Brücke der Hoffnung

Im Boomquartier am Londoner Bahnhof King’s Cross haben die Architekten von Moxon eine neue Fußgängerbrücke über den Regent’s Canal errichtet. Das elegante Stahlbauwerk vermittelt zwischen Tradition und Moderne. Damit greift es ein Leitmotiv des Entwicklungsprojektes auf dem ehemaligen Bahnareal auf.

 

 

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Die Gegend um den Londoner Bahnhof King’s Cross war viele Jahrzehnte einer der Hinterhöfe der Stadt, geprägt von Drogenhandel und Prostitution. Wer das Gebiet heute besucht, findet davon nichts mehr. Stattdessen ist auf den alten Bahn- und Industriearealen ein neues Quartier entstanden, dass Einheimische wie Touristen gleichermaßen in Scharen anzieht. Voraussetzung hierfür waren umfangreiche städtebauliche Eingriffe. Die beiden großen Bahnhöfe, die das Gebiet prägen, King’s Cross und St Pancras, wurden aufwendig saniert und zu modernen Verkehrsdrehscheiben ausgebaut. Zwischen den zwei historischen Empfangsgebäuden entstand rund um den neuen Pancras Square ein neues Büroviertel, wo inzwischen unter anderem Universal Music und Google residieren. Der Internetkonzern errichtet dort gerade mit BIG und Heatherwick Studio seine Europazentrale.

 

 

Das Schmuckstück der Revitalisierung von King’s Cross liegt aber auf der anderen Seite des Regent‘s Canals, der sich hinter den großen Bahnsteighallen entlangzieht. Hier lag der Frachthof der King’s Cross Station. Einst lagerten hier Kohlen, Fische und Getreidevorräte, die mit dem Zug in die Hauptstadt gebracht wurden. Die historischen Bauten aus der Frühzeit des Eisenbahnzeitalters wurden in den letzten Jahren instandgesetzt und umgenutzt. Die Coal Drop Yards, inzwischen ein Ladenzentrum, versah Thomas Heatherwick mit einer aufsehenerregenden Dachkonstruktion. Das Granary Building baute das Architekturbüro Stanton Williams zum Sitz der berühmten Kunsthochschule Central Saint Martins um. Und in die Fish and Coal Buildings zog der Designer Tom Dixon mit seinem Studio und einem Flagshipstore ein.

 

 

Zwischen den Welten von King’s Cross

 

Die neue Esperance Bridge von Moxon Architekten vervollständigt nun die Fußgängerinfrastruktur im King’s Cross-Bezirk. Die Brücke schafft eine neue Verbindung vom Büroquartier über den Regent’s Canal zum vormaligen Frachthofareal. Sie entstand an der Stelle einer Vorgängerbrücke von 1821, über die Kohle zu den Lagern und in die Stadt befördert wurde. Diese war in den Zwanzigerjahren abgebrochen worden.

 

 

Die Esperance Bridge nimmt gestalterisch Bezug auf das industrielle Erbe von King’s Cross. Dennoch ist sie klar ein zeitgenössisches Bauwerk. Die rote Farbe und die Verwendung von Metall als Material lassen an die frühen Gusseisenbrücken denken, mit denen der Siegeszug dieses Baustoffs begann. Diese Brücken, allen voran die „Iron Bridge“ über den Severn bei Birmingham, bildeten den Auftakt des modernen Ingenieurbaus und stehen sinnbildlich für die industrielle Revolution in Großbritannien.

 

 

In der Tradition der Eisenpioniere

 

Moxon schaffen mit der Esperance Bridge in King’s Cross ebenfalls ein sehr elegantes Ingenieurbauwerk. Dafür greifen sie auf das Prinzip der Fachwerkbrücke zurück, das schon die frühen Gusseisenbrücken nutzten. Die Architekten überführen diese Bauweise in eine raffinierte Konstruktion, die mit wenigen unterschiedlichen Bauteilen auskommt. Besonders augenfällig wird dies an den Fachwerkträgern der Brücke, die zugleich ihr Geländer bilden. Sie bestehen aus einer Aneinanderreihung in sich verdrehter Metallwinkel. Die Brückenelemente sind dabei so ausgelegt, dass sie abwechselnd auf Druck und auf Zug belastet werden können.

 

 

Den Namen der Brücke wählten übrigens die Kinder der King’s Cross Academy, einer nahegelegenen Schule, aus. Die Schüler wollten mit dem Namen ein Zeichen der Hoffnung während der Corona-Pandemie setzen. Als Inspiration diente ihnen dabei der Espérence Club. Dieser Club war ein wegweisendes Sozialprojekt, das seinen Sitz im nahen St Pancras Viertel hatte. Ins Leben riefen es die beiden Frauenrechtlerinnen Mary Neal und Emmeline Pethick-Lawrence. Kurz vor der Wende zum 20. Jahrhundert unterstützten sie so Mädchen, die als Näherinnen arbeiteten.

Nicht jede Brücke führt ans gegenüberliegende Ufer: Der “Bridge Sprout”, den Atelier Bow-Wow aus Japan in München gebaut haben, endet über dem Fluss!