Reduce, re-use, recycle

Der BDA Preis Bayern 2019 in der Kategorie Gewerbe- und Verwaltungsbau ging an den Neubau Wertstoff- und Straßenreinigungsdepot Nord in Augsburg von Knerer und Lang Architekten. Das Nützliche und das Schöne liegen bei diesem Projekt nah beieinander: Ein Dach und eine Farbe fassen ein Dutzend verschiedene Funktionen und Bereiche zusammen.

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Das Nützliche und das Schöne liegen bei diesem Projekt nah beieinander: Ein Dach und eine Farbe fassen ein Dutzend verschiedene Funktionen und Bereiche zusammen.

Ein Unikum

Der Neubau des Straßenreinigungsdepot und Wertstoffhof in Augsburg ist in vielerlei Hinsicht ein Unikum. Da ist zum einen der Bauplatz. Anstatt den Bestand zu erweitern entschied sich der Bauherr, der AWS – Abfallwirtschafts- und Straßenreinigungsbetrieb in Vertretung des Referats für Umwelt, Nachhaltigkeit und Migration der Stadt Augsburg –, für eine Neustrukturierung der Standorte. Drei Neubauten wurden auf drei strategisch günstigen Stellen verteilt: an der Holzstraße, eingerahmt von Gewerbegebiet, Kleingartenanlage und der vierspurigen Bundesstraße B17. Zum anderen war es die ungewöhnliche Auftragsvergabe, mit der der architekturaffine Bauherr im VOF-Verfahren ohne Entwurf den Weg für eine außergewöhnliche Lösung geebnet hat. Kein Standard ist auch die Typologie, eine Mischform aus Wertstoffhof- und Betriebshof für den kommunalen Winterdienst und die Straßenreinigung. Neben den Einrichtungen für Personal und Verwaltung sollten LKW-Hallen, Waschanlagen, Magazine und Lagerflächen sowie Stellplätze für die zwanzig Container und Pressen von Alttextilien bis Sperrmüll auf dem Grundstück untergebracht werden.

Die Abläufe sind der Schlüssel

Bevor die Architekten den ersten Strich zeichneten, besichtigten sie mit dem Bauherrn zahlreiche Betriebs- und Wertstoffhöfe in der Region, um die Abläufe kennenzulernen. Die größte Herausforderung war es, die unterschiedlichen Nutzungen mit den Anforderungen an die Verkehrsführung, mit den Rangier- und Parkflächen der etwa 50 Fahrzeuge und der Zugänglichkeit der Lagerhallen, zum Beispiel für das Streusalz, unter einen Hut zu bringen. Die pragmatischste und zugleich ästhetischste Lösung war die Integration alle Funktionen unter einem Dach. Im vorderen Teil findet der Kundenverkehr statt, während der hintere Bereich dem Betriebshof vorbehalten ist. Die doppelte Tiefe der Fahrzeughallen erlaubt eine interne Rangier- und Vorbereitungsfläche bei schlechten Witterungsverhältnissen. Eine Fußbodenheizung gewährleistet auch während der kalten Jahreszeit eine reibungslose Abwicklung des Winterdiensts. Den Abschluss der Anlage bildet das Schüttgutlager.

Je nach Funktionsanforderung, von den Containerstellplätzen bis zur großen Fahrzeughalle und den zweigeschossigen Verwaltungseinheiten, zeichnet die Hüllfläche die notwendige Höhe nach und bildet sie plastisch als gefaltete, begrünte Dachlandschaft ab. Fast 5.700 Quadratmeter Bruttogeschossfläche werden so zu einer Großplastik vereint, die sich um einen Innenhof wie eine Bühne herum entwickelt. Aufgelöst wird die strenge Form durch die Einbeziehung der Baugrenzen, die die äußere Fassade zurückspringen und abknicken lassen. Stehende sägeraue Lärchenholzleisten lassen das Gebäude von außen unauffällig erscheinen. Die ursprüngliche Idee, eine Holzkonstruktion zu verwenden, musste aus verschiedenen Gründen verworfen werden. Zu unwirtschaftlich waren die Spannweiten unter der Dachlandschaft, der Anprallschutz und die Schutzmaßnahmen vor dem aggressiven Streusalz.

Anregend: die Komplementärfarbe

Der Aha-Effekt stellt sich beim Betreten der Anlage ein. Das leuchtende Orange der Container und Fahrzeuge kontrastiert zu einem kräftigen Blauton, der die verschiedenen Nutzungen zusammenfasst. Die Faszination für Olympia 1972 der Architekten spiegelt sich in diesem intensiven Farbton wider, der als Lackierung auf der Hülle aus Stahltrapezprofil aufgebracht ist. Durch die Flächigkeit der Farbe und des Materials lassen sich die notwendigen Öffnungen als Türen, Schiebetore und Fenster stimmig integrieren. Noch stimmungsvoller als die Fassade ist das Betriebsklima bei den etwa 50 Mitarbeitern: Die Aufenthaltsqualität in den Sozialräumen und Umkleiden ist besser als an den vorherigen Standorten. Dazu kommt der starke Zusammenhalt der Truppe: Im selbst gestalteten Pausenraum wird regelmäßig gemeinsam gekocht, quer durch die Heimatspezialitäten. Das dürfte das schönste Lob für die Verantwortlichen sein.

Foto: Jens Weber

Dieser Artikel stammt aus der Juni-Ausgabe 2018 des Baumeisters. Zum Heft geht es hier.