Eine Villa von Lederer Ragnarsdóttir Oei

Eklektizismus muss nicht verspielt sein: Bei einer Villa auf der Schwäbischen Alb zitieren LRO Lederer Ragnarsdóttir Oei die Architekturgeschichte, ohne ins Schwelgen zu geraten.

Die große Waage, die in der offenen Küche der neuerbauten Villa steht, zieht den Blick auf sich. Es ist ein Edelstahlmodell aus der Nachkriegszeit wie es in Fleischereien verwendet wurde und bei dem ein großer Zeiger das Gewicht anzeigt. Produziert wurde die Waage in unmittelbarer Nähe zu ihrem heutigen Standort auf der Schwäbischen Alb. Die Rechtschaffenheit und Solidität, die die Waage ausstrahlt, hat sie mit dem Neubau, einem Entwurf des Büros LRO Lederer Ragnarsdóttir Oei, gemeinsam.

 

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Trotz ihrer Großzügigkeit hat die Villa nichts Protziges. Sie ist repräsentativ, gewiss, und auch gediegen. Wer hier wohnt, muss den Cent nicht umdrehen. Und doch steckt auch etwas von einem großen Pfarrhaus in dem Entwurf. Nicht nur die Farbigkeit der Backsteinfassade, auch eine gewisse Geisteshaltung verbindet die Villa mit der Diözesankurie von LRO im benachbarten Rottenburg, einem Lieblingsgebäude der Bauherren.

 

Villa par excellence

Bei der Grunddisposition orientieren sich die Architekten an klassischen Villentypologien. Ein Sockelgeschoss nimmt Wirtschaftsräume auf. Eine breite Freitreppe führt auf der Talseite des am Hang gelegenen Hauses hinauf zum Piano nobile. Sie endet in einer kleinen Loggia, die zugleich das Vordach für den Eingang bildet. Dem Piano nobile ist zur Talseite auf voller Breite ein Freisitz vorgelagert, der sich zur Mitte mit sanftem Schwung verbreitert. Die Etage nimmt in der Hauptsache den großen Wohn- und Essbereich mit der offenen Küche auf. Im Stockwerk darüber befinden sich die Schlafräume.

Verbunden miteinander werden die beiden Geschosse, durch ein Treppenhaus, das die Architekten zu einem zentralen Gestaltungselement des Hauses gemacht haben. Sie positionieren es als fast freistehenden, halbrunden Baukörper an Hangseite der Villa. Er begrenzt die Hangfassade zu einer Seite, während gegenüberliegend ein Laubengang diese Aufgabe übernimmt, der zu einem Gartenpavillon führt. Zwischen Treppenturm und Laubengang entsteht so ein umgrenzter Hofbereich, der in großen Teilen durch einen Außenpool eingenommen wird.

 

Solide Handwerklichkeit

In der Formensprache zitieren LRO Lederer Ragnarsdóttir Oei am Außenbau die Heroen der Moderne: Le Corbusiers epochenmachende Maisons Jaoul mit ihrem Kontrast aus Ziegelmauerwerk und Sichtbetonelementen etwa. Oder Aaltos Schwünge an Freisitz und Treppenturm. Dann wieder verwenden sie massige toskanische Säulen, die das Betonspalier des Laubengangs tragen, Oculusfenster oder sie böschen das Sockelgeschoss. All diese Bauelementen weisen weit vor die Moderne zurück und unterstreichen, dass die Architekten ihr Werk in einer langen historischen Traditionslinie sehen.

 

Im Innern beschränken sich LRO auf wenige, sorgsam eingesetzte Materialen: Betondecken, an denen die Spuren der Holzschalung ablesbar sind, und Böden aus Eichendielen treten neben weiße Wände und Einbauten. Ausgesuchte Materialien und solide Handwerklichkeit finden sich überall. Extravaganz lassen jedoch höchstens der freihängende Gyrofokus-Kamin und der weißlederne Lounge-Chair in der kleinen Bibliothek erkennen. Und natürlich die Küchenwaage, die in dieser maßvollen Umgebung beinahe verspielt wirkt.

Kontrastprogramm & Detail-Overload: Kennen Sie die Villa in Grünwald von Holzrausch und Falk von Tettenborn Architekten schon?