17.05.2021

Öffentlich

Zu einer neuen Botschaftstypologie in Addis Abeba

von Ute Strimmer

Wie kann die bestehende EU-Botschaft unter Berücksichtigung von Sicherheitsstrategien zu einem offenen und kommunikativen Ort werden? Dieser Frage ging David Irmler in seiner Masterthesis an der TU München nach. Er setzte sich mit der Transformation von Botschaftsarealen am Beispiel von Addis Abeba auseinander.

Botschaftsgebäude sind eine gebaute diplomatische Geste, eine Art Visitenkarte. In der Praxis aber geht es aber gleichermaßen auch um Schutz und Technik. Botschaften sind eine Festung, erklärt David Irmler. „Ihre Architektur hat sich im Laufe der Zeit sehr verändert: Von aristokratischen Renaissance-Palazzi bis zu­­ offenen und vermittelnden Gebäude in den Fünfziger- und Sechzigerjahren. Heute sind es Hochsicherheitsarchitekturen – abgeschottet von der Außenwelt.“

Der Entwurf von David Irmler sieht das Dach der EU-Botschaft als Ort der Begegnung. Visualisierung: David Irmler 

Gesandtschaften und Botschaftsgelände waren ein wichtiger Teil der Identität von Addis Abeba

In seiner Masterthesis hat sich der Architekturabsolvent der TU München mit der Transformation eines Delegationsbüros der Europäischen Union aus den Siebzigerjahren in Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens, auseinandergesetzt. Das neue diplomatische Gebäude soll in Zukunft Migrationsströme beeinflussen und flüchtende Menschen vorab informieren, um sie von der gefährlichen Überfahrt nach Europa über das Mittelmeer abzuhalten.

Ein Schlauchboot mit Geflüchteten Menschen vor dem Aufbruch nach Europa. Zeichnung: David Irmler 

Addis Abeba gilt als wichtiger Knotenpunkt für Migration in Afrika. „Äthiopien liegt am Horn von Afrika und hat Verbindungsrouten zur arabischen Halbinsel, nach Ost- und Südafrika sowie zu den nördlichen afrikanischen Staaten am Mittelmeer. Dadurch ist Addis für viele Menschen Durchgangsstation“, erklärt David Irmler. Die Stadtentwicklung dort wurde von Diplomatie beeinflusst: „Bei der Gründung der Stadt in Jahr 1886 vergab man große Flächen an europäische Gesandtschaften. Das führte zu neuen Quartieren. Unterschiedliche Kerne bildeten sich in der Stadt. Gesandtschaften und Botschaftsgelände waren ein wichtiger Teil, die zur Identität von Addis Abeba beigetragen haben.“

Lageplan
Französische Botschaft
Deutsche Botschaft

Öffentlichkeit und Sicherheit sind maßgebliche Entwurfsparameter

 

Alle Grafiken: David Irmler 

Auf die Idee, sich mit Botschaften und deren Architekturen auseinanderzusetzen, kam der 29-jährige angehende Architekt vor drei Jahren bei einem Praktikum in Zürich. Dort wurde er von Freunden angesprochen, an einem Projekt für den Wettbewerb, um die Schweizer Botschaft in Addis Abeba mitzuarbeiten. „Damals hatte ich dafür keine Zeit, weil ich mit dem Studium an der TU München weitergemacht habe. Aber zur Masterthesis kam mir dann noch einmal der Gedanke, sich mit einer Botschaft in Addis Abeba auseinanderzusetzen“, erklärt David Irmler. Seine Arbeit entstand am Lehrstuhl von Benedikt Boucsein. Der 2018 berufene Professor für Urban Design forscht über den Umbau von Stadtquartieren und den damit verbundenen sozialen und gesellschaftlichen Prozessen.

Überblick über die Nachbarschaft
Bestandsgelände
Informelle Wohnsiedlung
Wohnhäuser im Nachbarschaftsquartier der Botschaften

Richard Sennetts Prinzip: „Borders and Bounderies“

 

Alle Zeichnungen: David Irmler 

Transformation stand dann auch im Fokus der Arbeit von David Irmler. Er ging der Hauptfrage nach, wie die bestehende EU-Botschaft in Addis Abeba unter Berücksichtigung von Sicherheitsstrategien zu einem offenen und kommunikativen Ort werden kann. Ein Ort, der zum einen auf den Kontext der Stadt reagiert, zum anderen auf das wachsende Aufgabenfeld Migration. „Öffentlichkeit und Sicherheit wurden dabei maßgebliche Entwurfsparameter“, erklärt David Irmler. „Die Geschichte hat gezeigt, dass Botschaften Ziel von terroristischen Anschlägen wurden. Botschaften mussten sich immer mehr schützen und haben sich zunehmend abgegrenzt. Deshalb war jetzt in meinem Projekt auch eine Antwort auf die Sicherheitsstrategie wichtig. Es geht also nicht darum, Botschaften wieder komplett zu öffnen.“

Was die Migration betrifft, arbeitet die Europäische Union aktuell mit Partnern in Afrika, vor allem der Afrikanischen Union, zusammen, um den Ursachen von illegaler Migration über das Mittelmeer von Afrika nach Europa entgegenzuwirken. Dazu verabschiedeten sie Programme, die nicht zuletzt die sehr kritische Situation in Libyen entschärfen sollen. Doch auch in Subsahara-Afrika muss man an Stellschrauben drehen, damit Menschen nicht aus Perspektivlosigkeit auswandern wollen, betont David Irmler. „Sowohl für Menschen, die sich bereits auf den Weg nach Europa gemacht haben, als auch für diejenigen, die mit dem Gedanken spielen, kann mein Projekt die erste Anlaufstelle darstellen. Das ist hier nun beispielhaft eine Botschaft in Addis Abeba, aber auch an weiteren strategischen Punkten könnten derartige Zentren entstehen, um Menschen an unterschiedlichen Orten frühzeitig zu informieren und ihnen Hilfestellung zu geben.“

Für seine „EU-Botschaft“ entwickelte David Irmler eine neue Botschaftstypologie anhand des Bestandsgebäudes. „Das Besondere an meinem Entwurf ist, dass die Botschaftsmauer der Gegenstand der architektonischen Intervention ist. Diese soll aufgeweicht werden und eine porösere, offenere Struktur bilden. Der bestehende Botschaftsablauf und der Bestand der Botschaft werden dabei nicht verändert. Die Mauer, die bis jetzt den Übergang zwischen privatem und öffentlichem Raum darstellt, muss hinterfragt werden, um den Straßenraum entlang der Botschaftsmauer zu aktivieren. Denn die Botschaft als Ort der Begegnung soll nicht nur eine Adresse für Menschen im Kontext von Migration darstellen, sondern auch den Straßenraum und den angrenzenden Peacock Park städtebaulich verbinden.“ Dieser Ansatz, so David Irmler, basiert auf dem Prinzip von Richard Sennetts „Borders and Bounderies“, in dem die Grundstücksmauer von einer geschlossenen Zellwand (boundaries) in eine durchlässige Membrane (borders) umgestaltet wird.

Ansicht der EU-Botschaft
Axonometrie der EU-Botschaft
Erdgeschossgrundriss der EU-Botschaft
Obergeschossgrundriss der EU-Botschaft

Verantwortungsgefühl für die Nachbarschaften

 

Alle Zeichnungen: David Irmler 

Auch Henri Lefebvres Anspruch „Recht auf Stadt“ diskutiert der angehende Architekt in seiner ausführlichen Bestandsanalyse: Wie fügen sich die Botschaften morphologisch in den Stadtraum von Addis Abeba ein? „Man erkennt, dass diese mit kleinkörnigen Gebäuden große Areale besetzen und sehr verdichteten, kleinteiligen Nachbarschaften gegenüberstehen“, erläutert Irmler . „Ein sehr starkes Ungleichgewicht in der Kommunikation entsteht. Darüber hinaus ist der städtische Raum an den Außenseiten der Botschaften nur sehr schwach nutzbar, während sich in den Nachbarschaften soziales Leben abspielt. Diese Areale sollten der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden: Die Kinder aus der Nachbarschaft und von Botschaftsschulen sollten diese nutzen.“

Auch Gentrifizierung spielt eine Rolle in der Arbeit, denn Botschaften stellen eine Art frühe Form der Gated communities dar. „In Addis Abeba hat sich gezeigt, dass die schnell wachsende Wirtschaft Äthiopiens der letzten 20 Jahre die Stadt sozial gespalten hat, wodurch sich der Gegensatz zwischen arm und reich drastisch vergrößerte“, erläutert David Irmler. „Das ist ein natürlicher Prozess. Die heutigen Quartiere, die aus Hochhäusern neben Wellblechhütten und Botschaften hinter Kilometer langen Mauern bestehen, spiegeln diesen Kontrast wider.“ Gerade weil die Botschaften eine so bedeutende Rolle für die Stadt spielen, wären, so David Irmler, eine Verbindung mit und ein Verantwortungsgefühl für die Nachbarschaften wünschenswert.

Transformationsprozess im Botschaftsareal von Addis Abeba wird Realität

Stephan Auer, seit 2020 der neue deutsche Botschafter in Addis Abeba, fördert mit der Initiative „Ethiopia Skate“ genau diese inklusive Entwicklung und unterstützt den Bau eines  Skateparks in der Nachbarschaft der deutschen Botschaft. „Dass die deutsche Botschaft in Addis Abeba nun aktuell, gerade nachdem ich meine Arbeit abgeschlossen habe, ein so interessantes Nachbarschaftsprojekt in Gang bringt und auf diese Weise ein Austausch zwischen Botschaft und Nachbarschaft entsteht, ist wunderbar“, freut sich David Irmler.“ Denn damit bleibt sein grundlegender Anstoß für einen Transformationsprozess im Botschaftsareal von Addis Abeba nicht nur eine Idee auf Papier, sondern wird Realität.

Mariska Flau ist mit ihrer Masterthesis an der TU München (2020) bei unserer digitalen Preisverleihung „Wer sind die glorreichen 5“ ausgezeichnet worden. Hier berichten wir für Sie über die Kunststoff-Recycling-Station mit Residenzprogramm für Künstler in der westafrikanischen Republik Ghana.

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