21.09.2022

Wohnen
Richard Neutra
Einfamilienhaus Frankfurt

Neutra-Siedlung Walldorf

von Julia Treichel
Das Bild zeigt einen eingeschossigen Bungalow mit Glasfassade. Er steht hinter Hecken und von Bäumen umgeben.
Foto: Tmhpr, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Mit der Neutra-Siedlung in Walldorf erschuf Richard Neutra eine grüne Oase. Ganz nach seiner Entwurfsphilosophie bezieht er die Natur erkennbar ein. Dabei ist die Siedlung eine der wenigen Arbeiten im Lebenswerk des Architekten, in der er ein städtebauliches Gesamtkonzept entwickelte. Die denkmalgeschützte Siedlung gilt als einzigartig in der Nachkriegsmoderne.

Die Neutra-Siedlung Walldorf als architektonischer Anziehungspunkt

Wer vom alten Ortskern Walldorfs aus den Bahndamm in Richtung Osten überquert, den umfängt plötzlich Ruhe. Viel Grün prägt das Wohnviertel. Kleine Gassen ziehen sich durchs Gelände. Sie tragen wohlklingende Namen wie Finkenweg, Meisenweg oder Drosselweg. Die Anlehnung an Vogelarten ist nicht das einzige Relikt, das die Natur hinterlassen hat. Einst stand hier im Süden Frankfurts ein Waldgebiet. Daran erinnern noch heute die mächtigen Bäume mit ihren schattigen, hohen Kronen und den ausladenden Stämmen. Die sogenannte Bewobau-Siedlung liegt idyllisch im Landschaftsraum. Vor etwas über 50 Jahren erschuf der Architekt Richard Neutra diesen besonderen Ort.

Heute dient der Ort nicht nur den zumeist betuchteren Anwohnern und Anwohnerinnen als atmosphärisches Zuhause. Für Studierende der Architektur und Designinteressierte gleichermaßen gilt er als Anziehungspunkt. Vor einigen Jahren stellte die Richard J. Neutra-Gesellschaft für Besucher und Besucherinnen zwei Informationsstelen vor Ort auf. Sie verkünden nun in englischer und deutscher Sprache den Leitsatz, dem Neutra in seinen Entwürfen folgte.

Das Bild zeigt einen eingeschossigen Bungalow mit Glasfassade. Er steht hinter Hecken und von Bäumen umgeben.
Foto: Tmhpr, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Verbindung mit der Natur als Entwurfsphilosophie

„Man stelle den Menschen in eine Verbindung zur Natur. Dort hat er sich entwickelt, und dort fühlt er sich besonders zu Hause.“, hatte der Architekt Richard Neutra einst verkündet. Er zählt zu den bekanntesten Gestaltern der Nachkriegsmoderne. Vor allem zu Beginn seiner Schaffensphase realisierte er viele Projekte in den Vereinigten Staaten. Unter anderem seine kalifornischen Villen machten ihn bereits zu Lebzeiten weltberühmt. Die Siedlung in Walldorf ist eine der wenigen Arbeiten im Lebenswerk des Architekten, in der Neutra ein städtebauliches Gesamtkonzept entwickelte. Die Bewobau-Siedlung – oftmals auch Neutra-Siedlung Walldorf genannt – steht heute unter Denkmalschutz. Die Bewohner schätzen und pflegen das architektonische Erbe mit viel Hingabe. Denn die Gestaltung spiegelt Neutras einzigartigen Stil in jedem Detail wider.

Merkmale von Neutras Architektur

Die kleinen Bungalows sind mit hellen Holzdecken und Parkettböden ausgestattet. Zudem fällt durch großzügige Glasschiebefenster viel Licht in die Innenräume. Das Ineinanderfließen vom Innen- und Außenraum, das Neutras Architektur auszeichnet, ist hier par excellence zu beobachten. Auch an anderer Stelle ist der für Neutra typische Einbezug der Natur erkennbar. Beispielsweise erstreckt sich vor der Glasfassade ein rechteckiger Teich. Die imposanten Bestandseichen spiegeln sich in der Wasseroberfläche. Ebenso wird der Himmel von dem Wasserbecken reflektiert. Außerdem ergeben sich durch die transparenten Glaswände Blickachsen in den Garten. Während die Einrichtung im Originalzustand minimalistisch in den Hintergrund tritt, übernimmt die Interaktion mit der Natur die Hauptrolle. Hohe Hecken umstehen die Terrasse und schirmen den Blick zum Nachbargrundstück ab. So entsteht für die Bewohner und Bewohnerinnen des Bungalows der Eindruck, ihr Haus läge beinahe isoliert im Wald.

Erster Bauabschnitt der Neutra-Siedlung Walldorf

Insgesamt acht eingeschossige Bungalows und ein zweigeschossiger Bau bilden das Herzstück der Siedlung. Ursprünglich war die Planung eine andere gewesen. Denn Anfang der 60er Jahre erteilte die Bewobau den Auftrag für 104 Häuser. Zwischen der Bundesstraße B44 und der Bahntrasse, einen Katzensprung von Frankfurt entfernt, sollte Richard Neutra das Baugebiet im Wald realisieren. Doch das Interesse an den Immobilien war gering. Durch die besonderen Materialien und Technik in den Häusern, hatten diese einen vergleichsweise hohen Kaufpreis. Deshalb fanden sich nur wenige Abnehmer. Im ersten Bauabschnitt entstanden deshalb zunächst nur die 42 genannten Bungalow-Bauten. Allerdings stehen gerade dieses Ensemble sowie einige Einzelhäuser heute unter Denkmalschutz.

Weiterentwicklung über die Jahrzehnte

In den 70er Jahren realisierte die Bewobau schließlich einen zweiten Bauabschnitt. Dort reihen sich in schmalen Stichstraßen L-förmige Bungalows aneinander. Die Erweiterung basiert auf Neutras Konzeption. Als Beispiel finden sich auch hier die typischen, großen Glasfronten. Weiterhin geschieht der Übergang von Fußböden und Terrassen stufenlos. Die Baufirma führte die Erweiterung jedoch in preisgünstigeren Varianten aus. Bis in die 90er Jahre hinein, kam es dann zu weiteren Veränderungen. Denn es wuchs der Bedarf zur Unterbringung mehrerer Generationen. Durch die neuen Anforderungen kam es zu nicht unerheblichen Umbauarbeiten. Daraufhin drohte der Charakter der Siedlung verloren zu gehen. Schließlich formierte sich jedoch eine Initiative, die sich für den Erhalt des ursprünglichen Erscheinungsbildes einsetzte. Durch ihren Einsatz gelang es, die feine Entwurfskunst Richard Neutras zu bewahren.

Anwohner wahren Neutras Erbe

Heute sind Neutras moderne Bauten, bei Designliebhabenden heiß begehrt. Auch die Grundstücksgröße dürfte ein Grund für die Wertsteigerung sein. Denn die Grundstücke sind nach heutigen Maßstäben riesig. Sie umfassen im Durchschnitt zwischen 800 und 1.000 Quadratmeter. Vor allem aber Neutras architektonische Haltung ist es, welche die Siedlung zu etwas Besonderem macht. Seine offene Designsprache scheint sich auch auf den Geist der Anwohner zu übertragen. Einmal im Jahr im September findet der Tag des offenen Denkmals statt. Zu diesem Anlass öffnen einige Bewohner und Bewohnerinnen ihre Pforten für Interessierte.

Darüber hinaus bietet die 2006 gegründete Neutra-Stiftung auch Führungen an. Zahlreiche Besucher nutzen das Angebot. Der Vorsitzende der Gesellschaft begründet das Interesse mit der Einzigartigkeit der Siedlung in der europäischen Nachkriegsmoderne. Als städtebaulich und architektonisch durchgängig konzipierten Wohnanlage sei sie ein ganz besonderes Zeugnis ihrer Epoche. Und die diversen Akteure vor Ort bemühen sich, dieses zu bewahren.

Bebauungsplan sichert den ursprünglichen Charakter

Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Siedlung als grüne Oase zu erhalten. Außerdem investieren sie in Wiederherstellungsarbeiten und Projekte zur Weiterentwicklung. All dies geschieht stets im Sinne der ursprünglichen Konzeption Neutras. Das garantiert auch der seit 1997 geltende „Bebauungsplan mit integriertem Landschaftsplan „Treburger Oberwald““. Er besagt beispielsweise, dass freiwachsende Hecken zu entwickeln und Altbaumbestände zu erhalten sind. Weiterhin ist festgelegt, dass die nicht überbauten Grundstücksflächen mindestens zu 70 Prozent gärtnerisch anzulegen oder zu begrünen sind. Darüber hinaus wird untersagt, Mauern oder massive Zäune zu errichten. Durch die Regularien wollen die Anwohner die Attraktivität des naturnahen Wohnens auch in der Zukunft garantieren.

Ökologische Aspekte der Neutra-Siedlung

Das Konzept der grünen Neutra Siedlung Walldorf ist nicht nur ästhetisch begründet. Die Hecken und Bäume bieten für Singvögel ein Habitat. Gleichzeitig dienen sie der akustischen Abschirmung vor dem Fluglärm des nahegelegenen Frankfurter Flughafens. Außerdem übernehmen die zahlreichen Freiflächen eine kühlende Funktion im Stadtklima. Schließlich entstehen durch die durchgehende Vernetzung der einzelnen Flächen Korridore für eine Vielzahl an Tierarten. Es gilt sowohl die ästhetischen als auch die ökologischen Qualitäten zu bewahren.

Der Neutra Park als Herz der Siedlung

Veränderungen, die dem Geiste Neutras zuträglich sind, können hingegen realisiert werden. 2013 etwa veranstalteten die Anwohner das erste Neutrafest. Es fand im Wäldchen im Zentrum der Siedlung statt. Aufgrund des großen Zuspruchs aller Beteiligten, wurde die Veranstaltung von diesem Zeitpunkt an jährlich ausgetragen. Die Bespielung des Wäldchens führte nach und nach zu einer sanften Umgestaltung. Heute ist der Baumhain ein öffentlicher Park. 2017 erhielt die Freifläche auch offiziell den Namen Neutra-Park. Bänke und ein Brunnen ergänzen die Anlage. Den Parkweg, der sich durch das Grün windet, haben die Anwohner und Anwohnerinnen gemeinsam mit der Stadt Mörfelden-Walldorf selbst gebaut.

Bedeutung für die Zukunft

In der Neutra Siedlung Walldorf ist das Zusammenspiel von Individuum, Architektur und Natur überall spürbar. Was Richard Neutra angelegt hat, wird heute von Mensch und Umwelt gleichermaßen angenommen und mitgestaltet. Dem Architekten ist es mit der Bewobau-Siedlung gelungen, in Walldorf-Mörfelden einen Wohn- und Lebensraum zu gestalten, der auch rund 50 Jahre später noch als einzigartig gelten kann. Zukünftig werden sich nachfolgende Generationen mit neuen Bedürfnissen den Ort aneignen. Durch den Bebauungsplan und den Status als Denkmal ist jedoch gesichert, dass der Geiste Neutras erhalten bleibt. So können sich auch in einigen Dekaden Anwohner*innen, Besucher*innen und Flora und Fauna am harmonischen Miteinander erfreuen.

Auch die Weißenhofsiedlung in Stuttgart ist einzigartig. Als Blaupause für moderne Architektur schufen 17 Architekten 1927 zur damaligen Bauausstellung neue Ideen des modernen Wohnens. Was Sie zu den 33 Stadthäusern, den Architekten unter der Leitung von Ludwig Mies van der Rohe sowie dem 100-jährigen Jubiläum der Werkbundsiedlung wissen müssen, lesen Sie hier: Weißenhofsiedlung Stuttgart

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