08.09.2022

Gewerbe
Florian Maximilian Siegel Severin Küppers

Kalksandsteinwand mit Schwung: Brillenladen in Stuttgart-West

von Sabine Schneider
Der simple Schwung einer weißen Kalksandsteinwand ist der Hauptdarsteller in diesem Stuttgarter Optikfachgeschäft. Foto: Julia Ochs
Der simple Schwung einer weißen Kalksandsteinwand ist der Hauptdarsteller in diesem Stuttgarter Optikfachgeschäft. Foto: Julia Ochs

Der simple Schwung einer weißen Kalksandsteinwand ist – natürlich neben dem Inhaber und den Brillengestellen selbst – der Hauptdarsteller in diesem Stuttgarter Optikfachgeschäft. Die Wand hat es in sich. Sie bildet nicht nur den hellen Hintergrund des einladenden Geschäfts, sondern dient außerdem noch als Schalldämpfer und Ausstellungssystem.

Nicht nur Titel eines Liedes, sondern auch eines Ladens

Der neue Laden findet sich in der nördlichen Stuttgarter Altstadt, einem angenehm verschlafenen Quartier, bislang ohne viele sichtbare Anzeichen der Gentrifizierung. Hier mischen sich gründerzeitliche Sandsteinfassaden mit moderneren Lückenschließern aus den 1950er- bis 1980er-Jahren. Das Wohn- und Arbeitsviertel liegt am Hang, westlich hinter der Universität und der Liederhalle, und ist gut angeschlossen an öffentliche Verkehrsmittel.

Hier hat sich Thomas Hommerberg mit seinem Optikfachgeschäft „Hungry Eyes“ niedergelassen. Nicht zuletzt deshalb, weil er hier in dieser Gegend wohnt und sich gut auskennt. Interessanterweise sei sein Unternehmen eine direkte Folge der Pandemie, wie er berichtet. Denn er hatte 21 Jahre lang als angestellter Optiker gearbeitet, bis er dann im ersten Lockdown die Idee hatte, sich selbstständig zu machen. Im zweiten Lockdown fasste er dann auch den Entschluss dazu. Er hatte sich gleich den Titel seines Ladens, der ihn von nun an begleiten sollte, nach dem Lied aus dem Film „Dirty Dancing“ gesichert.

Der simple Schwung einer weißen Kalksandsteinwand ist der Hauptdarsteller in diesem Stuttgarter Optikfachgeschäft. Foto: Erich Spahn
Foto: Erich Spahn

Drei Planungsbeteiligte, ein Ziel

Sein Plan scheint aufzugehen, nicht zuletzt deshalb, weil er ebenso engagierte Verbündete gefunden hatte: den Innenarchitekten Florian Siegel und den Architekten Severin Küppers. Viele Vorschriften machte er seinen beiden Planern nicht. Es gab keine konkreten Gestaltungswünsche. Viel wichtiger war es ihm, dass die Räume seine Identität und Werte widerspiegeln. Betritt man den Laden und trifft auf Thomas Hommerbergs offene, herzliche Art, weiß man, was gemeint ist.

Sein Elan und das Gespür der beiden Planer verhalfen dem Ort zu einem erstaunlichen kleinen Projekt. Der markante Eckladen an einer Straßenkreuzung ist den Bewohnern der Gegend bekannt durch seine vier Vormieter, darunter zunächst eine Bäckerei oder später ein Elektroladen. Erstaunlicherweise sind einige Elemente der Ausstattung über all die Jahrzehnte erhalten geblieben. So zum Beispiel die Glastüren mit ihren zeittypischen schwarzen Griffen oder die inzwischen weiß gestrichenen Stahlstützen aus den 1950-Jahren. Florian Siegel und Severin Küppers nahmen die Gelegenheit wahr, diese Elemente zu bewahren – nicht einmal alle Schaufensterscheiben mussten ausgetauscht werden. Ein paar genügsame Kakteen hinter dem Glas rufen heute sogar Erinnerungen an das klassische „Blumenfenster“ aus dieser Zeit wach.

 

Der simple Schwung einer weißen Kalksandsteinwand ist der Hauptdarsteller in diesem Stuttgarter Optikfachgeschäft. Foto: Erich Spahn
Foto: Erich Spahn
Der simple Schwung einer weißen Kalksandsteinwand ist der Hauptdarsteller in diesem Stuttgarter Optikfachgeschäft. Foto: Erich Spahn
Foto: Erich Spahn

Schwung aus Kalksandsteinen

Die Hauptdarstellerin der Ladenausstattung ist – neben dem Inhaber und den eleganten Brillengestellen selbstverständlich – die helle, gebogene Rückwand aus Kalksandsteinen. Sie wurde aus Steinen mit sichtbarer, konischer Lochung gemauert und geht mit einem Schwung um die Ecke. Dieser Schwung bildet das weich geformte Pendant zur kantigen Straßenecke. Die Mauer wirkt überraschend leicht, denn sie steht auf einem Sichtbetonsockel und reicht nicht ganz bis zur Decke. So lässt sie eher an einen Paravent denken.

Die sichtbare Lochung der Kalksandsteine hat gleich mehrere Vorteile. Einerseits wirkt sie akustisch schalldämpfend, andererseits eignet sie sich hervorragend, um ein eigens dafür entwickeltes Präsentationssystem aufzunehmen. Eine „Regaleinheit“ besteht lediglich aus zwei Alurohren mit einem Dichtungsring als Stopper. Die Rohre werden parallel in zwei Löcher geschoben, darauf ein Alublech gelegt – und fertig ist ein einfaches, äußerst variables Warenträgersystem. Zudem verhindert eine Abkantung der Bleche, dass sie rutschen. Thomas Hommerberg nutzt die kleinen Einheiten, um leichte Modelle, stärkere Rahmen oder Sonnenbrillen in attraktiven Gruppen zusammenzustellen und über die Kalksandsteinwand zu verteilen. Auf dieselbe Weise sind übrigens kleine Spiegel montiert.

„An dieser Wand ist nichts gebohrt oder geschraubt“, erklärt Severin Küppers. Der Schallschluckstein eignete sich mit seiner Tiefe hervorragend zum Mauern, ohne dass eine aufwendige Unterkonstruktion benötigt wurde. „Letzten Endes trägt er noch dazu bei, dass es trotz größtenteils harter Oberflächen auch akustisch angenehm ist. Und auch wenn der Bauherr sich irgendwann mal entscheiden sollte, andere Produkte zu verkaufen, kann er diese mit dem Stecksystem ganz unkompliziert anbringen. Diese Wandelbarkeit und Langlebigkeit zeichnet einen guten Ladenbau aus“, meint Küppers.

Der simple Schwung einer weißen Kalksandsteinwand ist der Hauptdarsteller in diesem Stuttgarter Optikfachgeschäft. Foto: Erich Spahn
Foto: Erich Spahn

Zwischen Vintage und Hightech

Im Übrigen besteht die Ladenausstattung aus einem Fließestrich als Bodenbelag und einem weißen Tresen mit abgerundetem Fuß unter der langen Tischfläche. Der Fuß ist mit „Riffelglas“ verkleidet, ein Material, das man aus den 1950ern kennt. Während der Geschäftsraum selbst eine freundliche Offenheit ausstrahlt und leicht zu überblicken ist, führen drei Stufen hinauf in einen etwas privateren, hinteren Bereich. Hier liegen drei Nebenräume mit Augenprüfraum, Teeküche und Werkstatt. Im Flur findet sich ein alter Brotschrank aus der Bäckerei, der mit seinen Schiebetüren als praktisches Zwischenlager dient. In der Teeküche sind sogar noch alte Fliesen erhalten geblieben. In diesen Nebenräumen wurden nur die Raufasertapeten entfernt, die Wände beziehungsweise Decke geschliffen und eingelassen. Im Augenprüfraum ist der Stuck an der Decke erhalten, aber ein neuer Parkettfußboden verlegt. Das Riffelglas findet sich auch in der alten Tür zum Augenprüfraum wieder.

All diese teils alten, teils neuen Elemente sowie die beiden aufpolierten, goldfarbenen Sesselchen vom Flohmarkt schaffen eine wunderbar entspannte Atmosphäre in dem schmalen Geschäft. Diese spiegelt sich auch im Kontrast zwischen den Vintage-Möbeln und der „Hightech“-Ausstattung zur Augenprüfung sowie den modernen Brillengestellen wider.
„Der Kundenkontakt war für ihn das Wichtigste am ganzen Konzept“, meint Severin Küppers. Deshalb bleiben die Schaufenster fast unverstellt, das Geschäft sollte Offenheit ausstrahlen, so dass man jederzeit Einblick bekommt. Und eine Nachbarin, übrigens eine Architektin, erzählt, dass sie vor allem auch nachts das hell und freundlich erleuchtete Geschäft als Bereicherung des Quartiers empfindet.

Inhaber: Thomas Hommerberg
Innenarchitekt: Florian Maximilian Siegel; Architekt: Severin Küppers
Schallschluckstein: KS-Original
Standort: Ecke Rosenbergerstraße/Senefelderstraße, Stuttgart

Ebenfalls in Stuttgart haben 17 Architekten 1927 die Weißenhofsiedlung geschaffen. Lesen Sie hier alles, was sie zu der Siedlung wissen müssen.

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