07.05.2014

Öffentlich

Der schreibende Architekt oder Künstler

von Florian Fischer

„Raum und Räume: für den, der damit anfängt, ein spröder Stoff, genug fatale Fragen. Der wird sich hüten, Herkunft und Grenzen anzutasten, der wird sich hart tun, an Zeit und Klang und anderen schönen Dingen vorbeizuschleichen. Bis dahin müssen Maler und Poeten es übernehmen, die Räume zu erklären, weil der von Standes wegen kompetente Meister stottert oder tot ist und Analysen verdächtiger sind als Horoskope.“ All dies schreibt Hans Döllgast in dem ihm eigenen Ton in seinem Büchlein „Raum und Räume“. Vor nicht all zu langer Zeit fielen mir neben diesem ein paar weitere schmale Bändchen mit kurzen, pointierten Texten zu Architektur und Kunst in die Hände. Allesamt Teil einer kleinen Publikationsreihe der Bayerischen Akademie der Schönen Künste aus den 70er Jahren, herausgegeben im Verlag Georg D.W. Callwey. Welch eine schöne Tradition, an die anzuknüpfen sich lohnen könnte.

Den Auftakt der Reihe machte der Künstler Richard Seewald 1972 und begründet darin seine „Reise nach Rückwärts“: „An einem Maimorgen erwachte ich mit dem Gedanken, ich solle nach Vicenza und Padua fahren, diesen Städten, die mir teuer sind durch ihre großen Namen, die sich an sie knüpfen. Augenscheinlich verlangte mich nach einer Wiederbegegnung mit dem Klassischen. Mein, vor so vielen Jahren geschriebenes kleines Buch über Giotto hatte ich ja „eine Apologie des Klassischen“ genannt, und über die Klassik bei Palladio brauchen wir nicht zu reden. Aber darüber, dass das Klassische heute das Allerunmodernste ist, brauchen wir auch nicht zu reden, es liegt auf der Hand. Sein Wesen ist Maß und Mitte, Statik und Dauer. Das Heute verlangt stürmisch nach dem genauen Gegenteil, nach Unmaß und den Extremen, nach Aktion und permanenter Veränderung. – Doch niemand entgeht dem Gesetz, nach dem er angetreten ist. Ich werde eben eine Reise nach Rückwärts machen.“

Und Josef Wiedemann schreibt in seinem Bändchen „Ornament – heute“, ebenfalls von 1972: „Alle Fragen der Gestalt führen zu den Grundlagen unseres Lebens“. Er spannt darin einen weiten Bogen von Sullivan über Tessenow bis in die damalige Gegenwart, der er eine Versöhnung von „äußerster Einfachheit und überbordender Fülle“, von „Stille wie Jubel“, „von Schweigen und … Feiern“ vorschlägt und gegen ein lebensfremdes „Entweder-Oder“ argumentiert.

Aber was soll das hier eigentlich werden? Ein Suhlen in nostalgischer Weltentrücktheit? Eine sentimentale Gegenwartsschelte? Eine Reise in die konservative Vergangenheit gar? Nein, eigentlich nicht. Eher schon ein Aufruf – etwas oberlehrerhaft zwar – aber durch und durch optimistisch: „Verdammte Axt! – Architekten (insbesondere junge) schreibt wieder! Werdet Euch parallel zum Machen auch Eurer theoretischen Grundlegung ja gar Herkunft bewusst.“ Und damit meine ich nicht die ganzen Symposien-Surfer, die nur labern und schreiben und kuratieren und promovieren und netzwerken und sich gerne selbst als praktizierende – nicht zu verwechseln aber mit „bauende“ – Architekten ausgeben.

Häh!? Ein praktizierender Architekt, der nicht baut, ja noch nicht einmal entwirft! Was soll das sein? Das, könnte man sagen, um auf den ersten Teil dieser Kolumne zurückzukommen, würde auch ein Allgäuer Laie zu Recht nicht verstehen! Aber warum jetzt gleich wieder Bauen, wir waren doch gerade erst beim Schreiben? Ja, wäre es nicht so fad kulturpessimistisch, dann würde ich hier gerne auf dem Pfad der Dämmerung einige Tränen an die so glorreiche Tradition schreibender bauender Architekten hierzulande vergießen, neben den erwähnten lokalen Münchner Größen wie Wiedemann und Döllgast, an Heinrich Tessenow, Rudolf Schwarz und O.M. Ungers, um nur ein paar zu nennen. Denn deutsche Exportschlager-Architekten (nach China!!!) hin oder her, als ähnlich kluge gebildete Geister sind diese wohl nicht ganz zufällig noch nie auffällig geworden.

Apropos Ungers: Neulich in Köln stolperten wir unversehens in dessen Haus ohne Eigenschaften. Der heutige Eigentümer selbst ließ uns hinein. Der, wie sich uns nachher erst offenbaren sollte, legendäre Kölner Kunst- und Literatursammler Dr. Speck. Er hat vor gut zwei Jahren das Haus für seine Proust- und Petrarca- Bibliothek erworben, die jetzt in den von Ungers eigens für das Haus entworfenen Regalen steht…

Aber davon beim nächsten Mal mehr… Fortsetzung folgt…

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