Pritzker-Preis für Alejandro Aravena

Der Chilene Alejandro Aravena ist Pritzker Preisträger 2016. In diesem Jahr kuratiert er außerdem die Architektur-Biennale in Venedig. Baumeister widmet Aravenas Heimatland Chile im Februar (Baumeister 2/2016) eine gesamte Ausgabe. Hier finden Sie einen Auszug aus dem Interview, das wir mit Aravena geführt haben – über seine Pläne für die Biennale und den Stand der Architektur in Chile.

Baumeister: Herr Aravena, Chile gilt als ein Modellland der Architektur. Zu Recht?
Alejandro Aravena: Schwer zu sagen, wenn man selbst im Land lebt. Das nimmt wohl eher die Außenwelt so wahr. Ich kann aber bestätigen, dass es hier inzwischen eine gewisse kritische Masse an Bauqualität gibt. Die Menge von Auftraggebern und Architekten, die hohe architektonische Qualität wollen und produzieren, wächst. Man steht nicht mehr allein da in dem Bestreben, über das „business as usual“ hinauszugehen. Es gibt ein Gemeinschaftsgefühl – aber auch einen gewissen Druck, einen Wettbewerb: Wenn ein Kollege ein herausragendes, bemerkenswertes Projekt entwickelt, gibt es eben keine Ausflüchte mehr, nicht genauso exzellent zu sein.

B: Klingt nach wachsender Baukultur.
A A: Am Anfang stand eine private Elite, die bereit war, beim Bau ihrer Wochenendhäuser architektonisch zu experimentieren und Risiken einzugehen. Mittlerweile ist der Wunsch nach architektonischer Klasse hierzulande ein generellerer. Ich würde sogar sagen: Eine gewisse Qualität des öffentlichen Raums oder der Infrastruktur ist inzwischen ein öffentliches Bedürfnis. Man versucht, Architektur und Stadtgestaltung einzusetzen, um Lebensqualität zu erreichen. Chiles vielleicht größte Herausforderung ist, an seinen inneren Werten zu arbeiten, sie zu korrigieren. Und diese sind eben nicht nur ökonomischer Natur. Es geht um Lebensqualität.

B: Dann ist aber auch der Lebensraum Stadt als ganzer gefordert.
A A: Die Stadt ist eine Abkürzung dorthin: Aus der Art und Weise, wie öffentliche Räume, Siedlungen oder öffentlicher Nahverkehr gestaltet sind, erwächst unbewusst ein Gefühl von guter Lebensqualität. Einkommen und Verteilung stehen nicht mehr allein wie noch bis vor kurzem im Mittelpunkt der Diskussion darüber.

B: Also reicht die Architektur auch in das Feld der Politik hinein.
A A: Ganz allgemein ist interessant, dass Chile zwar politisch und religiös gesehen ein sehr konservatives Land ist. Architektonisch allerdings ist es – ich weiß gar nicht, wieso – sehr aufgeschlossen. Unter den Referenzen, die wir hierzulande diskutieren, fehlen die üblichen Verdächtigen, man schaut auf unkonventionelle Projekte. Das empfinde ich als sehr gesund, um sich auf den Kontext unseres Landes zu konzentrieren. Den in gewisser Weise albernen Wunsch, nur zu kopieren, was anderswo gebaut wird, gibt es hier nicht. Wir suchen nach Originalität. Schließlich ist Chile gerade wohlhabend genug, um nicht mehr im Überlebensmodus zu fahren, aber auch noch nicht so reich, dass wir uns alles leisten könnten, was wiederum in architektonischer Bedeutungslosigkeit enden könnte. Die Knappheit unserer Mittel wirkt hier wie ein Filter gegen die Beliebigkeit.

B: Kommen wir zu Ihrem Biennale-Konzept. Ihr Motto lautet „Reporting from the Front“. Sehen Sie sich als eine Art Krieger?
A A: Dieses Etikett birgt die Gefahr, den Architekten als Karikatur erscheinen zu lassen. Sicher ist aber: Qualität zu bauen und über das Gewöhnliche hinauszugehen, ist nicht einfach. Es braucht Energie und Zeit, man muss viele Menschen überzeugen. Du musst raus aus der Komfortzone. In diesem Sinne ist Architektur auch Kampf. Mit Blick auf die Biennale möchte ich, dass dort Erfahrungen darüber geteilt werden, was es braucht, über das „business as usual“ hinauszugehen. Es soll über die Schlüssel zu architektonischer Qualität und die Schlussfolgerungen daraus gesprochen werden. Jeder, der dort ist, soll davon lernen können. Denn viele Institutionen, Architekten und Bauherren sind an architektonischer Qualität interessiert.

B: Was verstehen Sie in diesem Zusammenhang genau unter Qualität, auch im Hinblick auf Ihre eigene Arbeit?
A A: Bezogen auf den sozialen Wohnungsbau, von dem wir kommen, bedeutet Qualität eine Art von Entwurf, der mit der Zeit an Wert gewinnt. Wir schaffen ein Werkzeug, um Armut zu überwinden. In Bezug auf konventionellere Gebäude spreche ich von Qualität, wenn sie einerseits die Gesellschaft, die sie hervorbrachte, und damit den Moment reflektieren. Wenn sie andererseits aber über die Zeit hinaus bestehen und auch 100 Jahre nach ihrem Bau noch Sinn ergeben. Die großen Beispiele der Architekturgeschichte verfügen über diese Zeitlosigkeit. Qualität bedeutet außerdem eine Art von – wie ich es nenne – Natürlichkeit. Über das Gebäude legt sich eine gewisse Ruhe,es repräsentiert zwar etwas Neues, fügt sich aber mühelos in seinen Kontext ein.

Das vollständige Interview lesen Sieimbe Baumeister 2/2016

Foto: Sergio Lopez