September bis 31. Oktober 2021 laufen die Eröffnungswochen. Und man kann feststellen: Nichts ist in der Pandemie eingerostet; der Esprit, die überraschenden Auftritte, die denkwürdigen Ideen fesseln Besucher und Besucherinnen nach wie vor. Schnell springt der Funke über.

Bauherr: MGH Münchner Gewerbehöfe
Architekten: Mahlknecht Herrle Architektur, München
Tragwerksplanung: Eglinger und Clausnitzer Beratende Ingenieure
Eröffnungswochen: 17. September bis 31. Oktober 2021
Standort: Schwere Reiter, Dachauer Straße 114, München
www.schwerereiter.de

Ein weiteres „Kreativquartier“ in München ist das Werksviertel. Mit ihrem visionären Ansatz im Osten der Stadt haben MVRDV zusammen mit N-V-O Nuyken von Oefele Architekten für ihr WERK12 den renommierten DAM Preis für Architektur 2021 gewonnen. Lesen Sie mehr dazu.