15.10.2021

Event

Modellhaft

von Fabian Peters

Zum 30-jährigen Bürojubiläum von Sauerbruch Hutton veranstaltet das Museum M9 in Venedig-Mestre eine große Werkschau der Berliner Architekten. Fabian Peters hat sie besucht.

 

Eingang zur Ausstellung im Oberlichtsaal des Museo M9, Foto: Jan Bitter

 

Knapp 35 Minuten dauert die Straßenbahnfahrt von der Piazzale Roma in Venedig bis in das Stadtzentrum von Mestre. Hat die Bahn das Festland erreicht führt sie durch ein Gewirr an breiten Autostraßen. Dann geht es an Werfthallen und Industriegebieten vorbei. Schließlich folgen ausgedehnte Wohnsiedlungen mit mal mehr, mal weniger ansprechenden Mehrfamilienhäuser bis Mestres Innenstadt erreicht ist. Venedigs Bezirke auf der „terra ferma“ sind der Backstagebereich der Stadt: notwendig, funktionell und von den Besuchern weitgehend nicht wahrgenommen. Längst sind sie viel größer als die historischen Quartiere in der Lagune. Von den 260.000 Einwohnern Venedigs leben weniger als 50.000 in der historischen Stadt. Die übrigen wohnen zum größten Teil auf dem Festland in Mestre und Marghera.

 

Blick in den Ausstellungsaal, Foto: Jan Bitter

 

Mestres Innenstadt ist keine Schönheit. Aber sie übernimmt Funktionen, die die Stadt im Wasser nicht mehr ausüben kann. Denn am Markusplatz und am Rialto ist die gesamte Infrastruktur längst nur noch auf die Millionen von Touristen ausgelegt. Lange war es aber so, dass die Kultur ausschließlich an den Kanälen des alten Venedigs residierte. Mit dem M9 erhielt Mestre dann im Jahr 2018 auch einen vielbeachteten Museumsbau. (Unsere Besprechung finden Sie im Baumeister 1/2019.) Entworfen hat ihn das Berliner Architekturbüro von Matthias Sauerbruch und Louisa Hutton, das 2010 einen Wettbewerb für sich entscheiden konnte. Da lag es nahe, dass die Werkschau anlässlich des 30-jährigen Bestehens von Sauerbruch Hutton dort stattfindet. Ursprünglich parallel zur Architekturbiennale im Sommer 2020 geplant, wurde sie ebenso wie die Biennale auf dieses Jahr umterminiert.

 

Das Museo M9 in Venedig-Mestre von Sauerbruch Hutton, Foto: Alessandra Chemollo

Modelle aufs Podest gehoben

 

Mit „draw love build“ bespielen die Architekten den großen Oberlichtsaal ihres Museums. Dabei bedienen sie sich einer Szenografie, die den beeindruckenden Raum in seiner Wirkung nicht einschränkt. Im strengen Raster stehen die Podeste aufgereiht, auf denen Architekturmodelle die Geschichte des Büros erzählen. Statt einer Beschriftung findet sich an jedem Modell ein QR-Code, der mit dem Smartphone eingelesen wird. Erst die Ausstellungs-App verrät dann, um welches Gebäude es sich handelt, und zeigt Entwürfe und Bilder des ausgeführten Projekts. Auch ein kurzer Informationstext wird dann geliefert. Wobei Visuelles beim Ausstellungskonzept eindeutig im Vordergrund steht.

 

Modell des Hochhauses der Kreditanstalt für Wiederaufbau KfW in Frankfurt am Main, Foto: Sauerbruch Hutton

 

Wem die vielfarbigen Gebäude von Sauerbruch Hutton vor Augen stehen, den mag auf den ersten Blick die Gestaltung der Ausstellungsarchitektur überraschen: Die tischartigen Podeste sind filigrane Konstruktionen aus schwarzem Stahl. Zwar ist jede Wand in eine andere Farbe getaucht, doch Olivgrün, Grau oder mattes Blau halten sich dezent im Hintergrund. Der Besucher nimmt sie nur am Rand wahr. Alle Aufmerksamkeit soll den Exponaten gelten.

 

Ausstellungssaal mit dem Modell des KfW-Hochhauses, Foto: Jan Bitter

 

An den Modellen zeigt sich dann en miniature das für Sauerbruch Hutton so charakteristische Spiel mit farbigen Fassaden. Doch fällt hier die bei den ausgeführten Bauten dominate Farbigkeit weit weniger ins Gewicht. Das lenkt den Blick auf die Formensprache der Entwürfe. Hier geben sich die Architekten als Anhänger einer funktionalen und transparenten Moderne zu erkennen, deren Traditionslinie vom Neuen Bauen über Gordon Bunshaft bis hin zu Norman Fosters und Jean Nouvels Bauten der Achtziger- und Neunzigerjahre reicht.

 

Das Biennale-Projekt „Oxymoron“ (Vordergrund), der Wettbewerbsbeitrag für das M20 und der im Bau befindliche Upper Nord Tower (Hintergrund), Foto: Jan Bitter

Serielle Kunst à la Sauerbruch Hutton

 

Formale Verwandtschaften und Beziehungen im Œuvre von Sauerbruch Hutton lassen sich im direkten Vergleich der Seite an Seite stehenden Modelle deutlich ablesen. Ein wenig denkt man in der Zusammenschau an serielle Kunst, wo ein festes Repertoire an Formen immer wieder variiert wird. Gerade die charakteristischen Sauerbruch-Hutton-Fassaden mit ihren farbigen grafischen Mustern erzeugen den Eindruck eines zusammenhängenden Werkkomplexes. Insofern ist es folgerichtig, wenn die Ausstellung nicht in erster Linie die Fortentwicklung beschreibt, sondern jedes Modell, jeden Entwurf für sich stehen lässt und alle Arbeiten gleichzeitig zu einem großen Bild zusammenfügt.

Ein wenig hätte man sich dann doch darüber gefreut, wenn die Architekten einen expliziteren Hinweis gegeben hätten, wie sie ihr eigenes Werk interpretieren. So bleibt es dem Betrachter selbst überlassen, seine Sicht auf die Arbeit von Sauerbruch Hutton zu entwickeln. Der Museumsbau selbst liefert dafür glücklicherweise reichlich Anschauungsunterricht.

 

draw love build. L’Architettura di Sauerbruch Hutton
M9 – MUSEO DEL ‘900
Via Giovanni Pascoli 11
30171 Venedig Mestre
bis 9. Januar 2022
www.m9museum.it

 

Anlässlich der Ausstellung findet ein Symposium statt:

“The future of the architectural profession”

Referenten: Pippo Ciorra, Fernanda De Maio, Homa Farjadi, Nicolas Hannequin, Dirk van den Heuvel, Anh-Linh Ngo, Eric Parry, Gundula Rakowitz, Georg Vrachliotis

Moderation: Luca Molinari, Direktor des M9 – Museo del ‘900, und Matthias Sauerbruch

Freitag, 29. Oktober 2021 von 9:30 bis 18:00 Uhr

Anmeldung unter ufficiogruppi@m9museum.it

 

Für denjenigen, der die Ausstellung oder das Symposium im Museo M9 in Mestre besuchen möchte, wissen wir auch schon gleich das richtige Hotel!

 

Modell des GSW-Hochhauses in Berlin-Kreuzberg, Foto: Sauerbruch Hutton

 

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