Mies aufpoliert

Nach achtjähriger Restaurierung ist die Neue Nationalgalerie in Berlin bis auf wenige Restarbeiten fertiggestellt. Auch wenn die letzten Handwerker noch schrauben – das Ergebnis der Arbeit von David Chipperfield Architects lässt sich bereits jetzt klar erkennen: Mies van der Rohes Museumsbau strahlt wieder.

 

 

Acht Jahre Arbeit haben Alexander Schwarz und sein Team von David Chipperfield Architects in die Umsetzung des Projekts gesteckt; Arbeit, von der man hinterher im Idealfall so gut wie nichts bemerkt. Denn auch nach der  Restaurierung soll bei der Neuen Nationalgalerie in Berlin nur ein Architekt erkennbar sein: Ludwig Mies van der Rohe. Jetzt ist das Mammutwerk der Restaurierung fast abgeschlossen. Die Gerüste sind vor kurzem gefallen, die obere Ausstellungshalle, die das Erscheinungsbild des Gebäudes prägt, ist fertiggestellt. Der Bauträger, das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, verkündet in seiner Pressemitteilung beeindruckende Fakten: 1600 Quadratmeter Glas wurden ausgetauscht, 500 Schweißnähte an der Stahlkonstruktion saniert, 800 Bestandsleuchten mit LEDs ausgestattet, 196 Deckengitter restauriert und 2500 Quadratmeter Natursteinplatten instandgesetzt.

 

 

Unsichtbar erneuern

Die wesentliche Arbeit der Architekten bilden diese Zahlen natürlich in Wahrheit gar nicht ab. Sie bestand darin, in engem Zusammenspiel mit der Denkmalpflege akribische Bau- und Materialforschung zu betreiben. Immer wieder mussten Wege gefunden werden, die Ikone der Moderne materiell und ästhetisch nicht zu beeinträchtigen und gleichzeitig den reibungslosen Betrieb des Museums zu ermöglichen. Die Anforderungen, die dieser Museumsbetrieb stellt, sind allerdings längst nicht mehr jene von 1968, als der Bau eröffnet wurde.

Das betrifft zum einen konservatorische Aspekte: Kunst wird heute anders gesichert, anders ausgeleuchtet, anders klimatisiert als in den Sechzigerjahren. Optimale Bedingungen sind natürlich wichtig in Bezug auf die eigene hochbedeutende Sammlung – aber auch unabdingbar, um im internationalen Ausstellungsbetrieb mitspielen zu können und wichtige Werke aus aller Welt als Leihgabe zu bekommen. Wer verleiht schon ein Kunstwerk, wenn es beschädigt oder gestohlen werden könnte. Zum anderen werden heute im Hinblick auf den Besucherservice andere Anforderungen gestellt als zum Erbauungszeitpunkt: Barrierefreiheit etwa ist heute für jedes Museum Bedingung. Gastronomie und Museumsshop sind Dienstleistungen, die Besucher erwarten und die erhebliche Gewinne generieren.

 

 

Teppich und Gleditschien

Dort wo neue Technik aus nachvollziehbaren Gründen nicht völlig verborgen werden konnte, wurde sie gestalterisch bestmöglich eingepasst. Der Personenfahrstuhl etwa, der vom großen Ausstellungssaal im Obergeschoss in die Räume im Untergeschoss führt, wurde in den hölzernen Garderobeneinbau integriert, den Mies in den gläsernen Saal gestellt hat. Die originale Beleuchtung wurde um LEDs ergänzt, die nun für eine zeitgemäße Ausleuchtung der Exponate sorgen. In anderen Bereichen stellten die Architekten dagegen den Erbauungszustand wieder her, in den Ausstellungsräumen im Untergeschoss etwa, wo wieder Teppichboden verlegt wurde, oder auf den Terrassen und im Skulpturengarten, wo nun wieder Gleditschien und Silberahorn wachsen, wie von Mies einst vorgesehen.

Bis Besucher den aufpolierten Museumsbau in Augenschein nehmen können, wird allerdings noch fast ein Jahr vergehen. In Folge der Coronapandemie musste die Schlüsselübergabe auf den kommenden April verschoben werden. Bis zum August 2021 wird dann die ständige Sammlung wieder in die Neue Nationalgalerie zurückgekehrt und die erste Sonderausstellung, eine Schau zum Werk Alexander Calders, aufgebaut sein.