Das Waldhaus – Architektur in Bayern, die etwas bewegt

Baumeister-Academy Gewinnerin Catherina Wagenstaller schreibt neben ihrem Praktikum bei Henning Larsen Architekten in München für den Baumeister. In ihrer Reihe „Architektur in Bayern, die etwas bewegt“, beleuchtet sie Projekte, die einen gesellschaftlichen Mehrwert bringen – egal ob digitale Plattform, Architekturbüro oder Gebäude. Dieses Mal besuchte sie das Waldhaus und sprach mit Anna Heringer und Martin Rauch über gesunde Architektur.

Das Waldhaus in Rosenheim

Im April 2021 wurde ein spannendes Projekt von Anna Heringer und Martin Rauch fertiggestellt: das sogenannte Waldhaus. Es ist das neue Gästehaus des RoSana Ayurveda Kurzentrums in Rosenheim. RoSana setzt das Individuum in den Mittelpunkt und entwickelt die Behandlungen dessen Bedürfnissen entsprechend. Hierzu wendet das ayurvedische Kurzentrum westliche Medizin, östliche Heiltraditionen und Naturheilverfahren an.

Das Waldhaus führt durch die Verwendung der gesunden Materialien – Lehm und Holz –, dem behutsamen Umgang mit dem Grundstück und der Möglichkeit zum Ausbau eines Yogaraums den ganzheitlichen und damit nachhaltigen Gesundheitsansatz fort. Zukünftig bietet es Raum für vier weitere Kurgäste und umfasst eine Mitarbeiter*innen-Wohnung.

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Zusammen mit einer der Gründer*innen und der Geschäftsführerin Heidi Gutschmidt durfte ich das Gebäude noch während der Bauarbeiten mit allen Sinnen erfahren und erfühlen, worüber ich mit den beiden Architekt*innen Anna Heringer und Martin Rauch im Interview sprach.

Es geht um die Besonderheiten dieses Projekts, aber auch um die Wichtigkeit von lokalem Handwerk, einem erweiterten Verständnis der Gesundheit und um die Weiblichkeit in der Architektur.
Mit diesem Beitrag endet mein Baumeister Academy Stipendium und damit die Beitragsreihe „Architektur in Bayern, die etwas bewegt.“ Auf meinem Instagram-Account gedanken_architekt_in können Sie meine Reise hierzu jedoch weiterhin verfolgen.

„Wir müssen der Intuition mehr Raum geben“ – Interview mit Anna Heringer und Martin Rauch

Catherina Wagenstaller für Baumeister: Sie beide entwarfen zusammen das neue Gästehaus im Ayurveda Kurzentrum in Rosenheim – das Waldhaus. Was waren die wichtigsten Rahmenbedingungen für dieses Projekt und wie gingen Sie beim Entwerfen vor?

Anna Heringer: Es ist ein wahnsinnig sensibles Grundstück zwischen den beiden Gewässern und dem Auwald. Begonnen haben wir mit einem „Clay Storming“. Wir haben uns auf das Baugrundstück vor Ort eingelassen und in einem intuitiven Prozess entworfen. Dazu bauten wir das Gelände inklusive Nachbarhäuser aus Ton und schauten, wie viel Masse und welche Form das Grundstück verträgt. Wir zogen uns immer wieder zurück und holten die Bauherren dazu, um mit ihnen am feuchten Tonmodell weiterzuarbeiten und zu diskutieren.

Martin und ich haben andere Schwerpunkte beim Entwerfen. Es ist nicht so, dass der eine der Pragmatiker und die andere das Chaos ist. Wir arbeiten nur zu unterschiedlichen Zeitpunkten an verschiedenen Dingen. Das Schöne ist, dass das ineinanderfließt. Wir ändern beim Modellieren ständig die Perspektive und jeder darf das anfassen, was der andere gebaut hat. Wenn man mit den Händen arbeitet, kann man den Impulsen aus dem Bauch wahnsinnig gut folgen. Über die Sprache und Analyse ist das Entwerfen so kopflastig. Das ist nicht immer hilfreich. Wir lassen uns von dem Gefühl leiten und am Schluss muss es sich stimmig anfühlen.

Martin Rauch: Die Schnittstelle war dann, das Waldhaus-Modell der Stadt vorzustellen. Dieser gemeinsame Gang zur Stadt war sehr wichtig, damit man die Leute mit ins Boot holt. Es bestand schon ein Entgegenkommen seitens der Stadt Rosenheim.

Anna Heringer: Das hing sicher davon ab, dass wir lokalem Handwerk Vorrang gaben und mit nachhaltigen Materialien arbeiteten. Ein wichtiger Punkt war auch, dass sich das Waldhaus harmonisch in die Umgebung einfügt.

„Die Gerade kommt in der Natur nicht vor“ – Anna Heringer

Das Gebäude ist eine Holz-Lehm-Konstruktion. Wie kommen diese Materialien zum Einsatz?

Martin Rauch: Ursprünglich sollte der hintere Körper ein Stampflehmkörper und der andere, der wie eine Brücke funktioniert, ein Holzbau sein. Von den Bauherren war bei Beauftragung gewünscht, dass Holz und Lehm tragende Rollen spielen. Es sollte möglichst wenig Beton eingesetzt werden. Letztlich wurde es ein Holzbau, weil er in dieser Komplexität, in diesem Zeitraum und in dem Kostenrahmen leichter umzusetzen war, als ein tragender Stampflehmbau. Lehm und Holz sind hier ganz bewusst unterschiedlich eingesetzt worden.

Anna Heringer: Es war ein großes Anliegen, auf so viel Stahl und Zement wie möglich und auf sämtliche Schäume zu verzichten.

Martin Rauch: Das ganze Waldhaus ist mit ehrlichen Materialien konstruiert und gebaut. Es ist ein Holzkonstruktionsbau mit Platten – sehr komplex für den Zimmermann, da der Bau schräge Stellen hat. Innen in den Zimmern ist er aus raumakustischen und raumklimatischen Gründen mit Lehm beplankt. Im Erschließungsbereich ist das Holz als konstruktives Element naturbelassen. Das Dämmmaterial ist eine Holzweichfaserplatte. Außen besitzt das Gebäude teilweise eine massive Holzfassade und sein Kopf ist eine Flechtfassade. Diese gewährleistet, dass das Gebäude mit dem Auwald verschmilzt und nicht als Fremdkörper wirkt.

Anna Heringer: Wir haben gemerkt, dass es wichtig war, auf geradlinige Schneisen zu verzichten. Es sollte ein Gebäude werden, das sich „reinnestelt“. Die Gerade kommt in der Natur nicht vor und man merkt, dass das Gebäude mit den Händen in das Gelände hineinmodelliert ist.

Martin Rauch: Wichtig sind auch die verschiedenen Lehmbautechniken: Kasein- und Stampflehmböden, Lehmputz- und Stampflehmwände.

„Es ist wie eine Symbiose.“ – Martin Rauch

Warum harmonieren diese beiden Materialien so gut miteinander und was gilt es zu beachten?

Martin Rauch: Holz oder Pflanzenwerkstoff und Lehm sind für mich die Baustoffe der Zukunft. Lehm ist nichts anderes als erodiertes Gestein, das sedimentiert. Je feiner es wird, desto feiner wird der Lehm – bis hin zum Ton. Auf diesem erodierten Gestein wächst auch unser Holz. Auf Stein kann es nicht wachsen. Wenn beide wieder zurück in die Natur gelangen, haben sie die Umwelt nicht belastet. Holz und Lehm passen ideal zusammen. Sie ergeben eine Synergie. Deshalb lassen sich aus diesen Materialien gute Häuser bauen.

Anna Heringer: Das eine beruht auf Druck, das andere auf Zug. Und das Holz braucht die Masse – auch vom Raumklimatischen her. Das eine ist für mich der Rhythmus und das andere der Klang. Es sind zwei Materialien, die sich wahnsinnig gut ergänzen. Das gilt ebenso für die Atmosphäre.

Martin Rauch: Es ist eigentlich nicht das Holz, sondern die Pflanze. Alles was auf dem Lehm wächst, ist gut mit dem Lehm kombinierbar. Wichtig ist auch die Feuchtigkeitsregulierung. Lehm ist trockener als Holz und trocknet es dadurch. Es ist wie eine Symbiose.

„Man fühlt sich geborgen.“ – Anna Heringer

Bei RoSana geht es um ganzheitliche Gesundheit. Dazu gehören auch gesunde Räume und Materialien. Der Lehm wird hier vielfältig eingesetzt und verarbeitet. Für mich war es ein Erlebnis, in das Waldhaus hineinzugehen. Es riecht, und ich musste alles anfassen. Wodurch wird so ein gutes Raumklima und Raumgefühl erzeugt?

Martin Rauch: Lehm ist Heilerde. Theoretisch könnte ich in ein Lehmbad einsteigen und ich würde mich wohlfühlen. Ein Gebäude ist wie eine dritte Haut des Menschen, und wenn diese angenehm, gesund, ja sogar heilend ist, dann gibt es nichts Besseres.

Anna Heringer: Das Streicheln- und Berühren-Wollen des Lehms bemerken wir bei all unseren Projekten. Man reagiert nicht nur visuell auf Materialien, sondern auch mit anderen Sinnen. Gerade beim Lehm. Er spricht etwas Elementares in uns an, eine uralte Verbindung vom Menschen mit der Erde. Mutter Erde, da steckt viel Beziehung drinnen. Das spürt man und fühlt sich geborgen. Das ist essenziell beim Gesundwerden.

Dieses Gefühl wollten wir in das Gebäude einbringen. Daher sind alle Oberflächen im Waldhaus aus einem Lehmmaterial. Es gibt die raueren Komponenten des Stampflehms – das Archaische, Puristische und Kräftige. Die feinen Lehmoberflächen haben etwas samtiges, fast etwas liebvolles. Dieser Gesamtklang macht es, dass man sich mit allen seinen Elementen und Stimmungen wohlfühlt.

„Alles was perfekt ist, ist eigentlich stressig.“ – Anna Heringer

Woran liegt das?

Martin Rauch: Die Räume sind relativ klein, sogar unter dem Standard. Dies kann man nur aufwerten, wenn man wirklich gute und ehrliche Materialien verwendet. Im Zimmer des Ayurvedazentrums möchte ich mich wohlfühlen. Wenn ich auf die Stampflehmwände schaue, dann ist das wie ein Blick in die Landschaft, ein Stück Natur eben. Das macht viel für den Charakter aus. Es hat eine große Wirkung, wie sich diese Zimmer und Materialien anfühlen.

Anna Heringer: Ich empfinde das auch so, dass man von Wänden aus Materialien wie Beton oder auch Glas, die physisch nicht so anziehend wirken, mehr Abstand braucht. Aber man kommt mit kleineren Räumen gut zurecht, wenn die Oberflächen gut sind. Das ist etwas, das wir lernen müssen. Qualität wird viel an Quadratmetern gemessen. Aber man kann die Lebensqualität genauso gut erreichen, indem man hochwertige und natürliche Materialien verwendet. Dorthin müssen wir im verdichteten Bauen. Wenn ich in Bangladesch oder Marokko durch eine enge Lehmgasse gehe, fühle ich mich nicht so bedrängt, als würde ich durch einen Betongasse gehen.

Es geht um Natürlichkeit und Imperfektion. Alles was perfekt ist, ist eigentlich stressig. Diese üblichen, monochromen Oberflächen in Gesundheitseinrichtungen lassen einen sich als Mensch und natürliches Wesen eher fremd fühlen. Ich denke, das ist für das Gesundwerden nicht der richtige Ansatz. Sondern viel mehr das Zulassen der Natürlichkeit, dieses Einlassen, Loslassen und Akzeptieren der Vergänglichkeit und Imperfektion.

„Mit natürlichen Materialien und entsprechendem Handwerk kann man eine Qualität erzielen, die selbst für einen Hotel- und Gesundheitsbetrieb ausreichend ist“ – Martin Rauch

Der Stampflehmboden ist vor Ort eingestampft worden. Wie war das bei den Wänden?

Martin Rauch: Die Wände sind als Plattenkonstruktion vorgefertigt. Das sind einige Tonnen schwere Platten. Diese Schwere hat eine sehr gute akustische Wirkung. Der große Vorteil von Lehm ist seine Wasserlöslichkeit. Man kann die Fugen nass machen und sie dadurch so retuschieren, dass nur noch eine monolithische Wand erkennbar ist.

Um nochmal in den kleinen Maßstab zu gehen: Der Boden der Bäder im Waldhaus besteht aus besonderen Fliesen und die Wände aus Tadelakt, einem marokkanischem Kalkputz. Was ist daran außergewöhnlich?

Martin Rauch: In Bädern könnte man auch Lehmputze verwenden. Aber dadurch, dass das ein viel und von verschiedenen Menschen genutzter Raum ist, ist es wichtig, ein Material zu finden, das ein gewisses Nutzungsverhalten für den Hotelbetrieb gewährleistet. Gleichzeitig muss es den Gesundheitsansprüchen gerecht werden. Die Karak-Fliesen am Boden sind aus gebranntem, weißem Lehm mit schönem Ornament. Die Wände sind aus Tadelakt. Das ist purer Kalk und absolut natürlich, antiseptisch, hygienisch, gut zu pflegen und fugenlos. Mit natürlichen Materialien und entsprechendem Handwerk kann man eine Qualität erzielen, die selbst für einen Hotel- und Gesundheitsbetrieb ausreichend ist. Das war auch das Herausfordernde. Jedes Bad hat durch Lichtkamine natürliches Tageslicht, was zusätzlich das Wohlbefinden steigert.

„Der Lehm wirkt auch auf die Seele.“ – Anna Heringer

Wir hörten bereits einiges über die Außergewöhnlichkeit von Lehm. Ergänzend zu der Aussage, dass das Gebäude die dritte Haut des Menschen ist – warum sollte Lehm im Gesundheitsbereich öfter eingesetzt werden?

Anna Heringer: Ich glaube, die Vergänglichkeit ist, viel leichter zu akzeptieren, wenn man sich in der Natur befindet. Das Werden und Vergehen ist dort einfach allgegenwärtig. Das ist beim Lehm im Prinzip auch so. Er besteht aus erodiertem Gestein und gleichzeitig ist er der Humus, also das Material das Leben hervorbringt. Ich glaube, dass das für die Psyche sehr beruhigend ist. Wir legen viel Wert auf Perfektion, aber das tut unserer Seele eigentlich gar nicht gut.

Martin Rauch: Hier im RoSana sind die Stampflehmwände, auch die schönen, enorm sensiblen Lehmoberflächen, der Kaseinboden und der Stampflehmboden handwerksintensiv. Wir hatten auf der Baustelle wirkliche viele ausgezeichnete Handwerker, etwa die Familie Gärtner. Mit einem Badezimmer aus Tadelakt war ein Arbeiter drei Tage lang beschäftigt. Das ist ein massiver Input an menschlicher Arbeitskraft und das ist ebenso Energie, die in dem Raum steckt. Ich glaube, der sensible Mensch spürt das. Das Waldhaus kann man mit gutem Gewissen als gesund für Mensch und Umwelt bezeichnen.

Anna Heringer: Ich würde auch sagen, dass es gesund für die Gesellschaft ist, weil es Arbeitsplätze schafft. Es ist auf allen Ebenen gut – eben die Harmonie, die man tiefer wahrnimmt als auf der formalen Ebene. Eines der ersten Projekte von Martin war eine Stampflehmwand in einem Krankenhaus, an der man entlang gehen konnte. Der Seelsorger dieser Einrichtung beobachtete, dass er längs dieser Wand die besten Gespräche führt. Die Gesundheit hat nicht nur etwas mit dem Körper zu tun, sondern eben auch mit der Seele. Der Lehm als elementares Material wirkt auch auf diesen Ebenen.

„Das System ist keine Naturgewalt, sondern menschengemacht.“ – Anna Heringer

Ich bemerkte es an mir selbst. Als ich das Waldhaus verließ, ging es mir ausgesprochen gut. Was ist also nötig, dass sich ein so wertvolles Material in der breiten Masse des Bauwesens wieder und weiter etabliert und warum ist lokales Handwerk so wichtig?

Anna Heringer: Ein Material, das gesund ist für den Menschen, für die Mitwelt und für die Gesellschaft ist teurer, als Materialien die zum Beispiel dem Ökosystem Schäden zufügen und die ökonomische Schere weiter auseinanderklaffen lassen. Momentan basiert alles auf Freiwilligkeit. Wenn der Lehm ein Drittel teurer oder doppelt so teuer ist, dann ist das schwierig. Es macht aber keinen Sinn, dass ein Material, das lokal verfügbar ist und entweder Hightech oder Lowtech vor Ort verarbeitet werden kann, so viel kostet. Das liegt an unserem Wirtschaftssystem und die durch Subventionen fehlende Kostenwahrheit.

Es braucht Fairness und politische Entscheidungen, um Materialien zu fördern, die für unsere Zukunft entscheidend sind. Da gehört Lehm dazu. Ein Werkzeug, um das zu erreichen ist ganz klar die CO2-Steuer, die einfach eine Kostenwahrheit herstellen kann. Ich finde im Gegensatz dazu müsste man auch die menschliche Energie miteinbeziehen. Bei alternativen Energien redet man nur von Wind, Sonne und so weiter, aber menschliche Arbeitskraft ist eine wichtige Energiequelle, die weltweit wächst. Das Handwerk müsste man einfach weniger besteuern.

Es kann nicht sein, dass man sich dieses nicht mehr leisten will. Stattdessen kauft man günstige Möbel aus der Massenproduktion. Das ist ein Ungleichgewicht, dem man politisch entgegen steuern muss. Es ist nicht so, dass das System eine Naturgewalt ist. Es ist menschengemacht und deswegen kann man es natürlich wieder nachjustieren – und das müssen wir tun.

„Diese Sinnhaftigkeit der Arbeit ist wichtig.“ – Martin Rauch

Martin Rauch: Man muss das Image des lokalen Handwerks fördern. Nicht nur finanziell, sondern auch das Schul- und Ausbildungssystem. Das ist in der letzten Zeit schiefgelaufen. Handwerk wird nicht mehr als solches gesehen. Das Bauen ist sehr industriebetont. Materialien werden also von der Industrie montiert. Demnach ist das Handwerk mehr ein Montage-Job als ein Bau-Job.

Das Handwerk und das Bauen mit schönen Oberflächen haben auch eine Sinnhaftigkeit. Es ist nicht nur gesund für das Raumklima, sondern auch für die Leute, die es umsetzen. Emmanuel Heringer beispielsweise, der das Flechtwerk machte, ist zurecht stolz auf seine Arbeit und wir erfreuen uns an den Stampflehmböden und -wänden. Diese Sinnhaftigkeit der Arbeit ist wichtig.

„Ich wünsche mir mehr „weiblichen Qualitäten“ in der Architektur“ – Anna Heringer

Die Beitragsreihe „Architektur in Bayern, die etwas bewegt“ sucht nach sozikulturell und ökologisch wertvollen Projekten, bei denen ebenso Frauen beteiligt waren. Frau Heringer, was können Sie uns jungen Frauen in der Baubranche mit auf dem Weg geben?

Anna Heringer: Ich glaube, es ist wichtig, dass wir uns nicht nur auf die Frauen in der Architektur, sondern auf die Weiblichkeit in der Architektur konzentrieren sollten. Die Architekturbranche ist so ausbeuterisch und immer wieder das Neue erobernd – weiter, größer, schneller, höher. Der Fokus ist wahnsinnig viel auf den „männlichen Qualitäten“. Das führt uns zu dieser unglaublich zerstörerischen Art unserer Mitwelt gegenüber.

Ich wünsche mir einfach mehr „weiblichen Qualitäten“, die natürlich Männer genauso haben können – eben das Bewahren, dieses Aufbauen auf altem Wissen, das Nährende. Es braucht wieder viel mehr Fokus darauf, was die Potenziale vor Ort sind und wie das Endresultat und der Prozess dorthin harmonisch gestalten werden können. Für mich sind das „weibliche Qualitäten“ und das müssen wir mehr benennen – auch in der Architekturausbildung.

Wir müssen der Intuition mehr Raum geben und nicht nur der Analytik, dem Argumentativen und Strategischen, sondern eben auch mehr dem Fühlen und dem Intuitiven. Ich wünsche mir, dass Frauen nicht immer versuchen, wie die Männer zu sein, sondern dieses Weibliche selbstbewusst einbringen. Wir dürfen uns nicht durcheinanderbringen lassen und müssen uns wirklich auf unserer Kernkompetenzen und Potenziale zurückbesinnen. Ich glaube, dass so eine nachhaltige Architektur – im Sinne von harmonisch mit der Gesellschaft und mit natürlichen Ressourcen – ganz natürlich entsteht.

 

Auch wir – besser gesagt Chefredakteur Fabian Peters – sprach mit Anna Heringer beim BAUMEISTER Curated Talk One. Hier finden Sie das ganze Gespräch im Mitschnitt mit ihr und Snøhetta-Gründer Kjetil Trædal Thorsen über „Concept and Context“, zwei Begriffe, die zentral für die Arbeit sowohl von Snøhetta als auch von Anna Heringer sind.