Mexikanische Betonbox

 

Wenn man durch den Stadtteil Coyoacán in Mexiko-Stadt spaziert, wundert man sich, dass ständig eine Buchhandlung auf die andere folgt. Hinzu kommen auch Bibliotheken und Kulturzentren – eine solche Konzentration, die den Stadtteil zum erfolgreichsten für Buchläden und Galerien landesweit macht. Coyoacán ist seit Anfang des 20. Jahrhunderts das Künstlerviertel der Metropole, seine Einwohner verfügen über ein hohes Bildungsniveau, eine Ausnahme in einem Land, in dem eine gute Bildung noch für viele Luxus ist. Die zentrale Rolle dieses Ortes im Bereich Kultur und Literatur unterstreicht seit einigen Jahren das neue Kulturzentrum Elena Garro, ein Ausbau einer historischen Villa, den die Architektin Fernanda Canales zusammen mit dem Büro a911 ausführte.

Die Architekten standen vor der Herausforderung, eine alte bürgerliche Villa vom Anfang des 20.Jahrhunderts in eine geräumige Buchhandlung mit Cafeteria, Hörsaal, Klassenzimmer, Dienstleistungen, Büros und Parkplätzen auszubauen. Da das Raumprogramm erheblich mehr Quadratmeter brauchte als die verfügbaren im Baubestand, entschieden sich die Architekten für zwei neue Betonvolumen, die an das ursprüngliche Haus angrenzen. Ein erster Betonrahmen mit großzügiger Glasfassade, die an den Klassiker des lateinamerikanischen Brutalismus erinnert, sorgt für die Einbindung in die Straße. Die Monumentalität der Beton-Glasfassade wird allerdings von einer Reihe wuchernder, tropischen Pflanzen gemildert – wie in den großen Bauten von Teodoro Gonzáles de León, ein einflussreicher mexikanischer Architekt beim Thema großer Betontragwerke und Landschaftsgestaltung. Der Baum, der ursprünglich vor dem Haus stand, wurde in den Innenraum eingebunden und betont durch seine Präsenz die dreifache Raumhöhe des Foyers. Dieser Vorraum führt weiter durch die bestehende Fassade der Villa zur eigentlichen Buchhandlung.

Der zweite Betonblock an der Rückseite der Villa verteilt alle weiteren Funktionen und Diensträume auf vier Ebenen und erzeugt mit der bestehenden Außenfassade der Villa einen kleinen Hof, der der Cafeteria als Terrasse dient. Die verwendeten Materialen reduzieren sich auf eine sehr begrenzte Zahl: Sichtbeton und Glas für das Äußere, Holz und Granit für die Innenräume. Alle Baumaßnahmen sind jederzeit reversibel, wenn man in der Zukunft der denkmalgeschützten Villa ihre ursprüngliche Konfiguration zurückgeben wollte.

 

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