Industriebauten: Das Panometer Leipzig

Leipzig war im 19. Jahrhundert ein beliebter Standort für die Industrie. Seit der Wende wurden viele der Fabriken saniert und umgebaut. Von Künstlerateliers zu Loftwohnungen – man findet viele unterschiedliche Umnutzungen. Ansgar Stadler, 2019 Baumeister-Academy-Gewinner und damaliger Praktikant im Leipziger Büro Schulz & Schulz, stellte uns das Panometer Leipzig mit den Panoramen von Yadegar Asisi vor. 

Gasometer + Panorama = Panometer. So einfach lässt sich das Umnutzungskonzept des alten Gasometers im Leipziger Stadtteil Connewitz beschreiben. Wo früher die Gasvorräte für Leipzig lagerten, stellt der Architekt und Künstler Yadegar Asisi heute seine fußballfeldgroßen 360-Grad Panoramen zur Schau.

Aber was genau ist ein Gasometer und warum stehen die rotundenförmigen Gebäude ursprünglich in Leipzigs Süden?

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Zwei Gasometer existieren heute noch. Der eine als Museum, der andere als Open-Air-Veranstaltungsort.

 

Gasometer in Leipzig

Leipzigs Gasometer wurden um 1900 in der Nachbarschaft der ortsansässigen Gaswerke erbaut.  Ihre Funktion war die Speicherung von Gas für den schwankenden Absatzmarkt. Die heute noch sichtbaren, gemauerten Wände waren dabei aber nur die bauliche Hülle. Sie schützte vor dem Wetter und ermöglichte konstante Temperaturen im Innenraum. Das Gas selbst speicherte man in einer innenliegenden und ausfahrbaren Glasglocke.

Dieses Prinzip funktionierte in der Stadt Leipzig bis 1977, da man bis dahin das Gas vor Ort herstellte und speicherte. Nach der Umstellung auf Ferngasversorgung der DDR verloren die Gebäude ihre Funktion.

 

Panometer Leipzig – Die neue Funktion

Erst 2002 folgten die Sanierung und der Umbau zu einem „Panorama Museum“. Der Gedanke, das runde Gebäude mit einer Höhe von knapp 50 Metern als Panoramahülle zu nutzen, kommt aber nicht von ungefähr: Schon im 19. Jahrhundert pilgerte die Bevölkerung zu Unterhaltungszwecken in rotundenförmige Gebäude, um sich Panoramabilder von vergangene Schlachten anzusehen.

Auch im Panometer Leipzig waren schon Schlachten ein Panoramen-Motiv, wie zum Beispiel die Leipziger Völkerschlacht 1813. Im Moment zeigt der Künstler aber einen gigantischen, mit Details überladenen Garten, den die Besucher aus der Staubkornperspektive bewundern können.
Hierfür ist innerhalb des Gebäudes nochmals ein rundes Stahlgerüst aufgestellt, an dem die Leinwand befestigt ist. Der Raum ist abgedunkelt. Klänge begleiten die visuelle Erfahrung.

Und wie vor über 100 Jahren kommt auch heute das Schauspiel gut an. Touristen tummeln sich auf dem begehbaren Stahlturm in der Mitte des Raumes und betrachten das Panorama aus verschiedenen Perspektiven. Eine außergewöhnliche Idee für ein außergewöhnliches Gebäude – das sonst wahrscheinlich in Vergessenheit geraten wäre.

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Im Panometer: Faszination Kleingarten ganz groß.

 

EVEREST

Der Auftakt im Panometer Leipzig war jedoch von einer anderer Gewaltart geprägt: dem gewaltigen Mount Everest. Mit dem Pilotprojekt EVEREST nahm Yadegar Asisi die Besucher und Besucherinnen 2003-2005, 2012 und 2013 mit auf eine Expedition in das 6.000 Meter hohe „Tal des Schweigens“ im Himalaya-Gebirge. Ganz bewusst entschied sich Asisi dabei, den Betrachtenden von der Besucherplattform aus nicht den in 8.848 Metern Höhe liegenden Gipfel zu präsentieren. Das „Tal des Schweigens“ ist das Hochplateau, das allen Everest-Expeditionen als letztes Basislager vor dem Aufstieg dient. Die Distanz zum Gipfel weckt so die Ehrfurcht vor dem höchsten Berg der Welt und vermittelt sowohl die fernöstliche Sicht auf dieses „Dach der Welt“ als auch das Thema der Eroberung durch westliche Expeditionen. Der Betrachtenden taucht in dem 360°-Panorama in die majestätische und scheinbar grenzenlose Bergwelt des Mount Everest mit ihrem beeindruckenden Farbspiel: von Hellblau bis Aquamarin, von Schneeweiß bis zu Tiefschwarz.

 

NEW YORK 9/11

Ab Juli 2021 widmet sich Asisi der moralischen Frage „Welche Reaktionen und Antworten haben wir auf Gewalt?“. Hierzu wirft er gemeinsam mit den Besucherinnen und Besuchern des Panometer Leipzig einen Blick auf die Angriffe auf das World Trade Center in New York und die daraus resultierenden Kriege. Mit der Ausstellung NEW YORK 9/11 setzt der Künstler sich mit einem Moment der Zeitgeschichte auseinander, der ganze Erdteile in ein andauerndes Chaos stürzte und die Konfliktlinien zwischen Kulturen und Religionen verstärkte, die ein wesentlicher Teil unserer Gegenwart sind. Nicht der Terroranschlag auf das World Trade Center selbst ist zu sehen, sondern die Silhouette von Manhattan mit den weltbekannten Twin Towers unmittelbar vor den Terrorangriffen.
Im Kontrast zu einem friedvollem Morgen im Alltag der Metropole New York führt der Panorama-Weg durch die globalen Folgen des Anschlags am 11. September 2001. Yadegar Asisi will dabei Verständnis für die Komplexität der Zusammenhänge schaffen.

 

CAROLAS GARTEN

Doch die großen Panoramen und Themen müssen nicht immer einschüchternd sein: Noch bis Juni 2021 ist das 32 Meter hohe Panorama „CAROLAS GARTEN – Eine Rückkehr ins Paradies“ von Yadegar Asisi zu sehen. Auf 3.500 Quadratmetern ist Natur aus dem Mikrokosmos erfahrbar: Besucher und Besucherinnen „schrumpfen“ auf die Größe eines Blütenpollens und blicken so aus dem Blütenkelch heraus auf Strukturen und Details eines heimischen Gartens.
Die Ausstellung zeigt außerdem XXL-Insektenmodellen der Designerin Julia Stoess.

 

Zum Architekten/Künstler:
Der gebürtige Wiener Yadegar Asisi (*1955) ist Künstler und Architekt. Er studierte bis 1978 Architektur an der Technischen Universität Dresden und schloss hier sein Studium als Diplom-Ingenieur für Architektur ab. Anschließend studierte er bis 1984 Malerei an der Hochschule der Künste in Berlin. Im Jahr 1991 war er hier auch Gastprofessor im Fachbereich Architektur. Als Professor für freie Darstellung im Fachbereich Architektur war er von 1996 bis 2008 an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin tätig. Zusammen mit dem Architekturbüro Brandt-Asisi-Böttcher gewann er 1990 den Mies-van-der-Rohe-Preis für den Entwurf des Endbahnhofs der Berliner Magnetbahn auf dem Kemperplatz.
Seit 2003 liegt sein Fokus auf den Panoramen, die im Panometer Leipzig und seit 2006 im Panometer Dresden ausgestellt sind.

Alle Bilder: Ansgar Stadler

 

Die Baumeister Academy ist ein Praktikumsprojekt des Architekturmagazins Baumeister und wird unterstützt von GRAPHISOFT und der BAU 2019.