Skandinavischer Budenzauber

 

Studenten sind offenbar die ideale Ziel­gruppe für Holzhochhäuser. In eine Ansammlung bestehender Studentenwohnhäuser aus den 1960er-Jahren haben MDH Arkitekter fünf neue Wohntürme platziert, dazu eine Bibliothek und einen Kindergarten, um eine neue Mitte auszubilden. Nicht nur der Grundriss für Wohngemeinschaften, auch die Holzkonstruktion ist zukunftsweisend und – Rekorde sind anscheinend wichtig – das derzeit größte CLT-Massivholzprojekt in Europa.

Im Dezember 2015 wurde das bis dato höchste Holzhochhaus in Bergen fertiggestellt. Das vom Architekturbüro Artec entworfene, 14-stöckige Gebäude, getauft auf den Namen „Treet“ (der Baum), ist 51 Meter hoch. Die Wohnungen bestehen aus vorgefertigten Modulen, die in die Tragstruktur aus Leimbindern eingesetzt wurden. Den Wetterschutz übernimmt eine äußere Hülle aus Glas und Cortenstahl. Das Projekt baut auf den Erfahrungen von den großen Sportstätten auf, die für die olympischen Winterspiele 1994 in Lillehammer errichtet wurden.

Der „Mjøstårnet“ (Turm am Mjøsa-See) ist der neue Herausforderer im Wettlauf um den norwegischen Holzhochhausrekord von Voll Architekten aus Trondheim. Er misst mit 18 Stockwerken 81 Meter. Die Leimbinderkonstruktion von „Treet“ wurde dafür weiterentwickelt, jedoch werden hier keine Wohnmodule verwendet.

Medienrummel um Höhenrekorde

Der Wettlauf um den Höhenrekord hat dem Baustoff Holz für städtische Gebäude zu großer medialer Aufmerksamkeit verholfen. Dem Holzbau ist in Norwegen aber auch auf einem anderen Gebiet der Durchbruch gelungen: für Studentenwohnungen mit bis zu neun Etagen. Bereits im August 2013 wurde im südnorwegischen Ås das Wohnheim „Palisaden“ eingeweiht: achtgeschossige Wohnblöcke mit Brettsperrholz aus Österreich erbaut und vom Architekturbüro BAS geplant. Das Projekt erfüllt die Anforderungen des Passivhausstandards und in der Bauphase wurden sowohl das knappe finanzielle Budget, als auch der zeitliche Rahmen eingehalten. Von Seiten der Politik, Bauherren, Nutzer und Bauunternehmer kam im Anschluss großes Lob, dass in vielen anderen Studentenorganisationen vernommen wurde. Mittlerweile sind bis Ende 2017 mehr als 4.000 Studentenwohnungen in der gleichen Bauweise fertiggestellt worden oder befinden sich im Bau. Und dies in einer Branche, die lange von trägen Entwicklungen geprägt war. Schlüsselfiguren und neue angepasste Prozesse haben hier einen großen Beitrag geleistet.

Ein engagierter Bauherr

Die Studentenvereinigungen in Norwegen treten sowohl als Bauherr als auch als Betreiber der Wohnanlagen auf. Sie haben somit hinsichtlich der verwendeten Materialien, Nutzung und Wartung von Beginn an eine langfristige Perspektive und repräsentieren gleichzeitig das Engagement der Universitäten auf dem Gebiet der Nachhaltigkeit und Umweltfreundlichkeit.

Für Palisaden etablierte das Projekteiterbüro iTre ein Planungsmodell, für das sie in Zusammenarbeit mit ausgewählten Architekten und Fachplanern ein erweitertes Einreichprojekt entwickelten, das auf gut dokumentierte, holzbasierte Lösungen baut. Gerade Studentenwohnungen, mit ihren vielen kleinen, identischen Einheiten, sind ideal für die Anwendung von vorgefertigten Brettsperrholzkonstruktionen. Der Preis für Produktion und Montage wurden als Sammelpaket berechnet, noch bevor das Projekt für Bauunternehmer ausgeschrieben wurde. Dadurch verringerten sich Unsicherheit und Skepsis bezüglich Preis und Detaillösungen deutlich.

Passende Gesetze

Das norwegische Baugesetz fordert neuerdings Sprinkler in allen Wohnbauten mit Aufzug. So wird die Verwendung von Holz im Tragsystem erleichtert. Tests an Prototypen haben bewiesen, dass ausreichend kräftig dimensionierte Holzkonstruktionen durch die Verkohlung einen vollständigen Brandverlauf überstehen. Da es sich bei Studentenwohnheimen auch um zeitlich begrenzte Mietverhältnisse handelt, lässt sich dort mit leicht reduzierten Anforderungen an den Schallschutz planen, so dass sich sichtbare Holzoberflächen in Wand und Decke einfacher und günstiger realisieren lassen. Die staatliche Finanzierung solcher Wohnheime setzt gleichzeitig strenge Kostenrahmen für die Planung und Errichtung, wodurch sämtliche Projektbeteiligte zu einem hohen Maß an Disziplin gezwungen sind. Hier eignen sich also neue, rationelle Baumethoden mit einem hohen Grad an Vorfertigung und kurzer, gut planbarer Bauzeit besonders gut.

Diese politischen, technischen und ökonomischen Faktoren waren entscheidend für die rasche Verbreitung des Baustoffs Brettsperrholz in Studentenwohnheimen. Zentrale Akteure wie Veidekke, Norwegens größter Bauunternehmer, waren Teil dieser Entwicklung und arbeiten nun mit den gesammelten Erfahrungen an angepassten Lösungen für den regulären Wohnungsbau.

Das Moholt-Projekt

In der Reihe an Brettsperrholzprojekten ist die Nachverdichtung des Studentendorfs Moholt für die Studentenvereinigung von Trondheim besonders interessant: Es ist ein großes Projekt und baut auf einem Wettbewerbsentwurf auf, der ursprünglich in Stahlskelettbauweise mit Betonfertigteilen gedacht war. Zudem waren Ziegelfassaden geplant, die sich in die bestehende Baumasse in Moholt einpassen sollten.

Fotos: Ivan Brodel

 

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