Auferstanden aus Ruinen

Aalen hat einen neuen Ort für Kultur. Der Kulturbahnhof entstand unter Einbeziehung der Brandruine eines alten Bahngebäudes. Das Stuttgarter Architekturbüro a+r lieferte einen Entwurf, der klar zwischen historischen und neuen Bauteilen unterscheidet, und für eine Vielzahl von kulturellen Angeboten Raum schafft. 

 

 

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Nach drei Jahren Bauzeit eröffnete in Aalen der neue Kulturbahnhof seine Pforten. Wo zuletzt nur noch Fragmente abgebrannter Gebäude standen, kann nun eine neue Ära der Kultur starten. In einem Realisierungswettbewerb waren bereits 2015 nach Ideen für den Umbau eines alten Sandstein-Gebäudes gesucht worden. Den Wettbewerb haben a+r Architekten aus Stuttgart gewonnen. Nun hauchten sie dem alten Gemäuer nicht nur neues Leben ein. Sie verwandelten die Fragmente in ein architektonisch hochwertiges Beispiel für Um- und Wiedernutzung.

 

 

Am Rande der Stadt Aalen, zwischen Innenstadt und Oststadt, ist ein neues Stück Stadt entstanden. Auf einem etwa 6,5 Hektar großen, ovalen Areal waren seit dem 19. Jahrhundert das Bahnbetriebswerk und ab 1955 ein Industriebetrieb ansässig. Beide existieren seit vielen Jahren nicht mehr. Ein städtebaulicher Wettbewerb zum suchte 2010 dann nach Konzepten. Mit Funktionen wie Wohnen, Arbeiten, Erleben und Kultur sollte hier ein neues lebendiges Stadtquartier wachsen. Das ist mittlerweile gelungen. Heute bildet der neue Kulturbahnhof Aalen das Herzstück eines neuen, lebendigen, innerstädtischen Quartiers. Insgesamt sind auf dem Gelände etwa 250 Wohnungen zu finden. Ausserdem gibt es ein Verwaltungsgebäude und eine Kindertagesstätte. Auch ein Hotel entsteht direkt neben dem Kulturbahnhof. Inmitten dieser verschiedenen Nutzungen liegt die „Drehschreibe Grüne Mitte“, ein Freiraum, der zum Verweilen, Spielen und Entspannen einlädt.

 

Zukunftsprojekt Kulturbahnhof

Der Kulturbahnhof Aalen ist als Ort konzipiert, in dem verschiedene Angebote zusammen kommen, die bisher auf mehrere Standorte verteilt waren. Nun sind sie alle auf dem ehemaligen Bahnbetriebsgelände versammelt. Im Wesentlichen sogar in zwei Bestandsgebäuden, die umgenutzt, um- und ausgebaut wurden. Folgende Nutzungen sind in den Bestand integriert: Foyer, Eingangs- und Informationsbereich, Theater der Stadt Aalen, Spiel- und Theaterwerkstatt Ostalb, Kino am Kocher, Musikschule sowie Dispositionsflächen. Den Realisierungswettbewerb für diese umfassende Aufgabe haben die Architekten a+r aus Stuttgart im September 2015 gewonnen. Sie behaupteten sich auch im anschließenden VOF-Verfahren und erhielten schließlich den Auftrag für den Bau des Kulturbahnhof Aalen. Der erfolgte in den Jahren von 2018 bis 2020.

 

 

Mitten im Prozess der Neugestaltung des Areals kam es im Jahr 2014 zu einem verheerenden Großbrand. Große Teile des  historischen Bahnbetriebswerk aus der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden zerstört, darunter auch das Bahnverwaltungsgebäude und die Haupthalle des Ausbesserungswerks. Da die Sandsteingebäude aber ein wichtiges Dokument der Aalener Eisenbahngeschichte sind, galt es die nach dem Feuer erhalten gebliebene Bausubstanz bestmöglich zu konservieren.

 

 

Historische und zeitgenössische Industriearchitektur

Beim Umbau der Ruine des Bahnverwaltungsgebäudes zum Kulturbahnhof kontrastierten a+r die Fragmente des Altbaus mit Architekturformen des 21. Jahrhunderts. Die in weiten Teilen zerstörte Fassade des alten Bahngebäudes ergänzten die Architekten durch neue Fassadenelemente in Sichtbeton. Anderswo dagegen sanierten und rekonstruierten die Architekten die historische Substanz. So wurde zum Beispiel an einigen Stellen die Sandsteinfassade von Steinmetzen ergänzt und repariert. Dennoch ließen a+r auch hier die Ergänzungen sichtbar: Die neuen, glatteren Oberflächen unterscheiden die ergänzten Sandsteine vom Bestand.

 

 

Die Dächer der kurzen Quergiebel wurden nach historischem Vorbild wiederaufgebaut. Anders hingegen behandelten die Architekten den Längsgiebel. Diese wurden durch einen langen, mit gefaltetem Lochblech verkleideten Quader ersetzt. Er nimmt Bezug zum Umfeld, zu den städtebaulichen Kanten der südlich angrenzenden Nachbarschaft. Im Gegensatz zur historischen Sandsteinfassade, die ornamental-handwerklich und massiv wirkt, mutet der aufgesetzte Quader filigran und zurückhaltend an. Seine halbtransparente Lochblechfassade lässt die dahinter liegenden Volumina durchschimmern und erinnert an einen tuchartigen Vorhang.

 

 

Haus im Haus-Prinzip

Die historische Fassade des Kulturbahnhof Aalen bildet die Hülle für ein großzügiges Raumangebot im Innern. In den vollständig entkernten Innenraum des alten Gebäudes stellten die Architekten verschiedene „Boxen“ ein. Sie beherbergen jeweils unterschiedliche Nutzungen. Diese Häuser im Haus übernehmen zudem eine statische Funktion, indem sie die Gebäudehülle aussteifen. Die großen Säle und öffentlichen Nutzungen des Kulturbahnhof wurden innerhalb der alten Umfassungsmauern untergebracht , während die Räume der Musikschule und die Theaterwerkstätten im aufgesattelten Quader liegen. Damit überragen die dienenden Räume der Kulturproduktion und der Ausbildung sinnbildlich die Schaubühnen des Publikums.

 

 

Bei allen Interventionen legten die Architekten Wert darauf, die historischen Materialien, die alte Fensterstruktur und die sichtbare Dachkonstruktion zu erhalten. Die Materialen tragen dazu bei, ein authentisches und eigenständiges Ambiente für die unterschiedlichen Kulturangebote zu kreieren. Das gesamte Material- und Gestaltungskonzept folgt der Entwurfsidee, Industriearchitekturen des 19. und des 21. Jahrhunderts miteinander in Beziehung zu setzen.

 

 

Neben gestalterischen Überlegungen kamen bei der Wiederertüchtigung des alten Bahngebäudes auch pragmatische Aspekte zum Tragen. Ein gemeinsames Gebäude für unterschiedliche, bisher auf mehrere Standorte verteilte Kulturstätten, trägt zum Ressourcenschutz bei. Es ermöglicht Synergien und langfristig auch Kosteneinsparungen. Aber auch mit der Verwandlung einer Brachfläche und einer Brandruine in ein neues lebendiges Stück Stadt, setzt Aalen ein wichtiges Zeichen der Nachhaltigkeit. Da wundert nicht, dass Bund und Land das Projekt durch Städtebaufördermittel unterstützt haben.

Einen ganz anderen Kulturbahnhof hat Max Dudler in Berlin geschaffen: Der U-Bahnhof Museumsinsel zitiert ein Bühnenbild des großen Architekten Karl Friedrich Schinkel.