11.09.2023

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Kornversuchsspeicher in Berlin: Umbau in Wasserstadt Mitte

Berlin Beton Nachhaltigkeit Stahl Ziegel
Ein Denkmal der „Wasserstadt Mitte“: Die Betonbautechnik war revolutionär für das 20. Jahrhundert. Fotos: © Tjark Spille
Ein Denkmal der „Wasserstadt Mitte“: Die Betonbautechnik war revolutionär für das 20. Jahrhundert. Fotos: © Tjark Spille

2018 bis 2022 sanierten AFF Architekten aus Berlin das unter Denkmalschutz stehende Speichergebäude auf dem ehemaligen Lehrter Güterbahnhofsareal in Berlin. 1897/98 als sechsgeschossiger Kastenspeicher zur Erprobung der Getreidelagerung errichtet, diente das Gebäude als Speisekammer für die wachsende Bevölkerung des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Heute befindet sich das Gebäude in direkter Wasserlage eingebettet in ein dichtes Gefüge von modernen Wohnungsbauten als historisches Wahrzeichen der „Wasserstadt Mitte“.


Von Holz zu Stahl

Der Kornversuchsspeicher liegt zwischen dem Spandauer Schifffahrtskanal und der Gleise der Güterbahn. Nach knapp 20 Jahren Betriebszeit wurde der gut erhaltene Silospeicher (BT1) 1915/16 erweitert. Die innere Holzkonstruktion des Speichers wurde in diesem Zug durch ein Stahlbetonskelett ersetzt. Der Anbau (BT2) wurde konstruktiv als Stahlbetonstockwerkrahmenbau hergestellt und diente unter anderem der vergleichenden Bewertung der Silo- und der Schüttbodenspeicherung sowie der Erprobung moderner Maschinentechnik.

Foto: © Tjark Spille
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Zwischen dem Spandauer Schifffahrtskanal und der Gleise der Güterbahn liegt der Kornversuchsspeicher, den AFF Architekten gerade saniert haben.

Ein Kornspeicher als Denkmal?

Der Lehrter Kornspeicher, der rund 1110 Tonnen Getreide fassen konnte, dokumentiert in besonderer Weise die Geschichte der Berliner Industrie und Wirtschaft vom Ende des 19. bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Da Trichterspeicherdecken aus Stahlbeton damals noch nicht erprobt waren, ist der Kornspeicher aus denkmalpflegerischer Sicht einer der bedeutendsten Zeugen der Betonbautechnik in Deutschland.

Foto: © Tjark Spille
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Das orangefarbene Denkmal hebt sich von den Berliner Neubauten sichtlich ab.
Foto: © Tjark Spille
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Im Inneren sorgt das neutrale Grau des Sichtbeton für eine ruhige Atmosphäre.

Langer Sanierungszustand

Nach seiner ursprünglichen Nutzung, (Teil-)Leerstand und als Ort für Kunst und Künstler befanden sich die Bauteile des Kornspeichers in verschieden starkem Sanierungszustand. Das Dach, eine einfache Holzkonstruktion mit Trapezblechabdeckung musste vollständig ersetzt werden.

Jahrelange Bewitterung und teilweise zu geringe Betonüberdeckung machten die Betonkonstruktion stark Instandsetzungsbedürftig. Die Komplettsanierung mit energetischer Ertüchtigung bedingten schließlich ungünstige Belichtungssituationen und fehlende Barrierefreiheit.

Foto: © Tjark Spille
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Neue Verglasungen sorgen für mehr Licht im Kornversuchsspeicher – und damit mehr Wohlfühlflair im Gegensatz zum Bestandsbau.

Die vier Hauptinterventionen

Das Berliner Architekturbüro AFF überführt den denkmalgeschützten Kornversuchsspeicher in eine zeitgemäße Nutzung, indem sie vier Hauptinterventionen beschreiben. Vor allem definiert sich der Umbau über den partiellen Rückbau der Betontragkonstruktionen, wenig markante bauliche Interventionen sowie die Aufstockung des Dachgeschosses. Im Inneren intervenieren die Architekten durch eine neue Raumfolge, die behutsam im Einklang mit dem Denkmalschutz entwickelt wurde.

Foto: © Tjark Spille
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Holz trifft auf Beton trifft auf Glas in den oberen Stockwerken.

Intervention 1: Aufstockung

Aus historischen Aufnahmen konnten AFF Architekten ein Laternendach rekonstruieren, dessen Erscheinung prägend für die denkmalpflegerische Rechtfertigung der Architekten war. AFF nehmen die ursprüngliche Firsthöhe auf und lehnen die Aufstockung an die bauzeitliche Speicherform an, die das Gebäude in seiner Kubatur und städtebaulichen Präsenz maßgebend stärkt.

Zwei Dachterrassen, die die Längsseiten des Gebäudes flankieren, ermöglichen den geschützten Aufenthalt unter freiem Himmel und einen imposanten Ausblick auf die Spree sowie die Europacity. Die massiv gemauerte Klinkerfassade des Bestands wird von den Architekten im wiederhergestellten Dachaufbau mit gleichem Mauerwerksverband fortgeführt.

Foto: © Tjark Spille
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Die Fasse der zwei Dachterrassen sind hervorstehenden Klinkerreihen versehen, die die Kubatur der Aufstockung aufgreift.
Foto: © Tjark Spille
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Obwohl die Aufstockung an der Klinkerfassade sichtbar ist, bildet sie das Laternendach des Bestandsbaus nach und bietet wieder ausreichend Stabilität und Schutz.

Intervention 2: Sanierung Fassade und Herstellen großformatiger Öffnungen

Die historische Klinkerfassade im Blockverband von BT1 wurde aufgearbeitet, gereinigt und an wenigen Fehlstellen ergänzt und bisher kalte Bauteile von innen mit Calciumsilikatplatten gedämmt. Die Speicherfenster wurden in enger Abstimmung mit der Denkmalpflege aufgearbeitet oder nach historischem Vorbild ersetzt. Die geschädigte Betonfassade von BT2 wurde aufwendig saniert.

Hierbei wurden die bestehenden Klinkerausfachungen und Speicherfenster zunächst rückgebaut, dann aufgearbeitet und wieder verwendet. Die Ausfachungen ersetzten AFF Architekten punktuell durch absturzsichere Verglasungen, um den Tageslichteintrag in den Kornspeicher zu erhöhen. Die denkmalpflegerische Zielstellung ermöglichte außerdem die Anordnung von Austritten an der nördlichen Stirnseite.

Foto: © Tjark Spille
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Schwarze Balkone auf der Stirnseite sind unregelmäßig verteilt und bringen Dynamik in die sonst symmetrische Gestalt des Speichers.
Foto: © Tjark Spille
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Auch vom Inneren ist eine weite Aussicht nach draußen vom Balkon aus möglich.
Foto: © Tjark Spille
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Die historischen Fensterelemente wurden dem Original nach ersetzt, die Fassade wurde innen neu gedämmt.

Intervention 3: Teilrückbau Schüttendecken

Da der Kornspeicher zukünftig als Büro- und Arbeitsräume genutzt werden soll, wurde in jedem zweiten Geschoss von BT2 ein Teil der Bestandsdecke herausgeschnitten, um die erforderliche lichte Raumhöhe zu gewährleisten. Ohne diesen konstruktiven Eingriff wäre die neue großzügige Raumhöhe und die eindrucksvolle Untersicht auf die Schüttendecke nicht erlebbar gewesen. Eingestellte Galerieebenen als Stahlkonstruktionen zonieren den Raum und erzeugen qualitätsvolle Arbeitsbereiche auf zwei Ebenen.

Foto: © Tjark Spille
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Indem jede zweite Bestandsdecke herausgenommen wurde, dringt nun wieder mehr Licht durch die Speicherräume – und eröffnet den Blick auf die Schüttendecke.
Foto: © Tjark Spille
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Galerieebenen strukturieren den Raum.

Intervention 4: Einbau Versorgungsspange

An der Schnittstelle von BT1 zu BT2 positionieren AFF Architekten den neuen Erschließungskern. Dieser umfasst ein geschossübergreifendes Treppenhaus mit Aufzug und die etagenweisen Sanitärbereiche. In jedem zweiten Geschoss sind die Ebenen beider Bauteile miteinander verbunden.

Konstruktiv formuliert sich diese Versorgungsspange als Sichtbetonkonstruktion, die im Bereich des Erdgeschosses und der obersten Etage durch eine verspringende Brettschalung ornamentiert ist. Auf diese Weise schaffen AFF Architekten den Bezug zur Fassadenprofilierung der neuen Aufstockung.

Foto: © Tjark Spille
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In den Treppenhäusern wird ein Übergang zwischen Sichtbeton und Klinker geschaffen.

Vorzeigeprojekt für eine modernisierende Stadt

Mit dem Umbau des historischen Kornspeichers auf dem ehemaligen Lehrter Güterbahnhofsareal beweisen AFF Architekten nicht nur Fingerspitzengefühl und Können, sondern tragen zum Erhalt eines Stücks Berliner Geschichte bei. Sie überführen das historische Gebäude in die Gegenwart, schaffen ein den Berlinern zugängliches Denkmal, stiften Identität in der modernen Stadt.

 

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