12.07.2022

Wohnen

Weißenhofsiedlung Stuttgart

von Julia Treichel
Blick auf das Doppelhaus von LeCorbusier mit dem typischen Flachdach, den Säulen und dem langen Fensterband. Foto: Jaimrsilva, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Foto: Jaimrsilva, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Als Blaupause für moderne Architektur schufen 17 Architekten 1927 die Weißenhofsiedlung in Stuttgart. Zur damaligen Bauausstellung führte der Deutsche Werkbund somit neue Ideen des modernen Wohnens ein. Alles was Sie zu den 33 Stadthäusern, ihrer Geschichte, den Architekten unter der Leitung von Ludwig Mies van der Rohe, dem 100-jährigen Jubiläum dieser Werkbundsiedlung als auch der künftigen IBA’27 wissen müssen, lesen Sie hier.

Die Weißenhofsiedlung setzte architektonische Maßstäbe

2027 wird die Weißenhofsiedlung 100 Jahre alt. Wer von Stadtplanung und Architektur in Stuttgart spricht, kann von ihr nicht schweigen. Und noch weit über die Grenzen Baden-Württembergs und Deutschland hinaus ist sie vom Moment ihres  Bestehens an ein Begriff. Erst Anfang 2022 wurde ein städtebaulicher Ideenwettbewerb zur Weißenhofsiedlung Stuttgart entschieden, der nach zukunftsweisenden Visionen für das denkmalgeschützte Areal suchte. Als wesentliches Kriterium galt eine Entwicklung orientiert am innovativen Geiste der historischen Siedlung. Die Konzeptionen von 1927 sind bis heute in aller Munde. Im Rahmen der Bauausstellung „Die Wohnung“ gelang es dem Deutschen Werkbund eine Idee des modernen Wohnens einzuführen, die bekannte Normen auf den Kopf stellte. Es entstanden 33 Stadthäuser. Und mit ihnen 33 Entwürfe für modernes, gesundes, erschwingliches sowie funktionales Wohnen. Innerhalb von nur vier Monaten besuchten 500.000 Menschen die Ausstellung. Die weltweite Resonanz war riesig. Um es in pathetischen Worten zu sagen: Ein Mythos war geboren.

Blick auf das Doppelhaus von LeCorbusier mit dem typischen Flachdach, den Säulen und dem langen Fensterband. Foto: Jaimrsilva, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Weißenhofsiedlung © Foto: Jaimrsilva, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Wirken des Deutschen Werkbundes

Was als Blaupause für moderne Architektur gilt, ist dem Deutschen Werkbund zu verdanken. 1907 gründete er sich als „Vereinigung von Künstlern, Architekten, Unternehmern und Sachverständigen“. Die Mitglieder wollten grundlegend neue Gestaltungsansätze finden, indem sie Ästhetik und industrielle Produktionsweisen zusammenbrachten. Ihre Arbeit beschränkte sich dabei keinesfalls auf Architektur. Unter dem Motto „vom Sofakissen zum Städtebau“ entwickelten sie folglich Konzepte und Entwürfe für alle Gegenstände des alltäglichen Lebens. 1927 gingen sie in der Ausstellung „Die Wohnung“ der Frage nach, wie die moderne Form des Wohnens aussehen könnte. Unter Leitung von Ludwig Mies van der Rohe beteiligten sich 17 Vertreter aus fünf Ländern an der Ausstellung. Darunter namhafte Architekten wie Walter Gropius, Hans Scharoun, Bruno und Max Taut und Pierre Jeanneret mit Charles Edouard Jeanneret-Gris – besser bekannt als Le Corbusier. Seine „Fünf Punkte zu einer neuen Architektur“ sind in der Weißenhofsiedlung Stuttgart exemplarisch zu betrachten. Und sorgten für besonderes Aufsehen. 

Le Corbusiers Visionen in der Weißenhofsiedlung

In einem Doppelhaus und im Haus Citrohan realisierte Le Corbusier zentrale Merkmale seines Architekturverständnisses. Dazu zählt die freie Grundrissgestaltung. Durch wenige Handgriffe lässt sich das Wohnzimmer in mehrere Schlafkabinen unterteilen. Wesentlich dafür ist auch die Konstruktion aus Stahlbetonpfosten und Membranen. Durch das Pfostensystem sowie die Verwendung von Eisenbeton konnte er statt konventioneller Hochfenster lange Fensterbänder über die gesamte Breite des Raumes ziehen. Weiterhin etablierte er die Form des Flachdaches, welches als Dachgarten genutzt wird. Seine Häuser gehören heute zum UNESCO-Weltkulturerbe. Neben dem Flachdach und den Fensterbändern schuf die Weißenhofsiedlung weitere Gestaltungsparadigmen. Die Architektur besticht durch kubische Formen und schnörkellosen Minimalismus. Die Innenräume wurden durch flexible Einbauten für verschiedene Lebenssituationen adaptierbar. Schiebewände oder Schiebebetten passen sich unterschiedlichen Bedürfnissen an. Die Mehrfunktionalität des Wohnraums drang bis in den Außenraum vor. Dort entstanden großzügige Terrassen zur freien Nutzung. Alle Neuerungen folgten dabei sozialökonomischen Prämissen.

Grundgedanken der Weißenhofsiedlung

Die Baukonstruktionen sind variabel kombinierbar, aber normiert. So wurde eine kostengünstige Realisierung angestrebt. Auch der Einsatz neuer Baumethoden und Materialien wie Leichtbeton, Korkplatten und Trockenbau trug zur Finanzierbarkeit der Wohnbauten bei. Die Ausstellung verfolgte den Grundgedanken, die Wohn- und Lebensverhältnisse einer breiten Bevölkerung zu verbessern. Mit diesem Anspruch entwickelten die beteiligten Architekten Konzepte für funktionale Häuser und Wohnungen. Mit viel Licht, Luft und Wärme, jedoch gleichzeitig finanzierbar.

Weitere beteiligte Architekten waren:

  • Peter Behrens,
  • Victor Bourgeois,
  • Richard Döcker,
  • Josef Frank,
  • Ludwig Hilberseimer,
  • Ferdinand Kramer,
  • Jacobus Johannes Pieter Oud,
  • Hans Poelzig,
  • Adolf Rading,
  • Adolf Gustav Schneck und
  • Mart Stam.

Der Stuttgarter Grafiker Willi Baumeister war als Typograf für die Ausstellungsinhalte verantwortlich. Er entwarf unter anderem die Hallenbeschriftungen und das Hauptplakat. Außerdem gestaltete er die Werkbund-Denkschrift und den Amtlichen Katalog. 

Geschichtliche Entwicklung der Weißenhofsiedlung

Nach der erfolgreichen Ausstellung folgte ab 1933 durch die Nationalsozialisten eine Anfeindung und Abwertung der Siedlung. Aufgrund der weißen Dachterrassen als zu fremd diffamiert, sollte die Siedlung abgerissen werden. Durch den Ausbruch des Krieges kam es dazu nicht mehr. Jedoch wurden bei Luftangriffen auf Stuttgart Teile des Areals zerstört. Nach dem Krieg kam es noch zu vereinzelten Abrissen. Andere Gebäude überfärbte man durch Satteldachaufbauten. Im Jahre 1958 gelang es schließlich, die Weißenhofsiedlung unter Denkmalschutz zu stellen. In den 80er Jahren wurden die verbliebenen Häuser dann saniert. Die Staatliche Akademie der Bildenden Künste brachte zum gleichen Zeitpunkt einen spannenden Vorschlag ein. Sie wollten das Bauensemble als Verwaltungs- und Atelierräume nutzen und eine Begegnungsstätte schaffen. Dies wurde vom Land abgelehnt. Stattdessen vermietete man die Häuser privat. Vor allem die Privatisierung der Le Corbusier-Bauten rief von Seiten der Kunstakademie Kritik hervor. 

IBA’27 – Zukunftsvisionen und Innovationsgeist von damals

Im Jahre 2006 wurde das Doppelhaus von Le Corbusier und Pierre Jeanneret schließlich in ein Museum umgewandelt und der Öffentlichkeit zugänglich. Eine Haushälfte zeigt den rekonstruierten Zustand von 1927. Die Raumaufteilung, Farbgebung und Einrichtung ist mit dem Ursprungsideal von 1927 identisch. Im anderen Teil des Hauses befindet sich eine Ausstellung zur Geschichte der gesamten Siedlung. Alle anderen Häuser sind weiterhin bewohnt. 2019 erwarb die Stadt Stuttgart das gesamte Bauensemble vom Bund. Ein Neubau zur IBA’27 wird an der Akademie der Bildenden Künste dem Gefüge einen neuen Baustein hinzufügen. Nun stellt sich die Bauausstellung erneut die Frage: Wie wollen wir in Zukunft wohnen? Zum hundertjährigen Jubiläum wirft die IBA einen Blick in die Vergangenheit und in die Zukunft. Es sind bekannte und ganz neue Herausforderungen, denen die Stadtplanung sich heute stellen muss. Die Weißenhofsiedlung als Ort der Innovation und Inspiration dürfte die Diskussionen auf allen Ebenen beflügeln.

Den Wettbewerb zum Neubau haben die Arbeitsgemeinschaft Schmutz & Partner Freie Architekten Innenarchitekten PartG mbB mit Scala Freie Architekten Stadtplaner und Pfrommer + Roeder GbR für sich entschieden. Wie das neue Empfangs- sowie Besucherzentrum aussehen soll, erfahren Sie bei unseren Kolleginnen der Garten+Landschaft: Weißenhofsiedlung Stuttgart IBA’27.

Mehr zu LeCorbusier finden Sie hier.

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