Wohnbau von Baumschlager Eberle in Paris

Baumschlager Eberle Architekten haben einen teils geförderten Wohnbau in Paris realisiert. Es gelang ihnen, das Gebäude harmonisch in den Bestand einzufügen und eine Symbiose aus alt und neu zu schaffen. Dabei legten sie nicht nur auf gute Formgebung, sondern auch auf qualitätvolle Materialität wert.

 

 

In den letzten Jahren sind in Paris ein paar außergewöhnliche Wohnungsbauprojekte entstanden, denn die Stadt selbst engagiert sich seit einiger Zeit sehr für genügend Wohnraum für ihre Bürger. Dabei entstand durchweg anspruchsvolle Architektur, oft von jungen, auch internationalen Büros und nicht nur an der Peripherie. Zudem ist es – anders als in Deutschland – einigen dieser Bauten auch nicht schon von weitem anzusehen, dass es sich um geförderte Vorhaben handelt.

So kommt es, dass das Büro Baumschlager Eberle einen Wohnungsbau-Wettbewerb gewann und 57 frei finanzierte und 47 geförderte Einheiten realisieren konnte. Auftraggeber ist das kulturell orientierte Unternehmen Emerige, das hier mit dem sozialen Wohnbauträger Paris Habitat und dem privaten Immobilieninvestor Inovalis aus Kanada zusammengearbeitet hat. Diese Kooperation spiegelt sich auch in der geforderten Mischnutzung aus Wohnungen und Geschäften wider.

 

 

„Mehr Licht, mehr Ausblick, mehr Grün“

Unter dieser Prämisse gingen Baumschlager Eberle an das Projekt heran. Zudem sollten selbstverständlich die Vorzüge der umgebenden Bauten aus der Belle Époque ebenfalls bei der Planung berücksichtigt werden. „Das Positive der Pariser Gründerzeit gilt es fortzuschreiben, dem neuen Gebäude wird eine unverwechselbare Identität verliehen“, wie sie ihren Ansatz beschreiben.

Die Lage im Osten von Paris, unweit des Bahnhofs Gare de Lyon, direkt an der großen Place Félix Eboué, ist geprägt von Gebäuden aus dem späten 19. Jahrhundert, aber auch von Neubauten. Eine Baulücke war hier zu schließen, der Blockrand zu komplettieren. Dieser zentrumsnahe Ort legte die Mischnutzung aus Geschäften und Wohnungen nahe – oder anders definiert: einen halböffentlichen Raum. Dies ist Baumschlager Eberle durch die Komposition des Gebäudes gelungen. Sie schaffen einen Übergang von der Straße zum privaten Refugium, indem sie eine zweigeschossige Passage vorsehen: Durch diese gelangt man vom hektischen Straßenleben in den ruhigeren begrünten Innenhof. Dennoch ist das Grün für die Passanten sichtbar und wird damit Teil des Platzes.

 

 

Über ein Jahrhundert hinweg

Mit seiner Höhenentwicklung und den weichen Konturen vermittelt das Gebäude geschickt zwischen den beiden Nachbarbauten. Zum niedrigeren, östlichen Belle-Époche-Bau schließen sechs Wohngeschosse und ein aufgesetzter gestaffelter messingfarbener Pavillon an. Währenddessen stoßen acht Wohngeschosse am westlichen Grundstücksrand turmartig auf die Balkone eines modernen Wohnungsbaus. Die helle Kalkputzfassade leuchtet weithin über den Platz hinweg. Sie wird durch messingfarben eloxierte Fensterläden und schattenerzeugende Gesimse horizontal strukturiert.

 

 

Die Architekten heben hervor, dass sogar mehr als ein Drittel der Grundstückfläche für den Grünraum im Hof trotz der zentralen Lage vorgesehen werden konnte. Die Geschäftsführerin des Pariser Büros von Baumschlager Eberle Architekten, Anne Speicher, erklärt es so: „Es liegt in unserer Verantwortung als Planende sorgsam mit dem Vorhandenen umzugehen und etwas Neues, etwas Schönes zu schaffen.“ Im Hof sind, ähnlich wie in einem klassischen Amphitheater, begrünte Stufen als einer wellenförmige Treppenanlage angelegt.

 

 

Heutige Wohnvorstellungen

Die Haltung von Baumschlager Eberle, an diesem Ort etwas Besonderes zu schaffen, ist auch an den Grundrissen abzulesen. Die Wohnungen in den Regelgeschossen umfassen zum größeren Teil drei bis vier Zimmer pro Einheit. Sie orientieren sich entweder zum ruhigen Innenhof oder zum Blick über den Platz. Dabei sind einigen Loggien als private Freiräume und Schallabsorber vorgelagert. Außerdem gibt es zwei exklusive Maisonnette-Wohnungen mit Terrassen oberhalb der Regelgeschosse.

Zeitgenössisch ist auch die Organisation der Wohnungen selbst. Denn das klassische Wohnzimmer, mittlerweile zum Fernsehraum mutiert, hat ausgedient. Dieser Bereich haben Baumschlager Eberle mit dem Speisezimmer und der Küche zusammengelegt. Diese Lösung kommt schließlich nicht nur heutigem Lebensgefühl entgegen, sondern ist dazu noch platzsparend und somit wirtschaftlicher.

 

 

So gelingt es dem Gebäude, nicht nur eine zeitliche Verbindung zwischen Belle Époque und Moderne zu schaffen, sondern auch eine räumliche. Übliche Ansprüche an das Wohnen wie Tucholskys „vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße“ versuchten Baumschlager Eberle durch ihren Spagat zwischen belebtem urbanem Umfeld und der ruhigen Hinterhofidylle zu entsprechen. Der helle Bau hebt von seiner historischen, vorwiegend vertikal gegliederten Umgebung ab und weist ihn als moderne Ergänzung aus. Dagegen werden die sorgfältige Detaillierung und die qualitätvollen Materialien, wie bei seinen älteren Nachbarn, lange Bestand haben. (sas)

 

 

Architekten: Baumschlager Eberle Architekten, Paris
Bauherr: Emerige und Paris Habitat, Paris
Standort: Place Félix Éboué, Paris

Siehe auch die neue Monografie „Baumschlager Eberle Architekten 2010 bis 2020“, erschienen bei Birkhäuser: www.birkhauser.ch/books/

Das Portfolio von Baumschlager Eberle ist vielseitig: Geförderte Wohnungsbau hat dort ebenso Platz wie eine raffiniert gestaltete Villa in Liechtenstein.