11.06.2023

Wohnen

Plinth House: Viktorianisches Haus auf dem Backsteinsockel

Einfamilienhaus Nachhaltigkeit
Zwei Anbauten für Dach und Garten erweitern das Plinth House in London von MarshKeene, wobei die neu verbaute Sockelmauer aus Backstein im ehemaligen Kellergeschoss das Fundament bildet. Foto: © Lorenzo Zandri
Zwei Anbauten für Dach und Garten erweitern das Plinth House in London von MarshKeene, wobei die neu verbaute Sockelmauer aus Backstein im ehemaligen Kellergeschoss das Fundament bildet. Foto: © Lorenzo Zandri

MarshKeene gelingt 2021 die Umgestaltung eines Reihenendhauses im Südosten Londons zum einfachen und modernen Wohnhaus für eine junge Familie. Neben einer kompletten Sanierung entwickelten die Architekten Anbauten für Dach und Garten. Das Plinth House ist nach seiner Sockelmauer aus Backstein benannt, die das Haus rahmt, optisch prägt und die anspruchsvolle Topografie des Grundstücks ausgleicht.


Vom Keller zum Erdgeschoss

Der Standort im Londoner Wohnviertel Nunhead weist ein dramatisches Gefälle zur Straße hin auf, wodurch das viktorianische Bestandsgebäude sich durch eine unzusammenhängende, mehrstöckige Gebäudestruktur auszeichnet, die MarshKeene durch einen neuen Anbau teilweise auflöste. Eine 2,5 Meter hohe Tür verbindet diesen mit dem ursprünglichen Wohnbereich. Sie ist so konzipiert, dass sie in eine Aussparung in der Wand gleitet, sodass der Raum je nach Bedarf geöffnet oder geteilt werden kann. Für den Anbau wurde das Kellergeschoss zur Rückseite des Gebäudes freigelegt. So bietet dieser einen ebenerdigen Zugang zum Garten, verschwindet jedoch an anderer Stelle halb im Gelände, sodass er zum organischen Teil des Grundstücks wird.

Foto: © Lorenzo Zandri
Foto: © Lorenzo Zandri
Während dem Anbau des ehemaligen Kellergeschoss mit Backsteinen eine erweiterte Ebene mit Übergang zum Garten gegeben wurde, sorgen die Glastüren für einen reibungslosen Zugang.

Anbau als Verbindung von Wohnraum und Garten

Das ursprüngliche Kellergeschoss hatte keine Verbindung zum Garten und erlaubte nur wenig natürliches Licht im Innenraum. Durch den Anbau bekommt dieses Geschoss eine neue Funktion und wird zum Zentrum des Plinth House. MarshKeene verteilten die wichtigsten Wohnbereiche im ehemaligen Keller, schaffen eine direkte Verbindung von Küche und Essbereich nach draußen und ermöglichen die Beziehung von Haus und Garten. Da das Plinth House auf einem dreieckigen Grundstück steht zielt der Entwurf des Anbaus darauf ab, das Haus in mehrere Richtungen in den Garten zu integrieren. Faltglastüren mit grünen Rahmen, Glastüren und ein Panoramafenster runden die Fusion des Innenraums mit einer abgesenkten Terrasse und der dahinter liegenden Grünfläche ab.

Grafik: © MarshKeene
Grafiken: © MarshKeene
Vor der Erweiterung war der Garten vom Keller strikt abgetrennt.
Grafik: © MarshKeene
Mit der Erweiterung wurde das vernachlässigte Kellergeschoss zum neuen Fundament sowie zentraler Ort des Hauses ausgebaut.
Foto: © Lorenzo Zandri
Foto: © Lorenzo Zandri
MarshKeene entschied sich bei dem Erweiterungsbau für großflächige Fenster und Türen mit grünem Rahmen. Sie ermöglichen einen ästhetischen Übergang zum Garten, der hiermit in das Gebäude integriert wird.

Das ausgleichende Fundament: Sockel aus Backstein

Um die abfallende Topografie des Grundstücks abzufangen und Kontinuität zwischen Innen und Außenraum zu schaffen, setzten MarshKeene einen Backsteinsockel um Erdgeschoss und Garten. Dieser Sockel wird nicht nur zum architektonischen Merkmal und Namensgeber des Plinth House, durch eingebaute Sitzgelegenheiten und Treppen ist er ein Teil des Gebäudes. Die hellen, polierten Steine mit ähnlich gefärbtem Mörtel verleihen dem Sockel ein geerdetes, robustes Aussehen. Auf dem Massiv sitzt eine leichte Struktur aus sibirischem Lärchenholz und Glas mit der Anmutung eines Pavillons.

Foto: © Lorenzo Zandri
Stilistisch prägnant bietet der Backsteinsockel dem Bau nicht nur einen neuen Anstrich, sondern auch einen Ausgleich der unebenen Grünfläche.
Foto: © Lorenzo Zandri
Fotos: © Lorenzo Zandri
Dem groben Aussehen der gefärbten Steine steht das Lärchenholz entgegen, das bei der Inneneinrichtung viel Raum einnimmt.

Unten Anbau, oben Anbau

Der Dachgeschossanbau wurde von MarshKeene mit Stehfalzen mit Zink verkleidet ausgeführt, um den vertikalen Rhythmus der Erdgeschosserweiterung widerzuspiegeln. Er enthält ein Badezimmer, ein Schlafzimmer und ein Arbeitszimmer, letzteres mit einem großen Fenster mit Blick auf die Umgebung. Bei der Gestaltung des Dachgeschossausbaus und der Gebäuderückseite nutzten die Architekten die außergewöhnliche Gebäudestruktur – den Doppelaspektcharakter aus Bestand und Neubau – um unerwartete Ausblicke auf beide Häuser und den Garten einzurahmen.

Grafik: © MarshKeene
Grafik: © MarshKeene
Grafiken: © MarshKeene
Foto: © Lorenzo Zandri
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Nicht nur im Inneren, sondern auch außen spielt Holz eine dominante, gestalterische Rolle. Während die Fassade des unteren Anbaues mit Holzdielen verkleidet ist, besteht die des oberen Anbaus aus einer dunklen Zinkverkleidung. Beide haben aber die Struktur gemein: Sie verläuft vertikal, im Gegensatz zum mittleren Bestandsbau.

Minimalistische und helle Gestaltung mit organischen Materialien

Aufgrund der strengen Budgetvorgabe der Bauherren fiel die Entscheidung auf eine reduzierte Farb- und Materialpalette für den Innenausbau. Die Kombination aus natürlichen Materialien und präzisen architektonischen Details verleiht dem Design einen einfachen und aufgeräumten Charakter. Der Küchen- und Essbereich verfügt über einen gegossenen Betonboden, maßgeschneiderte Tischlerei und weiße Wände, die einen Kontrast zu den dunklen Kücheneinheiten bilden. Indem wichtige Elemente wie die Sparren und die Nut-Feder-Decke erhalten und über dem Essbereich freigelegt wurden, heben MarshKeene die Struktur von Plinth House hervor.

Foto: © Lorenzo Zandri
Der Essbereich ist schlicht gestaltet und in hellen, weichen Tönen gehalten.
Foto: © Lorenzo Zandri
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Dagegen wird die materielle Robustheit der Backsteine und des Betonbodens mit der anthraziten Küchenzeile sowie -insel wieder aufgegriffen.

Mehr als die Summe seiner Teile

Jonty Marsh und Harry Keene, die Gründer von MarshKeene stellen nach Fertigstellung heraus, dass eine der größten Herausforderungen des Plinth House der Umgang mit dem Budget war. Ein Projekt dieser Größenordnung innerhalb des gegebenen Preisrahmens forderte einen realistischen Umgang mit Kosten, der mit dem architektonischen Ehrgeiz keine Kompromisse einzugehen kollidierte. Das Vertrauen und die Aufgeschlossenheit der Bauherren ließen MarshKeene dennoch viele Freiheiten. Die Ästhetik des Plinth House zeigt den Sinn für Licht, Einfachheit und Zweckmäßigkeit von Texturen und Materialien, die die Bauherren schon an früheren Projekten der Architekten bewunderten. Verschiedene Gestaltungsstudien und durchdachte Designentscheidungen trugen nicht nur dazu bei alle Wünsche der Bauherren zu berücksichtigen sondern schufen ein Gebäude, das mehr ist als die Summe seiner Teile.

Foto: © Lorenzo Zandri
An die Backsteine erinnert farblich das Holz im ersten und zweiten Stock.
Foto: © Lorenzo Zandri
Die Architekten greifen auf die grüne Farbpalette des Gartenanbaues im Badezimmer zurück.
Foto: © Lorenzo Zandri
Fotos: © Lorenzo Zandri
Das Licht setzt die hochwertigen Möbel in den großzügigen Räumen so in Szene, dass sie das bedachte Zusammenspiel von Material, Textur und Farbe widerspiegeln.

Eine Reihe anderer Anbauten haben wir schon in der B12 vom letzten Jahr vorgestellt, denn: Umbauen ist das neue Neubauen! Deswegen haben wir dem Thema nicht nur ein Heft, sondern gleich drei gewidmet. Hier geht es zur „Umbauen“-Serie.

MarshKeene hat mit dem Plinth House einen unkonventionellen Weg gefunden, den Garten kreativ in den Wohnraum zu integrieren. Anders haben es die Architekten von Terra e Tuma mit ihrem „Casa Ubaíra“ angegangen: Sie pflanzen den Garten einfach in das Wohnhaus ein. Wortwörtlich.

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