18.09.2023

Öffentlich

Ein Haus aus Luft und Licht: Oberamteistraße 34 in Reutlingen

Bild: loomn architekturkommunikation
Bild: loomn architekturkommunikation

Das Stuttgarter Studio Wulf Architekten plant in Reutlingen ein spektakuläres Haus, das vor allem aus Luft und Licht besteht. Es ist komplett von Glasziegeln umgeben und zeigt, wie die alte Fachwerkhauszeile früher aussah.


Stadtprägende Gebäude erlebbar machen

Die historische Oberamteistraße in Reutlingen liegt in der Altstadt und entstand schon in der 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts. Die Bürgerhäuser der Nummern 28-32 gehören zu den ältesten zusammenhängenden Fachwerkhäuserzeilen in Süddeutschland. Sie wurden in der Reihenbauweise errichtet und ein großes Bauwerk, das Turmhaus, stabilisierte sie. Als dieser aussteifende Gebäudeteil im Jahr 1972 abgerissen wurde, gerieten die Gebäude in Bewegung und stürzten beinahe ein. Eine Stabilisierung war nötig.

Wulf Architekten, ein Büro aus Stuttgart, arbeitet nun mit strebewerk Architekten zusammen, um die historische Häuserzeile statisch zu sichern und denkmalgerecht instand zu setzen. Im Bereich des archäologischen Denkmals an der Oberamteistraße 34 entsteht zudem ein Neubau, der die stadtbildprägenden Gebäude wieder erlebbar machen soll. In Zusammenarbeit mit dem nahe gelegenen Heimatmuseum ist Wulf Architekten darum bemüht, die Ensemblewirkung der historischen Gebäudezeile sichtbar zu machen und als öffentlich zugängliches Exponat zu präsentieren. So sollen Besuchende noch tiefer in die Geschichte von Reutlingen eintauchen können.

Urheberrecht: loomn architekturkommunikation

„Ein Gebäude und doch keins“

Der geplante Neubau hat keinen funktionalen Inhalt, sondern bildet das verlorene Volumen nach. Die Glassteine erwecken den Eindruck, dass der Bau nur aus Licht und Luft besteht. Je nach Lichteinstrahlung soll das hölzerne Fachwerk, das dahinter liegt, mehr oder weniger sichtbar sein. Das Gebäude wird eine transluzente Wirkung haben, die manchmal auch spiegelt, glitzert oder einen Körper zu haben scheint. Dabei erscheint das Innere ein wenig verschwommen, was den Eindruck einer lang zurückliegenden Erinnerung oder eines Phantoms erwecken soll.

Der Neubau von Wulf Architekten inszeniert so die Abstütz- und Erschließungsfunktion des Gebäudes, das sich früher an dieser Stelle befand. Auch eine mittelalterliche Ausgrabung soll sichtbar sein. Der Statik dient ein hölzernes Fachwerk, das die benachbarten Gebäude in der Form des verlorenen Volumens stützt. Es ist nicht direkt sichtbar, lässt sich aber je nach Lichteinstrahlung erahnen. „Ein Gebäude und doch keins“ – so beschreiben die Architekten das Projekt auf ihrer Webseite.


Poetische Wirkung

Im Jahr 2017 erhielten Wulf Architekten den ersten Preis im Rahmen des von der Stadt Reutlingen ausgeschriebenen Projektes. Das Preisgericht urteilte: „„Die Verfassenden nutzen die Aufgabenstellung, um eine überraschende, bei genauer Betrachtung aber sehr überzeugende Lösung vorzuschlagen“. Die Jury war davon überzeugt, wie sich das neue Haus in die bestehende Zeile eingliedert und sie zugleich unterstützt. Außerdem gelinge es mit der „transluziden Materialisierung“, das Thema der benachbarten Fachwerkhäuser auf zeitgemäße Art und Weise zu übersetzen und zugleich weiterzuführen. Der Planungsbeginn war im Oktober 2018. Bauherr ist die Stadt Reutlingen.

Loomn, ein Büro für Architekturkommunikation und -visualisierung, hat 3D-Visualisierungen für den Wettbewerb gezeigt, die die Planung erkennbar machen. Laut Jury hat der Neubau eine „fast poetische“ Wirkung. Die begehbaren Neubauten befinden sich nach wie vor in Planung.

Mehr über Glasbausteine und ihre lange Tradition erfahren Sie hier.

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