19.06.2023

Öffentlich

Kunstraum Kassel: Neue Moderne am Campus

Bildungsbauten Holz Kultur
Der Kusntraum Kassel von Innauer Matt Architekten nimmt Anleihen an der Moderne und ist doch ganz anders. Foto: © Nicolas Wefers
Der Kusntraum Kassel von Innauer Matt Architekten nimmt Anleihen an der Moderne und ist doch ganz anders. Foto: © Nicolas Wefers

Das Vorarlberger Architekturbüro Innauer Matt Architekten hat 2017 den Wettbewerb für den Kunstraum der Universität Kassel gewonnen. Ihr Beitrag zitiert die Tugenden der Moderne, übersetzt sie allerdings in die Gegenwart. Dabei ist ein schwarzer, materialistischer Baukörper entstanden, der in den Innenhof der Kunsthochschule eingeschrieben wurde. Eingebettet im 1962 fertiggestellten Universitätsgebäude von Paul Friedrich Posenenske ist es außen als Kontrapunktion zu lesen und innen als entspannte Antithese zum „White Cube“ zu verstehen.

Der Kunstraum Kassel wartet mit gleichberechtigten Fassaden auf. Foto: © Nicolas Wefers
Der Bauplatz wurde bereits 1962 vom Architekten des umliegenden Gebäudes für eine Erweiterung angedacht. Foto: © Nicolas Wefers

Punktgenaue räumliche Intervention

Im Gegensatz zu den Ikonen der Moderne, wie die erst kürzlich restaurierte Neue Nationalgalerie von Ludwig Mies van der Rohe, findet sich beim Kunstraum Kassel keine konstruktive Hierarchie. Dach und Fassade, Säule und Fenster sind hier als gleichwertige Elemente zu verstehen. So gibt es auch keine Hauptfassade. Der Kunstraum Kassel ist ein sich nach allen Richtungen hin gleichermaßen geschlossen zeigender Bau, der mit dunkler Ästhetik die Stahlelemente des umliegenden Posenenske-Gebäude aufnimmt.

In diesem Kontext zeigt sich, dass die Reduktion des Gebäudes zugunsten von mehr Freifläche die richtige Entscheidung war. Akteure und Akteurinnen sind hier die Studierenden wie die Künstlerinnen oder Künstler. Die Architektur verbeugt sich vor der Kunst als ihre Leinwand. Sie punktet mit schlichter Funktionalität und natürlichen Oberflächen. Wenn Kunst hier alles darf, so soll die Architektur die Natur repräsentieren, in deren Umfeld die Kreativität sprießt. Positioniert in gleichbleibendem Abstand zum Bestand, entstehen mit dem Neubau „qualitätsvolle Aussenräume von unterschiedlichem Charakter“, so die Architekten von Innauer Matt. Dabei ist der Bauplatz keinesfalls zufällig; bereits Posenenske selbst hat diesen Ort für eine mögliche spätere Erweiterung angedacht.

Sägeraues Holz und strenge Rasterung. Ihre zarte Seite zeigt die Fassade mit den kleinen Lichtlinsen. Foto: © Nicolas Wefers

Lichtlinsen und Raumraster

Der Kunstraum Kassel von Innauer Matt Architekten nimmt als Monolith mit klaren Grenzen den Raum ein. Das Prinzip des nach außen hin öffenbaren Raums, bei dem Außen und Innen verschwimmen (was nur selten auch tatsächlich so wahrgenommen wird), findet sich hier zum Glück nicht. Stattdessen besinnt man sich darauf, den Kunststudierenden das zu geben, was sie brauchen: qualitatives Licht und eine Atmosphäre der tabula rasa.

Farblich dominiert die Homogenität, erst bei genauerem Hinsehen offenbart die Fassade sehr wohl Variantenreichtum. Hier fallen die kleinen Kuppel-Elemente auf, die von Glas Marte entwickelt wurden. Sie perforieren wie Metallnieten die hölzernen Leinwände aus Lärche. In streng horizontalen und vertikalen Linien durchbrechen schlanke Blechpaneele die Fassade, und machen sie dabei noch stringenter. Mit zunehmender Witterung wird sie wohl noch an Lebendigkeit gewinnen. Lediglich die Eingangsportale sind farblich von der sägerauen Lärche abgehoben und signalisieren in warmem Eichenholz, dass sich hier ein Zugang zum Inneren befindet.

Dort angekommen erfährt man auch den Grund der gewölbten Nieten; es sind Fenster, sogenannte Lichtlinsen, die natürliches Licht in den Innenraum lenken. Durch die aufgeraute Dreifachverglasung wird es diffus in das Gebäude geleitet. Das ist optimal, um Kunst auch dann möglichst gleichmäßig zu beleuchten, wenn das Kunstlicht Pause hat. (Glas Marte selbst geben hier Einblicke in die Entwicklung und Funktionsweise dieser Spezialanfertigung.) Außerdem wird ein weiteres Detail erkennbar: Die Lichtlinsen außen geben eine Ahnung von der Dimensionierung des Innenraums. Dort, wo sich die Technik in der abgehängten Decke versteckt und die Tragstruktur die Fassade verdickt, sind außen keine Lichtlinsen sichtbar. Damit schafft der Kunstraum Kassel einerseits eine Atmosphäre der Abschottung, zeigt sich aber immer auch authentisch.

Die Lichtlinsen zeigen die Begrenzungen des Innenraums. Foto: © Nicolas Wefers

Klare Funktionalität

So spielen Innauer Matt Architekten mit der Dimensionierung und der Raumwahrnehmung. Außen vergrößern auch die hervortretenden Bleche in der Fassade die Kubatur und suggerieren eine andere Räumlichkeit als die im Inneren wahrnehmbare. Ein wiederkehrendes Gestaltungselement an Wand und Decke sind die gerasterten Paneele. Sie gliedern den Raum markant und verstärken so eine strenge Perspektive. Das kann als Gegenpol zur Verwendung der Architektur gesehen werden: Künstlerinnen und Künstler können hier nicht nur ihre Objekte ausstellen, sondern auch anfertigen. Der Geist darf spielen und toben, das Auge erhält dafür Ruhe und Ordnung. Für derart variantenreiche Nutzung tritt nun die funktionale Verwendung der Rasterung an der Decke und an den Wänden in Erscheinung: Verschiebbare Elemente lassen sich anhand der integrierten Schienen entlang des Rasters positionieren und ermöglichen es den Nutzerinnen, den großen Raum je nach Bedarf zu gliedern, zu strukturieren oder auch ganz zu unterteilen.

Mobile Trennwände ermöglichen eine variantenreiche Nutzung. Foto: © Nicolas Wefers
Architektur für die Kunst, anstatt Architektur als Kunst. Foto: © Nicolas Wefers

Holz mit Holz und Holz

Innauer Matt Architekten war es außerdem wichtig, den Kunstraum Kassel mit einem besonderen Blick auf Nachhaltigkeit zu entwerfen. Hauptmaterial ist daher Holz in seinen unterschiedlichen Konstruktionsarten: Wände und Dach sind aus Brettsperrholz gefertigt, Stützen, Balken und Riegel sind aus Brettschichtholz. Der Vorfertigungsgrad ist hoch. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf Authentizität. Sowohl im Inneren als auch im Äußeren ist das Holz als solches gut erkennbar. Besonders die unbehandelten Innenwände sind dabei als Zitat der sägerauen Sichtbetonschalungen zu sehen, welche im Bestandsgebäude von Posenenske allgegenwärtig sind.

Die Universitätsstadt Kassel ist weltweit bekannt für die documenta. Alle fünf Jahre findet die renommierte Ausstellung für zeitgenössische Kunst statt, zuletzt im Jahr 2022. Einen Bericht über die documenta fifteen finden Sie hier.

Scroll to Top