„Berlin gibt es gar nicht!“ – Mail aus Berlin (3)

Kontinuität und Erneuerung, kritische Reflexion, Mut zum Kontrast, elegante Strenge – diese und noch weitere Zutaten stehen für die konsequente Arbeit von léonwohlhage. Seit mehr als 30 Jahren ein Rezept, dass nicht nur den Berlinern bekommt. Nicht ganz so lang, seit etwa zwei Monaten, bin ich, durch den Gewinn der Baumeister Academy Teil dieser Architektur-Küche und darf an der Gewürzmischung mitarbeiten. Es heißt viele Köche versalzen die Suppe, doch bei léonwohlhage ist dies genau das Geheimrezept. Im Gespräch mit Hilde Léon, Gründerin des Büros, Tilman Fritzsche, dem Kreativkopf und Peter Czekay, dem Koordinationswunder lerne ich abseits der Arbeit, die drei Hauptfiguren von léonwohlhage noch näher kennen.

Seit zwei Monaten bin ich schon in Berlin. Für mich ist diese Stadt ein Großstadtdschungel im immerwährenden Wandel. Aber Berlin und léonwohlhage – wie passt das eigentlich zusammen? Für Hilde sind es die Strenge und Härte Berlins, sowie die Konsequenz und Widersprüchlichkeit, die sowohl sie als auch das Büro geprägt haben. Peter erinnert sich, das Büro schon von Anbeginn seines Studiums in Berlin zu kennen, daher gehört das einfach zusammen. Tilman schafft mit der Aussage „Berlin gibt es gar nicht!“ Raum für eine größere, poetische Diskussion.

 Für mich als Praktikant ist vieles neu und dadurch bin ich auch leicht zu faszinieren. Was aber begeistert einen nach teilweise bis zu 30 Jahren Arbeit im Büro léonwohlhage? Hilde und Peter stellen die Suche nach authentischen Konzepten im städtischen, sozialen und wirtschaftlichen Kontext und den Versuch, Ideen in der Realität umzusetzen in den Vordergrund. Tilman‘s Leidenschaft entflammt bei dem Gedanken an die Kreativität, die er bei léonwohlhage ausleben kann.

Auch nachdem ich mich mittlerweile sehr gut in den Büroalltag eingewöhnt habe, stoße ich natürlich beinahe täglich auf neue Herausforderungen, doch was (über)fordert eigentlich so routinierte Profis noch an ihrer Arbeit? Tilman und Peter nennen altbekannte Dilemma wie Freiheit und enge Rahmenbedingungen oder eigene Ideen mit den Wünschen der Bauherren zu vereinen. Als Chefin überfordert sie zuweilen die Verantwortung und als Architektin fordert sie die architektonische Antwort auf eine spezifische Fragestellung zu geben, erzählt Hilde.

Auf die Frage, wo sie das Büro in zehn Jahren sehen, antwortet Hilde, dass sie bis dahin mehr und mehr in den Hintergrund treten will und an ein erfolgreich agierendes Büro mit Peter und Tilman an der Spitze denkt. Peter sieht mindestens zehn weitere, schöne realisierte Projekte und Tilman ist gespannt, ob die Neugierde weiterhin auf diesem hohen Level sein wird.

Als Student bin ich immer interessiert an der Meinung erfolgreicher Architekten. Die Frage, was die drei uns Studenten für den Start in das Architekturleben raten, finde ich besonders spannend. Peter und Hilde betonen die angenehmen Seiten, wie die Freiheit des Studiums zu nutzen und seine Leidenschaft für Architektur zu nähren. Tilman rät dabei, doch etwas kritisch, stets die eigene Relevanz in Frage zu stellen und sich der Kraft von Architektur bewusst zu sein. „Kunst, die niemand sehen will, kannst du immer noch ins Lager stellen, gebaute Architektur nicht.“

Auf meine abschließende Frage „Berlin ist?“ erhalte ich folgende, sehr unterschiedliche Antworten: Hilde: „…die Stadt, von der aus ich in die Welt ziehe und immer gerne wieder zurückkomme.“, Peter: „…die Stadt in der ich leben möchte.“ und Tilman: „…die satte Kuh, die auf der dürren Wiese mit dem Schwanz nach Fliegen schlägt.“

 

Hilde Léon
Im Büro seit: Gründerin des Büros mit Konrad Wohlhage 1987
Position: Geschäftsführung
Aufgaben: Konzeptfindung und -Betreuung

Tilman Fritzsche
Im Büro seit: 2005
Position: Associate
Aufgaben: Konzept- & Wettbewerbsleitung

Peter Czekay
Im Büro seit: 2001
Position: Associate
Aufgaben: Projektleitung & Koordination

 

Die Baumeister Academy wird unterstützt von GRAPHISOFT, der BAU 2019 und der Schöck Bauteile GmbH.