Wir bauen für Geld

Wir freuen uns sehr darüber, dass Reinier de Graaf, langjähriger Partner bei OMA, die Juni-Ausgabe des Baumeisters kuratiert hat. Der Titel der Ausgabe lautet „Für wen wir bauen“. Darin lässt er unterschiedliche Protagonisten wie Immobilienentwickler, Politiker, Aktivisten oder Planer zu Wort kommen und zeigt verschiedene Szenarien auf: vom Bauen für Investoren über das Bauen für den Wohlfahrstaat bis hin zum partizipativen Bauen. Die Ausgabe ist in vier Kapitel unterteilt, denen vier Gründe, weshalb Architekten bauen, zugeordnet sind: Für Ruhm, „Für Geld“, „Für Andere“, „Für Uns“

Für wen wir bauen

Der Titel der Ausgabe lautet dementsprechend „Für wen wir bauen“. Darin lässt er unterschiedliche Protagonisten wie Immobilienentwickler, Politiker, Aktivisten oder Planer zu Wort kommen und zeigt verschiedene Szenarien auf: vom Bauen für Investoren über das Bauen für den Wohlfahrstaat bis hin zum partizipativen Bauen. Die Ausgabe ist in vier Kapitel unterteilt, denen vier Gründe, weshalb Architekten bauen, zugeordnet sind: „Für Ruhm“, „Für Geld“, „Für Andere“, „Für Uns“. Das gesamte Heft ist dabei als Rhizom gegliedert, wodurch es vielschichtige Verlinkungen innerhalb der einzelnen Kapitel und den jeweiligen Artikeln gibt.

Für Geld

Im zweiten Kapitel „Für Geld“ gibt es unter anderem ein Interview mit Michael Stern, CEO der JDS Development Group, der gerade 111 West 57, den höchsten Wohnturm der Welt baut. Nach seiner Fertigstellung wird das Gebäude mit seinen 60 Apartments 435 Meter in die Höhe ragen.Warum ein derartiges Projekt in New York City durchaus sinnvoll ist und welche Rolle die Architekten dabei spielen, erklärt es uns in einem Interview.

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111 West 57 wird das höchste Wohngebäude der Welt sein; Visualisierung: Shop Architects, Courtesy of JDS Development Group

Hier können Sie einen Auszug aus dem Interview mit Michael Stern lesen:

 

Alex Retegan: Weshalb sind Sie Immobilienentwickler geworden?

Michael Stern: Mir gefällt die Idee, mit einem Stück Land oder einem ausgedienten Gebäude etwas Neues zu schaffen, sei es für Wohnraum, Büroflächen oder andere Nutzungen. Es ist mir wichtig, dass ich etwas sehen und anfassen kann.

Alexander Russ: Was ist Ihrer Meinung nach gute Architektur?

MS: Das ist natürlich subjektiv. Gute Architektur geht auf den Ort ein und hängt von mehreren Faktoren ab. Deshalb sind wir auch stolz darauf, dass unsere Projekte sich nicht gleichen und keinem bestimmten Stil zuzuordnen sind. Wir haben zum Beispiel die American Copper Buildings auf der East Side von Manhattan gebaut – sehr moderne Architektur. Die Umgebung dort war nichts Besonderes. Es gab keine Gebäude, auf die man hätte Rücksicht nehmen müssen. Deshalb wollten wir etwas Dynamisches, Neues und Frisches reinbringen. Der Walker Tower in Chelsea ist das genaue Gegenteil – ein altes Art-déco-Gebäude von einem renommierten Architekten. Wir wollten die Architektur des Gebäudes respektieren und haben deshalb beim Umbau und der Erweiterung des Gebäudes versucht, möglichst sensibel zu agieren. Wir wollen bei jedem unserer Projekte die beste Lösung für den jeweiligen Kontext finden.

AR: Gibt es einen bestimmten Projekttyp, den Sie bevorzugen?

MS: Wir sind hauptsächlich im Wohnungsbau tätig. Hochwertige Wohneinheiten im Luxusbereich zur Miete oder zum Verkauf sind unsere Spezialität.

AR: Sie bauen gerade 111 West 57, den höchsten Wohnturm der Welt. Wie kam es zu dem Projekt?

MS: Das ist ein einzigartiges Projekt mit einer Reihe besonderer Merkmale. Als Erstes der Standort: Es befindet sich in der 57th Street und hat nach Norden direkte Sicht auf den Central Park. Man hat einen Blick in die Längsachse des Parks, was die begehrteste Aussicht in ganz New York City sein dürfte. Dann hatten wir das große Glück, ein ganz besonderes Wahrzeichen zu erwerben – die Steinway Hall, die von Warren & Wetmore entworfen wurde. Das sind die Architekten, die auch die Grand Central Station und einige andere bekannte Gebäude entworfen haben. Allerdings stand uns auf diesem Grundstück aufgrund der Einbindung der Steinway Hall nur eine sehr kleine Fläche für das neue Hochhaus zur Verfügung. Aus ingenieurtechnischer Sicht ist es der komplizierteste Wolkenkratzer, der jemals gebaut wurde. Der Entwurf war aufgrund des Zusammenspiels mit dem denkmalgeschützten Gebäude eine unglaubliche Herausforderung. Aber wir wollen ambitionierte und revolutionäre Projekte in Angriff nehmen. Unser Ziel ist es, etwas Dynamisches zu schaffen, das inspiriert und begeistert. An so einem Standort zu bauen, ist eine einmalige Gelegenheit. Diese Möglichkeit mussten wir wahrnehmen.

ARU: Ich würde gerne über Ihre Beziehung zu den Architekten sprechen. Warum haben Sie SHoP Architects mit dem Entwurf beauftragt?

MS: Wir haben mit SHoP Architects schon über viele Jahre hinweg an mehreren Hochhausprojekten zusammengearbeitet. Einer der Direktoren, Gregg Pasquarelli, ist ein guter Freund von mir. Unserer Ansicht nach ist SHoP das kreativste und talentierteste Architekturbüro in New York.

ARU: Was ist so besonders an SHoP Architects?

MS: Was SHoP von anderen Architekten unterscheidet, ist die Tatsache, dass ihre Entwürfe machbar sind. Es gibt viele Entwürfe, die gut aussehen, die aber nicht innerhalb eines bestimmten Zeit- und Kostenrahmens realisierbar sind. Außerdem ist es uns wichtig, dass das Entwurfs-team aus New York stammt. SHoP Architects ist ein New Yorker Büro. Studio Sofield – unter der Leitung von William Sofield – ist ein New Yorker Büro und zudem auf der AD100-Liste.

ARU: Warum ist es so wichtig für Sie, dass das Büro aus New York kommt?

MS: Weil wir ein Gebäude wollen, das durch und durch New York ist. Schauen Sie sich die Rücksprünge des Gebäudes an, seine Kubatur, die Materialität. All das ist unverkennbar New York. Hier gibt es mittlerweile Gebäude, die man problemlos nach Singapur versetzen könnte, wo sie meiner Meinung nach auch besser reinpassen würden. Dieses Hochhaus enthält die grundlegende Essenz von New York. Das war uns sehr wichtig.

AR: Gab es Lösungsvorschläge der Architekten, die Sie überrascht haben?

MS: Das Gebäude unterliegt einer äußert komplizierten Flächennutzungsregelung, die bestimmt, was gebaut werden darf – der Abstand zur Straße oder die Höhe zum Beispiel. Wir haben deshalb relativ früh festlegt, dass wir mit zwei tragenden Wandscheiben arbeiten würden, eine im Osten und eine im Westen. Das sind zwei große Betonwände mit sehr wenigen Öffnungen, die das Gebäude aussteifen. Wir wollten aber keine leblosen Betonwände haben, die nachts dunkel sind. Deshalb haben wir SHoP damit beauftragt, eine Lösung dafür zu finden, die die gleiche architektonische Qualität hat wie die transparenten Fassaden im Norden und Süden.

AR: Wie sah diese Lösung aus?

MS: Wir entwickelten eine Fassade aus traditionellen Materialien – Terrakotta und Bronze –, aber wir verwendeten sie auf eine völlig neue Weise: In die Terrakottaelemente sind LED-Leuchten eingelassen, die über die komplette Fassadenhöhe der Ost- und Westseite verlaufen. Am Befestigungssystem haben wir lange gearbeitet und fanden schließlich eine tolle Lösung, auf die das SHoP-Team und unser eigenes Bauteam gemeinsam kamen. Dass wir die Bauleitung selbst ausführen, ist übrigens ein weiterer Grund, warum wir so stolz auf dieses Gebäude sind. JDS Construction ist die ausführende Baufirma. Wir nehmen keine externe Firma unter Vertrag. Wir sind draußen auf der Baustelle und verwirklichen dieses Gebäude selbst. Bei diesem Gemeinschaftsprozess ist SHoP ein großartiger Partner. Wir arbeiten momentan auch gemeinsam an anderen Hochhausprojekten. Anscheinend mögen wir uns.

AR: Was könnte Ihrer Meinung nach bei der Beziehung zwischen Architekten und Bauentwickler verbessert werden? Ich frage das deshalb, weil Architekten den Ideen, die Immobilienentwickler von einem Projekt haben, oft kritisch gegenüberstehen.

MS [lacht]: Ihr Jungs müsst echt ein paar schlimme Erfahrungen gemacht haben. Was ist euch denn passiert?

AR: Ich spreche nicht von OMA. Ich frage nur ganz allgemein.

MS [lacht]: Ist nur Spaß. Ich denke, gute Kommunikation ist das A und O – von Beginn an die richtigen Erwartungen setzen. Wenn der Bauträger schon im Vorfeld bestimmte Kosteneinschränkungen und weitere Problempunkte kommuniziert und der Architekt dann diese Einschränkungen auch bereits in seinem Entwurf berücksichtigt, dann führt das zu einer besseren Zusammenarbeit. Der Grund, warum wir mit so vielen verschiedenen Architekten erfolgreich zusammenarbeiten, liegt darin, das JDS das Gebäude auch baut. Wir geben die Pläne nicht an einen Dritten weiter, der das Gebäude dann baut. Jeder, der am Entwurf beteiligt ist und Bedenken hinsichtlich der Realisierbarkeit oder der Kosten eines Entwurfs hat, kann das bereits in der frühen Entwurfsphase äußern, bevor wir in die Ausführungsplanung übergehen. Das ist unser Erfolgsrezept: Wir sind ganzheitliche, selbst ausführende Bauleiter, Bauunternehmer und Immobilienentwickler.

Das gesamte Interview lesen Sie in der Juniausgabe 2019.