Tausche Ghetto gegen Kulturhaus

Alle Jahre wieder listet Dänemark seine Ghettos auf und steht dafür nicht selten in der Kritik. Dieses Jahr sind es mit 15 Wohngebieten knapp halb so viele wie im Vorjahr. Einem dieser Gebiete – Kopenhagens Ghetto Tingbjerg – will das dänische Architekturbüro COBE mit einem Kulturhaus neuen Glanz verleihen.

Jedes Jahr am 1. Dezember veröffentlicht das dänische Ministerium für Transport und Wohnen gemäß des Wohnungsbaugesetzes eine Liste, die die Ghettobereiche des Landes aufführt. 2020 sind es insgesamt 15 Wohngebiete, die den zugehörigen Kriterien entsprechen. Im Vergleich: Die Vorjahrsliste hatte 28 Wohngebiete gelistet. Doch wie werden die Ghetto-Gebiete überhaupt definiert? Siedlungen mit über 1000 Einwohnern sowie mehr als 50 Prozent nicht-westlicher Einwanderer und Nachkommen finden einen Platz auf der Liste des Ministeriums, wenn sie mindestens zwei von vier weiteren Kriterien erfüllen. Dazu gehören der zu hohe Prozentsatz von Einwohnern ohne Beschäftigung, mit Straftaten, mit einem unterdurchschnittlichen Bruttoeinkommen oder die lediglich eine Grundausbildung besitzen.

 

 

Diese Kriterien unterstützen die Befangenheit gegenüber den Gebieten, die der negativ konnotierte Begriff „Ghetto“ mit sich bringt. Einst wurden Juden in den als Ghetto bezeichneten Vierteln von den restlichen Einwohnern getrennt und eingesperrt. Diese Wortherkunft mag erschreckenderweise nicht mehr in unseren Köpfen präsent sein, doch die neuen Assoziationen von Armut, Gewalt, Isolierung und Immigranten sind spätestens seit Elvis Presleys sozialkritischem Ohrwurm verankert. Haben die Einwohner der dänischen Ghettos nicht die gleichen Assoziationen? Werden sie dadurch nicht demotiviert und automatisch zu einem Abbild dieser Assoziationen? Und vor allem: Ist ihre heutige Lage nicht wortgetreu und fremdverschuldet aufgrund ihrer lokalen Lage hervorgebracht? Die meisten als Ghetto deklarierten Gebiete sind durch eine infrastrukturelle Benachteiligung entstanden. So zum Beispiel auch das Ghetto Tingbjerg.

Plan vs. Realität

Das in Kopenhagen gelegene Tingbjerg wurde in den 1950ern vom bekannten Architekten und Stadtplaner Steen Eiler Rasmussen entworfen und in den 70ern fertiggestellt. Der Plan: ein moderner, warmer Vorort im Grünen mit gelben Ziegelsteinhäuschen für Familien mit traditionellem Modell und mittlerem Einkommen. Die Realität: Arbeiterfamilien und Arbeitsmigranten, fehlendes Leben im öffentlichen Raum, keine gepflegten Vorstadtgärten, sinkende Mieten. Die Tatsache, dass es keinerlei Verkehrsanbindung zur Innenstadt oder gar Durchgangsstraßen zu Nachbarorten gab, führte letztlich zu einer geschlossenen Gesellschaft innerhalb Tingbjergs.

Da es das langfristige Ziel der Ghetto-Liste ist, die gesellschaftliche und wirtschaftliche Ausgrenzung von Gebieten wie Tingbjerg zu verringern und die Lebensqualität zu steigern, erfreut es, wenn ein Wohngebiet nicht mehr auf der Liste steht. Dies bedeutet jedoch lediglich, dass erste Schritte in die richtige Richtung erfolgreich bzw. wirkend getan wurden. Denn die Betitelung „Ghetto“ soll hier im dänischen Fall für Probleme sensibilisieren und dabei helfen, Maßnahmen umzusetzen. Entsprechend besteht die Gefahr, dass diese Vorzüge durch die fehlende Nennung auf der Liste entschwinden. Leider besteht aber auch eine Gefahr, dass Maßnahmen, wie der Abriss von Wohnungen, vorsorglich bestehen bleiben.

Wendepunkt: Tingbjergs Kulturhaus von COBE

Tingbjerg steht 2020 immer noch auf der Liste und erfüllt mit seinen 6290 Einwohnern, 73 Prozent davon nicht-westlicher Abstammung, drei von vier Kriterien. Aber es tut sich was: Ein Kulturhaus inklusive Bibliothek ist seit 2018 nach dem Entwurf des dänischen Architekturbüros COBE fertiggestellt. Trotz aller Ghetto-Eigenschaften gelten die Siedlungshäuser von Rasmussen als Eckpfeiler der modernen Architektur Dänemarks mit nationaler Bedeutung. Aus diesem Grund greifen Material und Architektursprache – neu interpretiert – die umstehenden Hausreihen auf. Damit fügt sich das Kulturhaus nicht nur harmonisch in das Viertel ein, sondern auch an eine bestehende Schule an.

 

 

Parallel zur Straße verläuft eine Glasfassade, durch die man von außen Einblicke in unterschiedliche Räume des Kulturhauses gleichzeitig erhält. Die vielfältigen Aktivitäten, die so sichtbar werden, laden ins Innere ein. Vorbei an der Fassade eröffnet sich ein unerwarteter Freiraum, denn die schmalste Stelle des Baus ist nur 1,5 Meter breit – und schnell passiert. Keilförmig ist der Neubau auf die Schule gerichtet und mit ihr an seiner Spitze verbunden. Nahezu fensterlos sind die Wände und das abfallende Dach mit gelben Backstein-Baguettes verkleidet. Im Innern werden jene von helle Holzleisten aufgegriffen. Auch die ruhige Außenform ist im Innenraum zu sehen, doch ist sie nur Hülle für die spannende Dynamik, die die verjüngenden Etagen jeweils mit ihren unterschiedlich ausgeprägten Galerien entwickeln. Das Kulturhaus ist besonders für Kinder ein wichtiger Lern- und Begegnungsort: Vertraut und im gesamten Gebäude zusammensitzend, bringen die Älteren jüngeren Migrantenkindern dänisch bei.

Welche Dynamik indes in Tingbjerg, bei den Einwohnern und den Außenstehenden durch das beeindruckende Kulturhaus entsteht und ob, Tingbjerg sich erfolgreich von der Ghetto-Liste distanzieren kann, bleibt auch im kommenden Jahr abzuwarten. Ebenso welchen Einfluss die Architektur und Stadtplanung darauf hat. Plan des Ministeriums ist es zumindest, bis 2030 ghettofrei zu werden.

 

Ein weiteres Projekt von COBE mit dem Fokus auf Jugendliche und Kinder ist Kids’ City. Hier erfahren Sie mehr.