“Haus zum Pudel” von Marazzi Reinhardt

Marazzi Reinhardt haben mit Ihrem „Haus zum Pudel“ nicht nur ein gut gestaltetes Wohn- und Geschäftshaus errichtet, sondern auch einen Teil des Ortsbildes der Schaffhauser Gemeinde Beringen repariert.

Als die Architekten Sergio Marazzi und Andreas Reinhardt das baufällige kleine Haus ausräumten, das sie im Zentrum der ostschweizer Gemeinde Beringen erworben hatten, fielen ihnen verschiedenen Hinterlassenschaften der Vorbesitzer in die Hände. Das Fotoalbum voller Pudelbilder, auf das sie stießen, gab ihrem Projekt umgehend seinen Namen: „Haus zum Pudel“ heißt der Neubau, der inzwischen auf dem Grundstück steht. Das knüpft an Zeiten, als Häuser keine Nummer, sondern eben einen Namen hatten, den häufig ein Bild oder ein Relief an der Fassade illustrierte. Der Name machte das Haus zum Teil der Stadt, verlieh ihm eine Identität. Auch ihr Haus sollte ein wichtiger Baustein des Ortes sein – das war die unbedingte Absicht, mit der Marazzi Reinhardt die Neubebauung des winzigen Grundstücks in Angriff nahmen.

 

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Beringen ist eine Gemeinde vor den Toren Schaffhausens mit rund 5000 Einwohnern und gleichzeitig regionales Zentrum für den Klettgau. Der Bauplatz liegt an einer stadträumlich sensiblen Stelle, an der drei Straßen eine kleine Platzsituation formulieren und an der die offene in eine geschlossene Bebauung übergeht. Der kleine Vorgängerbau war eine unbefriedigende Lösung an dieser Stelle, zumal die Hauptstraße des Ortes genau auf das Grundstück zuläuft, bevor sie direkt davor abknickt. Das sah auch die Gemeindeverwaltung so, die sich in bemerkenswerter Weise für das Projekt engagierte. Sie überließ den Architekten eine Fläche, die direkt an ihr Grundstück angrenzt und auf der 60 Jahre lang ein Kiosk-Provisorium stand. Als Gegenleistung für die Parzelle verpflichteten sich Marazzi Reinhardt, in Ihr „Haus zum Pudel“ einen Wartebereich für die Bushaltestelle zu integrieren, die direkt vor dem Haus liegt. Doch die Gemeindeverwaltung ging sogar noch einen Schritt weiter: Als die Bank den Architekten mitteilte, dass sie für das Ladenlokal im Erdgeschoss keine Finanzierung übernehmen werde, sprang sie kurzerhand ein und überbrückte die Lücke mit einem Kredit aus einem Fond für strategische Fördermaßnahmen. Zukünftig wird im Parterre ein Hofladen zu finden sein – die Wunschnutzung der Bauherren – und mit seinem Angebot die benachbarten Supermärkte ergänzen.

 

Ein Knick öffnet den Platz

Bei der Planung des Gebäudes habe zunächst die Arbeit am Baukörper im Zentrum gestanden, berichtet Sergio Marazzi: „Wir haben uns kein Raumprogramm auferlegt, sondern unser Augenmerk zunächst darauf gerichtet, dem Gebäude an seinem Standort Präsenz zu verleihen.“ Gleichzeitig sollte das „Haus zum Pudel“ die Platzsituation definieren. „Deshalb haben wir zu dieser Seite einen Knick in der Fassade geplant, der die Fläche optisch öffnen soll“, erklärt Marazzi. Bei der äußeren Gestaltung verfolgten die Architekten den Plan, das Gebäude „neu-vertraut“ erscheinen zu lassen, wie es sie es bezeichnen. So beziehen sich die schmalen hochrechteckigen Fenster nach Osten auf eine lokale Typologie: Die Trotten, in denen der lokale Wein gekeltert wird, besitzen traditionell solche schartenartigen Öffnungen. Die Betoneinfassungen der Tür und Erdgeschossfenster nehmen Bezug auf die steinernen Toreinfassungen der Schaffhauser Trotten. Mit dem Oberlicht aus Glasbausteinen, das die Architekten über der Haustür eingefügt haben, verweisen Marazzi Reinhardt dagegen auf den Vorgängerbau, der bereits an gleicher Stelle ein Fenster aus Glasbausteinen besaß.

 

Zwei weitere Gedanken bestimmten die Materialwahl: „Zum einen wollten wir mit unserem Gebäude die Handwerklichkeit feiern“, sagt Sergio Marazzi. Dabei sei es aber nicht darum gegangen, makelloses Kunsthandwerk zu zeigen. Wichtig sei es vielmehr gewesen, die Spuren der Arbeit ablesbar zu lassen. „Das verleiht einem Gebäude Seele“, glaubt Marazzi. Zum anderen sei die Materialwahl unter dem Aspekt erfolgt, möglichst viel selbst entwerfen zu können. „Dazu muss das Material beherrschbar bleiben“, sagt Marazzi. So habe er mit einem Freund tagelang an der Drehbank getüftelt, bis sie eine ästhetische Lösung für die Rohre gefunden hatten, die die teilweise sichtbar verlegten Leitungen aufnehmen. „Wir wollten, dass man sieht, wo der Strom herkommt, wenn man den Lichtschalter bedient“, beschreibt Marazzi das Gestaltungsprinzip. Überhaupt wurde im „Haus zum Pudel“ außen wie innen vieles sichtbar belassen – vom Putz der Fassade, der nicht gestrichen wurde, bis zur den nackten Ziegelwänden in den Wohnungen. Der Akzeptanz hat das keinen Abbruch getan: Die beiden Wohnungen, die der Neubau neben dem Ladenlokal aufnimmt, waren im Handumdrehen vermietet. Und auch die Anwohner begegnen dem „Haus zum Pudel“ wohlwollend und interessiert: „Fast jedes Mal, wenn das Haus betrete oder verlasse, werde ich von Passanten angesprochen“, berichtet Marazzi.

 

Interessiert und wohlwollend haben auch die Klienten von Marazzi Reinhardt das „Haus zum Pudel“ zur Kenntnis genommen. „Wir haben festgestellt, dass unser Projekt einigen Bauherrn die Augen geöffnet hat, was gestalterisch möglich ist“, sagt Marazzi und ergänzt „Entscheidungsfreiheit ist der Vorteil, wenn man sein eigener Bauherr ist. So konnten wir in das Haus ist die Summe unserer Erfahrungen der letzten zehn Jahre einbringen.“

Und auch das Erstlingswerk der Architekten Johannes Busch und Patrick Schürmann ist ein ausgefallenes Wohnhaus. Lesen Sie hier mehr zu dem backsteinrot gefärbtem Betonhaus im Münsterland.