14.10.2021

Event Kolumnen

Körperliche Begegnungen

von Fabian Peters

Der Salon Suisse ist inzwischen längst eine Institution bei den Architekturbiennalen in Venedig. Die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia lädt an drei Wochenenden zu intimen Podiumsdiskussionen in den Saal des Palazzo Trevisan degli Ulivi. Jeder Salon Suisse wird von einer Salonière oder einem Salonier gestaltet. Dieses Jahr hat die junge Züricher Architektin, Kunsthistorikerin und Kuratorin Evelyn Steiner diese Aufgabe übernommen. Fabian Peters hat sie zum Gespräch in Venedig getroffen.

 

Evelyn Steiner auf dem Campo S. Agnese in Venedig, Foto: Samuele Cherubini

„Im architektonischen Diskurs findet der Body Turn bislang kaum Niederschlag.“ Evelyn Steiner

 

Baumeister: Was verbirgt sich hinter dem Titel „Bodily Encounters“, mit dem Du den Salon Suisse 2021 überschrieben hast?

Evelyn Steiner: Mir ging es darum, ein Thema zu finden, das allgemein zugänglich ist. Einen Körper besitzt jeder. Die Erfahrung unseres Körpers prägt uns von der Sekunde unserer Geburt. Ich möchte bei den Veranstaltungen des Salon Suisse 2021 den Körper in Bezug auf die Architektur thematisieren. Das ist bisher wenig untersucht worden und meines Erachtens besteht hier erheblicher Nachholbedarf.

B: Knüpfst Du mit Deinem Thema an die Fragestellung der Biennale „How will we live together“ an?

Evelyn Steiner: Als ich mir das Thema überlegt hatte, kannte ich das Motto der aktuellen Architektur-Biennale noch gar nicht. Aber ich finde die inhaltlichen Überschneidungen gleichermaßen zufällig wie bemerkenswert. Denn meines Erachtens muss man bei jeder Überlegung zum Zusammenleben mit dem eigenen Körper beginnen: Wie sehe ich meinen Körper im Verhältnis zu anderen Körpern und zum Raum? Aber der Salon Suisse soll kein Kommentar zur Biennale sein.

 

 

B: Warum siehst Du bei der Architektur Nachholbedarf in puncto Auseinandersetzung mit dem Körper?

Evelyn Steiner: In den Geistes- und Sozialwissenschaften hat der sogenannte Body Turn, bei dem der Körper in seiner Unterschiedlichkeit in den Mittelpunkt des Forschungsinteresses rückt, bereits vor drei, vier Jahrzehnten begonnen. Das gilt für Themen wie den Feminismus und die Neubewertung des Gender-Begriffs. Das umfasst aber auch die gewaltigen Fortschritte im Bereich Biotechnologie bis hin zu Denkmodellen wie Transhumanismus. Im architektonischen Diskurs findet der Body Turn aber bislang kaum Niederschlag.

 

Evelyn Steiner im Gespräch mit Fabian Peters, Foto: Samuele Cherubini

„Mir geht es mehr um Austausch als um reine Wissensvermittlung.“ Evelyn Steiner

 

B: Du planst die Veranstaltungen des Salon Suisse aber nicht nur als Theoriedebatte?

Evelyn Steiner: Auf keinen Fall! Mir war es sehr wichtig, dass der Salon auch eine poetische Dimension hat. Wir wollten keine Veranstaltungsreihe organisieren, die auch ein SIA- oder BDA-Kongress sein könnte. Deshalb ist mir das „verrückte“ Element, die Brechung durch das Mittel der Kunst, beim diesjährigen Salon so wichtig. Ich finde es sehr interessant, die Schnittstellen und Grenzen zwischen Raum und Kunst auszuloten. Gerade Performances, bei der der Körper zentrales Mittel der Kunsterzeugung ist, drängten sich da als Ergänzung auf.

B: Die „Salonière“ ist ja historisch die Gastgeberin eines literarischen Salons. Wie interpretierst Du diese Rolle für Dich?

Evelyn Steiner: Den Salon Suisse prägt natürlich ganz wesentlich unser „Salon“, der herrliche Saal im Palazzo Trevisan degli Ulivi, dem Sitz der Stiftung Pro Helvetia in Venedig. Dieser tolle Raum schafft den informellen Charakter der Veranstaltungen. Man kann sich dort fast wie in seinem eigenen Wohnzimmer fühlen. Ich habe den Eindruck, dass manche unserer Gäste kurz davor sind, die Schuhe auszuziehen. Was zu diesem intimen Charakter ebenfalls beiträgt, ist die Tatsache, dass viele Besucher nicht nur an einer, sondern an mehreren oder allen Veranstaltungen eines Wochenendes teilnehmen. So entsteht eine geradezu familiäre Atmosphäre. Ich sehe dabei meine Rolle auch darin, die Gäste zusammenzuführen und sie zum Austausch miteinander anzuregen – und zwar nicht nur über Architektur.

 

 

B: Das Programm beschränkt sich dieses Jahr nicht nur auf die abendlichen „Salons“, sondern es finden auch Veranstaltungen über Tag statt. Was ist die Idee dahinter?

Evelyn Steiner: Mir war es sehr wichtig, den Stadtraum miteinzubeziehen. Wir wollten mit dem Salon Suisse in die Stadt hinausgehen. Wenn man sich die Biennale anschaut, wirken viele Beiträge wie UFOs – Fremdkörper, die nichts mit Venedig zu tun haben. Das wollte ich unbedingt vermeiden. Stattdessen wollte ich das Thema „Bodily Encounters“ direkt auf die Stadt beziehen. Wir haben am ersten Salon Suisse-Wochenende eine Exkursion in eine Reihe typisch venezianischer Wohnungen unternommen – vom Ein-Zimmer-Apartment bis zum Palazzo. Dieser Einblick in aktuelle Lebenswelten der Stadtbewohner war hochspannend. Beim Oktober-Salon wird es dann eine Exkursion in die Lagune geben.

 

Der Palazzo Trevisan degli Ulivi, Veranstaltungsort des Salon Suisse, Foto: Samuele Cherubini

„Ich möchte gern diskutieren, was es für die Architektur bedeutet, wenn wir unseren Körper technisch aufrüsten können.“ Evelyn Steiner

 

B: Ist Venedig auch ein Thema bei den Podiumsdiskussionen in den abendlichen Salons?

Evelyn Steiner: Bei jedem der drei Salon Suisse-Wochenenden 2021 soll die Stadt an mindestens einem Abend Teil des Themas sein. Beim Eröffnungswochenende hatte ich etwa Deborah Howard zu Gast, emeritierte Cambridge-Professorin und eine der größten Kennerinnen der venezianischen Architekturgeschichte. Mit ihr habe ich über die Frage gesprochen, wie Epidemien das Stadtbild Venedigs verändert haben. Wusstest Du zum Beispiel, dass hier die vielleicht erste Quarantäne-Einrichtung der Medizingeschichte, das Lazzaretto Nuovo, geschaffen wurde?

B: Das wusste ich nicht! Verfolgst Du auch einen gewissen Bildungsanspruch mit den Veranstaltungen?

Evelyn Steiner: Mir geht es  mehr um Austausch als um reine Wissensvermittlung. Ich erlebe die Architekturwelt zuweilen als sehr hermetisch. Deshalb ist es mir zum Beispiel beim diesjährigen Salon Suisse wichtig, Architekten in Kontakt mit Kulturschaffenden aus anderen Disziplinen – Tänzern, Sängern, bildenden Künstlern – zu bringen. Die Veranstaltungen sollen keine trockenen Theoriedebatten sein, sondern unterhalten und Spaß machen. Aber natürlich kann ich als Kuratorin nicht aus meiner Haut – die Inhalte liegen mir am Herzen.

 

 

B: Nach welchen Kriterien hast Du Deine Gesprächspartner für die Podiumsdiskussionen ausgewählt?

Evelyn Steiner: Ausgangspunkt war immer das Thema, das ich mir für die jeweilige Gesprächsrunde überlegt hatte. Ich wollte immer drei sehr unterschiedliche Blickwinkel auf den jeweiligen Diskussionsgegenstand haben. Kaum einen meiner Mitdiskutanten habe ich vorher persönlich gekannt. Stattdessen habe ich mir überlegt, welche Perspektive ich noch spannend fände und dann angefangen zu recherchieren. Dabei bin ich auf wirklich spannende Wissenschaftler und Künstler gestoßen. Am Eröffnungswochenende etwa habe ich mit einem amerikanischen Literaturwissenschaftler, einem australischen Ingenieur und einer kroatischen Künstlerin über das Thema „Geisterhäuser“ gesprochen.

 

Evelyn Steiner und Fabian Peters in Venedig, Foto: Samuele Cherubini

Salon Suisse 2021: „Bodily Encounters“

 

B: Worauf können sich die Besucher bei den beiden kommenden Salon Suisse-Wochenenden vom 21. bis 23. Oktober und vom 18. bis 20. November freuen?

Evelyn Steiner: Am 22. Oktober etwa habe ich die in New York lebenden Architekturforscherin Lydia Kallipoliti eingeladen, die 2018 das Buch „The Architecture of Closed Worlds“ publiziert hat – ein Thema, das mit der Pandemie plötzlich extrem aktuell geworden ist. In Ihrem Buch untersucht sie die Architekturgeschichte abgeschlossene Mikrokosmen – vom Kloster bis zur Raumstation. Mit ihr spreche ich unter anderem über das Territorialverhalten des Menschen im Zusammenleben. Und im November wird es dann um Transhumanismus gehen. Ich möchte gern diskutieren, was es für die Architektur bedeutet, wenn wir unseren Körper technisch „aufrüsten“ können. Brauche ich noch Lärmschutzvorschriften, wenn ich eine Geräuschunterdrückung in meinem Ohr implantiert habe?

Evelyn Steiner, Jahrgang 1981, studierte Architektur in Zürich und Kunstgeschichte in Bern. Sie arbeitet als Kuratorin am Zentrum Architektur Zürich ZAZ und ist 2021 Salonière des Salon Suisse zur Architekturbiennale in Venedig.

Dieses Interview ist mit freundlicher Unterstützung der Laufen Bathrooms AG entstanden. Das Unternehmen ist bereits seit 2012 Hauptförderer des Salon Suisse der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia. 

 

Oktober-Salon: „Realities“

21. bis 23. Oktober 2021

 

November-Salon: „Alterations“

18. bis 20. November 2021

 

Palazzo Trevisan degli Ulivi

Campo S. Agnese, Dorsoduro 810

Venedig

 

prohelvetia.ch 

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