10.10.2022

Hotel

Hotel Zum Riesen in Tarsch im Vinschgau

Nachhaltigkeit
EIngangshalle mit dem Deckengemälde „Verkündigung an Maria“ im Gasthof zum Riesen in Tarsch. Foto: Dell’Agnolo-Kelderer
EIngangshalle mit dem Deckengemälde „Verkündigung an Maria“ im Gasthof zum Riesen in Tarsch. Foto: Dell’Agnolo-Kelderer

Alexandra Dell’Agnolo betreibt – wie schon ihre weiblichen Vorfahren – den Tarscher Wirt im Vinschgau, den man auch Gasthof Zum Riesen nennt. Das Gebäude aus dem 14. Jahrhundert überführte sie gemeinsam mit ihrer Schwester Sylvia Dell’Agnolo, Architektin und anerkannte Expertin für die Sanierung historischer Gebäude, behutsam in die jetzige Zeit. Im Zentrum der Umbauten stand eine barocke Deckenmalerei, die dank einer Öffnung in der drunterliegenden Geschossdecke besser sichtbar gemacht werden sollte. Eine bauhistorische Untersuchung der Zwischendecke gab Aufschluss über die Umsetzbarkeit der Umbaumaßnahmen.

Der Gasthof in Tarsch (Vinschgau) blickt auf eine lange Historie zurück: Die ältesten Gebäudeteile des einstigen Bauernhofs reichen bis ins 14. Jahrhundert zurück und wurden im 16. Jahrhundert erweitert. Im 18. Jahrhundert kam es wieder zu Umbauten, die in dem neu angelegten Saal im zweiten Obergeschoss mit einem Deckenfresko der Verkündigungsszene mündeten. Im Zug der barocken Umbauten wurde an der Mittelachse des Saals ein Erker angefügt, den der aufgemalte namengebende Riese trägt. Der ostseitig angebaute Stadl musste nach einem Brand abgerissen werden, und so entstanden über drei Stockwerke Fremdenzimmer.

Gesamtansicht des Gasthofes zum Riesen in Tarsch (Vinschgau), gegen Südosten. Foto: Dell’Agnolo-Kelderer
Gesamtansicht des Gasthofes zum Riesen in Tarsch (Vinschgau), gegen Südosten. Foto: Dell’Agnolo-Kelderer

Baugeschichte lesbar machen

Unter der Wirtin und Eigentümerin Alexandra Dell’Agnolo reifte der Plan, das Gebäude in zwei Obergeschosse umzubauen und an den Standard eines 3-Sterne-Hotels anzupassen. Dazu sollten die neun bestehenden Zimmer modernisiert werden und im Dachgeschoss durch einen Fitnessbereich, einen Technikraum und eine überdachte Terrasse ergänzt werden. Und auch die Wohnung der Besitzerin des Gastbetriebs sollte im ersten Obergeschoss Platz finden.

Blick in ein Gästezimmer. Foto: Dell’Agnolo-Kelderer
Blick in ein Gästezimmer. Foto: Dell’Agnolo-Kelderer
Blick in die restaurierte Stube. Foto: Dell’Agnolo-Kelderer
Blick in die restaurierte Stube. Foto: Dell’Agnolo-Kelderer

Die dazu nötige Architektin fand die Wirtin in ihrer Schwester, Sylvia Dell’Agnolo, eine anerkannte Expertin für die Sanierung historischer Gebäude und seit 2021 im Vorstand der Südtiroler Berufskammer der Architekten. Sie konzipierte und betreute mit ihrem Bozener Büro Kelderer-Dell’Agnolo den Umbau. Ziele der Umbaumaßnahmen waren unter anderem, das Erscheinungsbild auf das schlichte ’Steinhaus’ zurückzuführen, die Baugeschichte lesbar zu machen und zugleich den Bau modernen Erfordernissen anzupassen. Das Denkmalschutzobjekt wurde von Grund auf saniert und in einen zeitgemäßen Gastbetrieb verwandelt: Heizung, Böden, Bäder, Fenster und Möbel wurden stil- und materialgerecht restauriert oder erneuert.

Gasthof Zum Riesen in Tarsch: Deckengemälde als Schmuckstück

Im Zuge der Umplanungen geriet vor allem das Schmuckstück des Hofs wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit: Auf beiden Geschossen liegt in der Mittelachse ein Saal, der im unteren Geschoss durch eine einfache Balkendecke abgeschlossen ist, im oberen Geschoss jedoch von einem zentralen Deckengemälde geschmückt ist. Um dem Deckengemälde die Aufmerksamkeit zu schenken, die ihm gebührt, schlug Architektin Sylvia dell’Agnolo vor, die Zwischendecke partiell zu öffnen und den Blick aus dem unteren Saal auf die Darstellung zu eröffnen.

Lage des Gasthofes zum Riesen in Tarsch. Foto: Dell’Agnolo-Kelderer
Lage des Gasthofes zum Riesen in Tarsch. Foto: Dell’Agnolo-Kelderer

Um eine Entscheidung für die Umsetzbarkeit zu treffen, ließ das Landesdenkmalamt in Bozen eine bauhistorische Untersuchung der Zwischendecke von Architektin Rosa Sigmund, der Gebietsverantwortlichen für Architektur, profane Bauten im Vinschgau mit Seitentälern sowie dem Passeiertal erstellen. Diese sollte Klarheit über das Baualter der Decke und den Treppenaufgang schaffen. Die Baukommission der Gemeinde Latsch genehmigte im Juni 2015 das Projekt und stellte die entsprechende Baukonzession aus.

Veränderter Treppenlauf

Im ersten Obergeschoss fungierte der mittlere Saal als Verteilerraum für die angrenzenden Räume: Küche und Stube im Westen und im Osten der große Speisesaal. Über einen Treppenaufgang hinter dem südlichen Hauseingang gelangte man in den zentralen Saal. Hier lassen sich barocke Elemente ablesen, wie im Kurzbefund dokumentiert ist: „Die barocke Balkendecke des Raumes besteht aus sechs Ost-West-gespannten, im Mittel 20 x 24 Zentimeter starken Deckenbalken und darauf gelagerten vier Zentimeter dicken Deckenbrettern, die in ihrer Bauzeit rein schon aus Brandschutzgründen einen Mörtelboden trug.”

Schnitt. Foto: Dell’Agnolo-Kelderer
Schnitt. Foto: Dell’Agnolo-Kelderer
Legende Schnitt. Foto: Dell’Agnolo-Kelderer
Legende Schnitt. Foto: Dell’Agnolo-Kelderer

Doch es wurde deutlich, dass der Treppenlauf das Ergebnis eines Umbaus aus dem 20. Jahrhundert ist. Denn ursprünglich „startete der Treppenlauf vor der Südmauer des Saals, winkelte in der Raumecke Richtung Norden um, um in der Raummitte auf ein Mittelpodest zu münden, von dem aus man einerseits Richtung Osten durch die nun wieder geöffnete Türe in die östlichen Wohnräume des zweiten Obergeschoßes ein- und andererseits Richtung Süden über drei Stufen in den Mittelsaal austreten konnte.”

Der ursprüngliche gewinkelte Treppenlauf öffnete sich zu dem repräsentativen Saal hin und „am Austritt aus dem Treppenlauf […] bot sich der freie Blick auf die Stuckdecke mit dem großen Deckengemälde der ,Verkündigung an Maria‘.” Doch die geringe Raumhöhe des Saals schränkte die Lesbarkeit des Deckengemäldes stark ein, obwohl sie von Beginn an so tief lag: „Sie war der Anpassung der barocken Deckenniveaus an die im frühgotischen Kernbau vorgegebenen Geschoßhöhen geschuldet.”

Die Ostfassade wurde in Holz neugestaltet. Foto: Dell’Agnolo-Kelderer
Die Ostfassade wurde in Holz neugestaltet. Foto: Dell’Agnolo-Kelderer

Zwei Hauptphasen des Gasthofs Zum Riesen

Anhand der bauhistorischen Untersuchung wurde die Öffnung der Zwischendecke schließlich geöffnet, sodass nach den Umbauten eine Betrachtung des Gemäldes aus dem dem darunterliegenden Geschoss möglich ist. Da jedoch die Binnenzeichnungen der barocken Malerei im Saal stark reduziert waren, waren die Motive zum Teil nicht mehr erkennbar.

Die ältesten Gebäudeteile des einstigen Bauernhofs reichen bis ins 14. Jahrhundert zurück. Foto: Dell’Agnolo-Kelderer
Die ältesten Gebäudeteile des einstigen Bauernhofs reichen bis ins 14. Jahrhundert zurück. Foto: Dell’Agnolo-Kelderer

Die Dokumentation der Restauratoren Markus Pescoller und Tim Rekelhoff macht deutlich, dass frühere Reinigungsversuche zu Fehlstellen geführt haben. Die konservatorischen Eingriffe hatten daher zum Ziel, zwei der Hauptphasen des Gasthofes zu zeigen: die barocke und jene des Historismus. Die barocke Phase konzentriert sich dabei auf den mittigen Saal, der Historismus auf die umliegenden Räume, wie im Bericht der beiden Restauratoren zu lesen ist.

Sylvia Dell’Agnolo betreute mit ihrem Bozener Büro Kelderer-Dell'Agnolo den Umbau. Foto: Dell’Agnolo-Kelderer
Sylvia Dell’Agnolo betreute mit ihrem Bozener Büro Kelderer-Dell'Agnolo den Umbau. Foto: Dell’Agnolo-Kelderer

Um die historische Malerei an der Decke freizulegen, wurden erst die späteren Anstriche mit Spachtel, Kerbschnittmessern, Skalpell und Glasfaserstift abgenommen und anschließend wurde die freigelegte Fläche mit Akapad-Radierschwämmchen nachgereinigt. Einige Stellen der Malereien wurde restauriert: „Retusche der Reparaturstellen an der Malerei mit Mineralfarbe, eingefärbt mit Pulverfarben als lasierende Retusche entsprechend dem definierten Konzept.”

Ziele der Umbaumaßnahmen waren die Baugeschichte lesbar zu machen und zugleich den Bau modernen Erfordernissen anzupassen. Foto: Dell’Agnolo-Kelderer
Ziele der Umbaumaßnahmen waren die Baugeschichte lesbar zu machen und zugleich den Bau modernen Erfordernissen anzupassen. Foto: Dell’Agnolo-Kelderer

Schlichtes Steinhaus mit angebautem Holzhaus

Im Zuge der Restaurierung und Sanierung wurde auch die Ostfassade des Gebäudes umgestaltet. Die bestehenden Balkone, der Aufzugschaft und die Zimmer im Dachgeschoss wurden dank einer vorgesetzten Holzkonstruktion vereinheitlicht und integriert. Unter Anleitung des Denkmalamts wurden die Fenster und Fenstertüren saniert und restauriert.

Von Außen ist nun der Wechsel vom schlichten Steinhaus zum angebauten Holzhaus wieder ablesbar. Die Holzfassade beruft sich auf das Material des ehemaligen abgebrannten Stadls. Und im Inneren konnte schließlich der Bodenteil geöffnet werden und so das Deckenfresko wieder zur Geltung gebracht werden. Kein Wunder, dass der Umbau vom Amt für Bau- und Kunstdenkmäler ausgezeichnet wurde.

Preisgekrönt: Der Umbau wurde vom Amt für Bau- und Kunstdenkmäler ausgezeichnet. Foto: Dell’Agnolo-Kelderer
Preisgekrönt: Der Umbau wurde vom Amt für Bau- und Kunstdenkmäler ausgezeichnet. Foto: Dell’Agnolo-Kelderer

Nach den Restaurierungsmaßnahmen  ist im Deckenfresko in der Eingangshalle wieder die  Jakobsmuschel sichtbar. Sie weist darauf hin, dass der Gasthof Zum Riesen früher einmal eine bedeutende Pilgerstätte war – ein gutes Omen: Jetzt machen sicherlich auch wieder viele in Tarsch Station, um in dem besonderen historischen Refugium zu nächtigen.

UmbauDr. Arch. Sylvia Dell’Agnolo, Büro Kelderer-Dell’Agnolo, www.da-k.net, seit 2021 im Vorstand Südtiroler Berufskammer der Architekten

Beteiligte Restauratoren: Marcus Pescoller, Tim Rekelhoff

www.pescoller.it

Ein anderes Gasthaus in Innichen haben Pedevilla Architects entworfen. Erfahren Sie hier mehr zu den Atto Suites.

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