Industriebauten in Leipzig: Die Baumwollspinnerei

Wenn unser Academy Gewinner Ansgar Stadler nicht bei SchulzundSchulz Architekten am Schreibtisch sitzt, zieht er für uns durch Leipzig und besichtigt ehemalige Industriebauten. Daraus entsteht eine sechsteilige Serie zu ungenutzten Industriebauten. Letzten Monat stellte er die Buntgarnwerke vor. Dieses Mal stellt er die Baumwollspinnerei vor: In der ehemaligen Spinnerei haben sich in den 1990er Jahren Künstler angesiedelt, manche von ihnen sind bis heute geblieben.

Dem ein oder anderen Kunstliebhaber ist die alte Baumwollspinnerei in Leipzig mit Sicherheit ein Begriff. Im Stadtteil Lindenau gelegen, siedelten sich hier ab den frühen 1990 Jahren Künstler und Kreativschaffende wie Neo Rauch in den leerstehenden Fabrikhallen an. Heute werden deren Werke für große Summen rund um die Welt verkauft. Und so wie sich die Künstler verändert haben hat sich auch die Spinnerei weiterentwickelt.

„From cotton to culture“

Die Geschichte der alten Spinnerei beginnt 1884 mit der Gründung der Aktiengesellschaft „Leipziger Baumwollspinnerei“. Die Nachfrage nach Baumwolle stieg im 19. Jahrhundert rasant an und führte zu schnellem Wachstum und dem Bau immer weiterer Fabrikhallen. Nur 25 Jahre nach der Gründung war sie zwischenzeitlich die größte Spinnerei des Kontinents. Auch durch die unsicheren Zeiten des 20. Jahrhunderts produzierte sie weiter. Im Krieg blieb die Fabrikanlage unzerstört, die alliierten Bomberpiloten hatten die mit Schnittlauch bewachsenen Dächer für Wiesen gehalten. Erst Anfang 1993 kam die Produktion endgültig zum Erliegen.

Den ersten Künstlern folgten Galerien und andere Institutionen. Im Jahr 2000 nahmen die heutigen Eigentümer des Spinnerei Geländes die Planung in die Hand und entwickeln das Gebiet seitdem kontinuierlich weiter.

Durch die besondere Atmosphäre des Ortes, die günstigen Mieten und das Engagement der Organisatoren entstand ein eigener Kosmos aus Kreativschaffenden. So beheimatet die alte Spinnerei heute neben vielen Ateliers und Galerien auch Architekturbüros, Werkstädten, Theater, einen Weinkontor, ein Kino oder die Halle14, ein gemeinnütziges Zentrum für zeitgenössische Kunst.

Gerahmt von Industriebauten, die weitgehend im Originalzustand erhalten sind, ist der industriellen Charme bis heute zu spüren. Die Wertigkeit der Backsteinarchitektur mit ihren Wänden aus Vollziegelmauerwerk von über einem Meter Stärke und ihren gusseisernen Kastenfenstern, die im Winter auch als Kühlschrank dienen, hält die Sanierungskosten gering.

Der Spinnerei Rundgang

Die pulsierende Kunstszene lockt Menschen aus aller Welt an. Am besten zu sehen ist das an den drei Mal jährlich stattfindenden Rundgängen. Zu diesem Termin strömen tausende Interessenten in die alte Spinnerei, denn an diesem Tag öffnen die Künstler und Galeristen gemeinsam ihre Türen und laden zum kollektiven Kunstgenuss ein. Dies birgt eine ganz eigene Faszination in sich, denn ein Austausch mit den Kreativen wird so in einem lockeren Gespräch möglich.

Ein Hauch brasilianischer Moderne in Leipzig

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Auf der Ecke eines alten Dampfkesselhauses sitzt Oscar Niemeyers Kugel aus weißem Beton, ihr Durchmesser beträgt 12 Meter.

Bald wird es eine weitere Attraktion in direkter Nähe zu der Spinnerei geben. Der brasilianische Stararchitekt Oscar Niemeyer besichtigte 2011 kurz vor seinem Tod das Industriedenkmal und die direkt anschließenden Kirow Werke. Kurzer Hand entwarf er eine Kantine mit Café in Form einer Kugel – Eröffnung ist im Sommer 2019.

Alle Bilder: Ansgar Stadler

Die Baumeister Academy ist ein Praktikumsprojekt des Architekturmagazins Baumeister und wird unterstützt von GRAPHISOFT und der BAU 2019.