18.07.2022

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Google
BIG Bjarke Ingels Group

Solarziegel auf dem Google Campus, BIG’s „Dragonscale“

von Michaela Putz
Foto: © BIG Campus Google Bay View Iwan Baan
Foto: © BIG Campus Google Bay View Iwan Baan

Etwas südlich von San Francisco entstehen zwei futuristische Bauwerke. Wie ein riesiger Baldachin legt sich das Dach über die Neubauten am Google Campus. Gedeckt ist es mit 90.000 Solarziegeln der Schweizer Firma SunStyle, die hier um die Wette funkeln. „Dragonscale“ nennt sich das neue Solarpanel-Design von BIG. Google möchte damit nichts weniger, als eine neue Ära der solarbetriebenen Gebäude einzuläuten.

Schon von weitem sticht die außergewöhnliche Form der drei neuen Dächer am Google Campus im kalifornischen Mountain View ins Auge. Sie gehören zu einem Neubauprojekt, das das dänische Architeturbüro BIG dort gemeinsam mit dem Heatherwick Studio aus London errichtet. Doch die bemerkenswerte Struktur der Dächer hat nicht nur einen ästhetischen Zweck: Sie ermöglicht es, die Sonne zu verschiedenen Tageszeiten aus unterschiedlichen Winkeln einzufangen. Denn für die neuen Bauten im Silicon Valley kommt ein gebäudeintegriertes Photovoltaik-System aus der Schweiz zum Einsatz.

90.000 Solarziegel und sieben Megawatt Strom

Dort stellt das Unternehmen SunStyle Solarziegel her, die Form und Funktion auf elegante Weise vereinen. Während Photovoltaik-Flachdächer nur bei bestimmten Sonnenständen optimal Strom erzeugen können, gewinnen die Ziegel hier den ganzen Tag über Sonnenenergie. Schindel für Schindel generiert das aus 90.000 Solarziegeln bestehende Dach des Google Campus so viel Sonnenenergie, dass es damit rund 40 Prozent des Strombedarfs in den Gebäuden Bay View und Charleston East deckt. Ersten Schätzungen zufolge erzeugt das neue Dach auf diese Art sieben Megawatt Strom.

Foto: © BIG Campus Google Bay View Iwan Baan
Foto: © BIG Campus Google Bay View Iwan Baan
Foto: © Sun Style
Foto: © Sun Style

Neue Herausforderungen an Unternehmen

Die Solarziegel sind eine Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit. Im Kontext der Klimakrise wächst global der Druck auf Unternehmen, ihre Kohlenstoff-Emissionen zu reduzieren. Nicht nur seitens der Regierungen gibt es Vorgaben und Auflagen, die zu erfüllen sind. Insbesondere Umweltschützer und vor allem die Kunden erwarten von Unternehmen, dass sie ihrer Verantwortung gerecht werden und nachhaltig agieren. Sundar Pichai, CEO von Google, hat sich deshalb zum Ziel gesetzt, dass Google bis 2030 ausschließlich über kohlenstofffreie Energie läuft – vom Campus bis zu den Datencentern. Ihm zufolge ist nachhaltige Architektur auch im Wettbewerb um künftige Mitarbeiter ausschlaggebend, zumal der sogenannten Generation Z die Umwelt sehr am Herzen liegt. Viele der um die Jahrtausendwende Geborenen können sich nicht vorstellen, für ein Unternehmen zu arbeiten, das nicht ihre Werte verkörpert. Um junge Talente für sich zu gewinnen, ist eine Umstellung auf erneuerbare Energien für Unternehmen in Zukunft also unerlässlich.

Foto: © BIG Campus Google Bay View Iwan Baan
Foto: © BIG Campus Google Bay View Iwan Baan

Gebäude als Emissions-Treiber

Gebäude stellen aktuell eine große Belastung für die Umwelt dar. In den USA verbrauchten diese im Jahr 2020 laut Angaben der US Energy Information rund 40 Prozent des Stroms des Landes. Darüber hinaus zeichneten sie sich verantwortlich für 37 Prozent der weltweiten energiebedingten CO2-Emissionen. Auch in Deutschland verursachen Gebäude laut Umweltbundesamt etwa 35 Prozent des Endenergieverbrauchs und etwa 30 Prozent der CO2-Emissionen. Damit sind sie einer der größten Verursacher von Treibhausgasen, obgleich hier die Emissionen von Kühlmitteln für die Wartung von Klimaanlagen und Kühlschränken noch gar nicht berücksichtigt sind. Diese können ein hundert- bis tausendfach höheres Treibhauspotenzial haben als Kohlendioxid. Das steigende Bewusstsein für diese Problematik wirkt sich auf die Nachfrage nach emissionsarmen Büros aus. Und damit einhergehend natürlich nach neuen Technologien, um diese umzusetzen.

Solarziegel – saubere Energie & nachhaltiges Design

Durch den Einsatz von Solarziegeln müssen sich Ästhetik und nachhaltige Energie nicht mehr ausschließen. Das Schweizer Unternehmen SunStyle, mit dem Google seinen Zubau umgesetzt hat, hat sich für sein Design von den traditionellen Schieferdächern der Alpenregion inspirieren lassen.

Jeder Dachschindel ist aus monokristallenen Photovoltaikzellen hergestellt und dafür gemacht, ein Maximum an Energie zu generieren. Somit lösen Solarziegel gleich zwei Herausforderungen auf einmal. Denn Nachhaltigkeit bedeutet auch, historische Dachlandschaften in der Stadt und am Land zu erhalten. Die Solarziegel erfüllen damit nicht nur die Forderung nach energetisch optimierten Bauten. Sie sorgen auch dafür, dass Neu- und Umbauten sich harmonisch in das Landschaftsbild einfügen. Beim Entwurf energieautarker Gebäude müssen Architektinnen und Architekten nun weit weniger Kompromisse bei der Gestaltung machen. Inzwischen gibt es die solarbetriebenen Dachziegel bei fast allen Gebäudetypologien – vom klassischen Einfamilienhaus über Industriegebäuden bis hin sogar zu Kirchen.

Foto: © Sun Style
Foto: © Sun Style
Foto: © Sun Style
Foto: © Sun Style

Alles unter einem Dach

Entwickelt wurde die Technologie schon in den Neunzigerjahren. Damals wurden die Solarzellen auf die Ziegel aufgeklebt. Heute ist der Ziegel selbst die Solarzelle. Mittlerweile bieten viele Unternehmen die Solarziegel an – von Eternit bis hin zu Tesla. Google hat  auf der Suche nach dem perfekten Partner für die Umsetzung seiner solarbetriebenen Dachstruktur einige dieser Hersteller kontaktiert. Seit einigen Jahren arbeiteten BIG und Heatherwick Studio gemeinsam daran, vier Grundstücke in Mountain View für den Google Campus neu zu erschließen.

Auf einer Fläche von ca. 55.000 Quadratmeter gibt es hier nun Platz für 3.000 Mitarbeiter. Geleitet wurde das Projekt in Kalifornien von Asim Tahir, zuständig für den Bereich der erneuerbaren Energien bei Google. Das Design soll durch seine offene Architektur eine kollaborative Arbeitsweisen fördern und Raum bieten für sich ändernde Bedürfnisse. Vor allem ging es jedoch um die Entwicklung einer nachhaltigen Lösung in Form eines Daches, das saubere Energie erzeugt. Die Dachstruktur ist nun das Ergebnis jahrelanger Produktentwicklung.

Foto: © BIG Campus Google Bay View Iwan Baan

Solarziegel – vom Prototyp zum Mainstream

Einer Handvoll Partner aus Europa haben zusammen mit Google Prototypen hergestellt und geprüft. Die Lösung für das ambitionierte Design des Daches kam schlussendlich aus der Schweiz. Durch die spezielle Beschichtungs-Technologie der Solarziegel von SunStyle und die prismatische Beschaffenheit des Glases konnte die reflektierende Blendung minimiert werden. Diese ist ein Nachteil herkömmlicher flacher Sonnenkollektoren und stellt oft ein Problem für Autofahrer oder Piloten dar.

Zugleich verleihen sie den überlappenden Paneelen ein Funkeln, das Namensgeber war für die „Drachenschuppen“. Google plant, die im Laufe des Projekts gewonnenen Erfahrungen nun weiterzugeben und Mainstream-fähig zu machen. Dadurch möchte der Tech-Riese andere Unternehmen dazu animieren, ihre Klimaziele zu erreichen. Seine eigenen Ziele hat Google sehr hoch gesteckt. Denn um bis 2030 tatsächlich CO2-neutral zu werden, gibt es noch viel zu tun. Eindeutig zeigt das Projekt jedoch, dass nachhaltige Arbeitsplätze und Produktionsstätten immer bedeutender werden. Wenn die Lösungen dabei noch ästhetisch ansprechend sind, umso besser.

Ziegel können nicht nur in dieser speziellen Form in Szene gesetzt werden: In unserem Artikel „Ziegelmosaik“ haben wir eine Reihe der interessantesten neuen Ziegelbauten vorgestellt.

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