Gemeinderzentrum Großweikersdorf von smartvoll Architekten

Das neue Gemeindezentrum im niederösterreichischen Großweikersdorf ist mehr als ein Rathaus. Neben der Gemeindeverwaltung findet ein Vereinshaus und ein Ärztezentrum in dem langgestreckten Bau Platz. Im Interview erklären Philipp Buxbaum und Christian Kircher vom Architekturbüro smartvoll, warum sie zunächst eigentlich gar kein Interesse an dem Projekt hatten.

 

 

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Was ist Außergewöhnliche an eurem Entwurf für das Gemeindezentrum Großweikersdorf?

Philipp Buxbaum: Die Häuserzeile zu durchbrechen und das Gebäude selbst um 90 Grad zu drehen. Wenn du Architektur studierst, wird dir immer beigebracht, die Häuserzeile zu schließen, um den Platz davor zu stärken. In 99 Prozent der Fälle stimmt das auch. Deswegen fühlt sich unser Entwurf im ersten Moment auch an, als würde man einen Hund gegen den Strich streicheln. Dennoch war es gerade diese Entscheidung, die das ganze Projekt des Gemeindezentrums in Großweikersdorf erst so richtig nach vorne katapultiert hat.

Christian Kircher: Nur so konnten wir überhaupt ein Gebäude entwerfen, das heute eine gebaute Willkommensgeste ist, und wir konnten die Freiräume der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. Das Gemeindezentrum ist nicht bloß eine Fassade in der Zeile. Es ist von allen Seiten begehbar und hat Tiefe. Im Vergleich sind bei Verwaltungsbauten und Gebäuden von öffentlichem Interesse in Österreich im Durchschnitt zehn Prozent Freifläche für die Bevölkerung vorgesehen. Wir kommen in Großweikersdorf auf fast 50 Prozent, und diese ist wirklich für alle zugänglich.

 

 

Starker Ort im Zentrum von Großweikersdorf

Welche Entscheidungen würdet ihr, abseits davon, jetzt im Nachhinein noch für besonders wichtig für das heutige Erscheinungsbild des Gemeindezentrums erachten?

PB: Also da muss man ganz an den Anfang zurück. Wir wurden vom Bürgermeister von Großweikersdorf angerufen und gefragt, ob wir an einem Architekturwettbewerb um das Gemeindezentrum teilnehmen möchten. Das haben wir lange intern diskutiert, sind aber zu dem Entschluss gekommen, dass es uns nicht interessiert, am Rand des Dorfes ein Projekt zu errichten. Wir wollten weder weitere Fläche versiegeln noch die Frequenz aus dem Dorfzentrum herausziehen. Wir sind der Meinung, dass ein Rathaus für alle zugänglich sein muss. Auch die Möglichkeit eines Treffpunktes für alle wäre damit zunichte. Also haben wir angerufen, um diesen Wettbewerb abzusagen. Da wurde uns mitgeteilt, dass sich der Bürgermeister und der Gemeinderat dazu entschlossen haben, ein Grundstück im Ortskern von Großweikersdorf zu erwerben. Es handelte sich um eine alte Fleischerei am Hauptplatz, die schon fast zehn Jahre leer steht. Da waren wir sofort dabei.

CK: Man kann also sagen, eine der absolut wichtigsten Entscheidungen für dieses Projekt haben nicht wir, die Architekten, getroffen. Vielmehr war es der Gemeinderat und damit indirekt jeder Bürger und jede Bürgerin der Gemeinde selbst. Nun trägt das Gebäude durch seine Funktionen Rathaus, Arztpraxis und Vereinshaus zur Frequenz im Dorfkern bei und ist wirklich für alle zugänglich.

 

 

Wie viele Themen oder Entwürfe habt ihr bei dem Entwurfsprozess zum Gemeindezentrum Großweikersdorf diskutiert und verworfen?

CK: Keine Entwürfe, aber es waren rund 60 Varianten, die wir für das Gemeindezentrum Großweikersdorf durchgespielt haben. Man weiß ja vorher nie, unter welchem Stein sich die Lösung versteckt. Deshalb muss man jeden einzelnen umdrehen.

PB: Wie so oft bei uns, ist es dann gerade die verrückteste Variante geworden. Es ist aber auch jene, die unserer Meinung nach Großweikersdorf voranbringt.

 

 

Was macht den Entwurfsprozess bei smartvoll aus?

PB: Hier arbeiten viele unterschiedliche Menschen, mit oft widersprüchlichen Vorstellungen. Dennoch haben wir Prozesse entwickelt und eine Vertrauensbasis geschaffen, die jede Meinung zulässt. Wirklich jede Stimme im Büro wird gehört. Es gibt für uns dann kaum etwas Spannenderes, als zu sehen, wie diese unterschiedlichen Meinungen sich langsam zu einem ganzheitlich gedachten architektonischen Entwurf zusammenfügen.

CK: Hinzu kommt, dass in jedem von uns zwei Seelen schlummern.
Die klassisch architektonische: Sie setzt sich mit Material, Licht, Raum und Ästhetik auseinander. Die zweite beschäftigt sich mit gesellschaftsrelevanten Themen und findet ihre Inspirationen abseits der Architektur. So geht es nicht nur uns, sondern auch jedem in unserem Team. Und all diese Themen beeinflussen dann den Entwurfsprozess. Zuletzt ist es die Freiheit, die diesen Prozess bei smartvoll ausmacht. Die Freiheit, die wir uns selbst nehmen, alles zu hinterfragen, nichts als gegeben anzusehen und vieles auch wieder zu verwerfen.

 

 

Kathedralencharakter und Wohlfühlstimmung

Wie sieht es beim Gemeindezentrum Großweikersdorf mit der architektonischen Seele aus: Materialien, Licht, Atmosphäre …?

CK: Holz, Glas und Ziegel bestimmen dieses Projekt. Im Inneren haben wir das Holz
vom Boden bis in den Giebel gezogen. Wenn man das Gemeindezentrum Großweikersdorf betritt,
baut sich ein großes Raumkontinuum vor einem auf, das sich bis hinauf in den großen Sitzungssaal zieht. Das Ganze hat fast einen Kathedralencharakter. Durch das Holz entsteht aber eine Wohlfühlstimmung und eine große Aufenthaltsqualität. Außerdem waren uns die ökologischen Aspekte dieses Materials besonders wichtig. In dieser Menge eingesetzt, entspricht es fast 160 Tonnen CO2. Das Glas macht den Tagesablauf sowie die Jahreszeiten erlebbar und bietet spannende Ausblicke auf das Dorf – ganz besonders auf die Kirche. Es hat aber auch Symbolcharakter und steht für die gewünschte Transparenz in der Demokratie.

PB: Der Ziegel wiederum spielt außen eine besonders wichtige Rolle. Wir wollen den Bewohnerinnen und Bewohnern von Großweikersdorf nicht nur ein Gebäude bauen, sondern ihnen das ganze Grundstück zur Verfügung stellen. Also haben wir ein einzelnes Material vom Dach über die Fassade bis in die neu entstandenen Gassen gezogen. Der Ziegel geht farblich und haptisch in das Pflaster über, und dieses zieht sich auch in den Eingangsbereich des Gemeindezentrums. Das signalisiert ganz intuitiv: All das gehört zusammen, all das gehört euch – eignet es euch an.

 

 

Und die zweite Seele? Welche Themen haben euch abseits der Architektur beschäftigt und inspiriert?

PB: Christian hat die Symbolik des Glases schon kurz angesprochen: Wir wollten Demokratie nicht als etwas Staubiges, Schnödes begreifen, sondern die Prozesse transparent offenlegen. Im großen Sitzungssaal tagt zum Beispiel der Gemeinderat. Und jetzt sieht man sogar von der Straße schon in „das Herz der demokratischen Entscheidungsfindung“. Beschlüsse, Gesetze und Bestimmungen werden nicht mehr hinter verschlossenen Türen getroffen, sondern sind zumindest architektonisch für alle einsehbar. Dafür steht auch, dass wir den Bürgermeister von Großweikersdorf ins Erdgeschoss gesetzt haben. Man geht nicht mehr nach oben zum Herrn Bürgermeister. Er ist auf gleicher Ebene mit allen anderen, und seine Tür steht immer offen.

CK: Ebenso hat uns das Thema Freiraum beschäftigt. Durch die Drehung des Gebäudes sind zu beiden Seiten eine neue Durchwegung und Außenräume entstanden. Stellt man sich das Gemeindezentrum als Torte vor, haben wir die einzelnen Tortenstücke gegeneinander verschoben. Es sind deswegen schmalere und weitere Räume hier zu finden. Ein Durchgang, aber auch Terrassen für die Mitarbeiter und Besucher, Pflanzbeete und ein kleiner Spielplatz. Die Mauern der bestehenden Gebäude zu beiden Seiten haben wir nicht saniert oder irgendwie aufgewertet. Nun spaziert man richtig an der Geschichte von Großweikersdorf entlang. 

Niederösterreich besitzt noch weit mehr bemerkenswerte aktuelle Architektur. Ein neues Buch weist den Weg zu den spannendsten Projekten.