ACA­DE­MY-ALUM­NI MA­XI­MI­LI­AN: NUN IN MEN­D­RI­SIO – Teil 2

 

„Morgens bis Abends gibt es nur ein Thema: Architektur.“

Die Kritiken mit Assistenten und Professoren erfolgen wöchentlich. Zur Zwischen- und Endpräsentation werden Gastkritiker eingeladen. Das bedeutet ein kontinuierlich hohes Stress-Level im Entwurf, das durch die semesterbegleitenden Projekte der humanistischen, oder technisch-wissenschaftlichen Kurse zusätzlich gesteigert wird. So holen die meisten Studenten am Wochenende die Arbeit nach, wofür ihnen unter der Woche die Zeit fehlt. Das Studium an der Accademia di Architettura ist intensiv und das in jeglicher Hinsicht. Morgens bis Abends gibt es nur ein Thema: Architektur. Und spricht man nicht über das eigene Projekt, so versucht man seinen Kollegen bei der Ideenfindung zu helfen. Sechzig der rund siebenhundert Studenten nennen die Casa dell´Accademia unweit der Akademie ihr Zuhause. Die Community lebt in zwei gegenüberliegenden, dreistöckigen Wohnblocks in völliger Transparenz nicht nur miteinander, sondern wortwörtlich aufeinander zu. Dadurch entsteht ein unverwechselbares Gemeinschaftsgefühl, das vor allem im Sommer das Zusammenleben bereichert.

„Mendrisio-Studenten sind sogar bei Laser-Firmen im italienischen Hinterland bekannt.“

Modellbau wird an der Akademie im wahrsten Sinne des Wortes groß geschrieben. Trotz überschaubaren technischen Ressourcen, gelingt es den Studenten jedes Semester aufs Neue, beeindruckende Modelle in jeglichen Maßstäben und Materialien aus ihren Ärmeln zu schütteln. Die Werkstatt der Akademie ist mit eigenem Gips beziehungsweise Beton-Raum, Lackierkammer, Holzwerkstatt, Styro- sowie Lasercuttern zwar solide ausgestattet, doch zu Stoßzeiten mehr als ausgelastet. Daher lässt der Zustand einiger Maschinen im Laufe des Semesters zu wünschen übrig. Termine für die beiden Lasercutter können online gebucht werden und sind für jeden Studenten auf zwei Stunden pro Woche limitiert (10.00 – 18.00 Uhr). Mendrisio-Studenten sind daher sogar bei Laser-Firmen im italienischen Hinterland bekannt. Dafür gibt es aber einen Betonmischer und angemessenes Equipment für Gussmodelle im „Sala Gesso“. Dieser öffnet seine Pforten mit dem gleichen Buchungsprinzip, ist aber während der Endabgabe dauerhaft zugänglich. Hier tummeln sich vor allem Studenten aus den Studios von Aires Mateus, Holtrop und Miller. Ist der Beton schließlich erhärtet, bringen die Studenten die kleinen Meisterwerke mithilfe von Hubwägen in ihre Studios. Dort angekommen, verwandeln sich die Arbeitsräume innerhalb einer Nacht von einem Berg aus Schutt und Pappe zu einer großartigen Architekturausstellung. Vier Wochen lang können dann Professoren, Assistenten, Studenten und ihren Familien, sowie zahlreichen Besucher die Modelle bestaunen.

 

„Die Akademie ist der Motor von Mendrisio: Er läuft wie eine italienische Vespa nach der Generalüberholung.“

 

Nach einem Jahr kann ich nun sagen: Die Akademie ist der Motor von Mendrisio. Doch läuft dieser nicht wie ein Schweizer Uhrwerk, sondern eher wie eine italienische Vespa nach der Generalüberholung: Gut geschmiert mit vereinzelten Fehlzündungen. Genauso besitzt die Uni ihre Tücken, ihr Eigenleben. Aber über die Jahre haben die Studenten einige Methoden entwickelt, um dem alltäglichen Hamsterrad aus Arbeit, Pizza und Pasta zu entkommen und den Mikrokosmos Mendrisio hinter sich zu lassen – zumindest gedanklich. Am besten gelingt dies bei einem Ausflug nach Mailand, einem Kurztrip in die Natur oder einer von unzähligen Parties im und um den Unicampus. Doch auf akademischem Level besitzt Mendrisio ein unglaublich großes Potential. Die Leistungsdichte unter den Studenten ist hoch, ebenso die Motivation. Der Konkurrenzgedanke ist zwar vorhanden, wird aber durch offenen Austausch und rege Diskussionen eher zweitrangig. So ist Architektur an der Accademia di Architettura Mendrisio nicht nur ein Studium, sondern gelebte Leidenschaft.

Zum ersten Teil des Mendrisio Erfahrungsberichts geht es hier entlang…