09.07.2021

Portrait

Erwin Olaf in der Kunsthalle München

von Ute Strimmer

In den Niederlanden ist der Fotograf Erwin Olaf, Jahrgang 1959, ein Star. Jetzt widmet ihm die Kunsthalle München die erste große Retrospektive in Deutschland. Die Bilder des niederländischen Künstlers sind irritierend – und abgründig schön.

Palm Springs, American Dream, Self-Portrait with Alex I, 2018 © Erwin Olaf, Courtesy Galerie Ron Mandos Amsterdam

In Deutschland ist er nahezu unbekannt. In den Niederlanden zählt er neben Anton Corbijn und Rineke Dijkstra zur Elite der zeitgenössischen holländischen Fotokunst: Erwin Olaf. Eine erste große Retrospektive des 1959 geborenen Künstlers zeigt aktuell die Kunsthalle München („Unheimlich schön“, bis 26. September 2021). Über 220 Fotografien, Videos, Skulpturen und multimediale Installationen aus 40 Jahren beleuchten die Entwicklung von analog zu digital und vom rebellischen Foto-Journalisten zum raffinierten Geschichtenerzähler. Seine Bilder sind mit ihrer aus Film- und Werbeindustrie entlehnten Ästhetik dabei nur vordergründig makellos und plakativ.

Erwin Olaf 2021 © Erwin Olaf Courtesy Galerie Ron Mandos Amsterdam

Fotoaufnahmen so aufwendig wie eine Filmproduktion

„Bereits ab den 1990er ­Jahren griff der Künstler für die Realisierung seiner Serien auf ein Team von Spezialisten für Maske, Kostüm und Bühnenbild zurück“, erklärt Kunsthallen-Direktor Roger Diederen. „Projekte nahmen zusehends den Umfang großer Filmproduktionen an. Wenige Jahre später begann Erwin Olaf zudem, die digitale Fotografie samt den Möglichkeiten der Bildmanipulation zu nutzen. Das Ausloten des Verhältnisses zwischen Fakten und Fiktionen ist bis heute ein wesentliches Merkmal seines künstlerischen Schaffens. Erst in den letzten Jahren hat er damit begonnen, seine Serien auch ausgehend von bereits existierenden Orten zu konzipieren und damit die Grenzen zwischen Realem und künstlerischer Fiktion immer mehr verschwimmen zu lassen.“

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Die Serie „Im Wald“ schuf Erwin Olaf speziell für die Ausstellung in der Kunsthalle. Sie ist ein Novum in seinem Werk, denn hier hat der Künstler zum ersten Mal im Freien fotografiert: in den deutschen und österreichischen Alpen. „In meinen Serien verarbeite ich das, was ich in den Medien mitbekomme und was mich zum Nachdenken anregt“, erläutert Erwin Olaf. „Ich überlege mir dann, wie ich diesen Themen mehr Raum, mehr Fläche geben kann. Zum Beispiel in meiner neuen Serie ,Im Wald‘, in der ich mich mit der enormen Zunahme von Reisen auseinandergesetzt habe. Diese werden ja nicht nur von Geschäftsreisenden und Touristen unternommen, sondern auch von Einwanderern oder auch Flüchtlingen. Aber auch der Klimawandel und die Arroganz des Menschen gegenüber der Natur sind in dieser Serie von Bedeutung.“

Im Wald, Auf dem See, 2020 © Erwin Olaf - Courtesy Galerie Ron Mandos Amsterdam

Gesellschaftskritischer Blick

Das politische und soziale Interesse des Fotografen zieht sich durch sein gesamtes Œuvre. So prangert Erwin Olaf in der Serie „Palm Springs“ unter anderem den Klimawandel an. Dieser ist deutlich sichtbar an dem gelben Rasen, der den Pool der kalifornischen 1960er-Jahre Villa rahmt. In seinen Arbeiten verhandelt Erwin Olaf außerdem gesellschaftskritische Fragen wie Gleichberechtigung oder Demokratie. Und bis heute gehört er selbst, der offen lebende Homosexuelle, zu den prominenten Stimmen, die sich in den Niederlanden für das Recht des Einzelnen auf Selbstbestimmung einsetzen.

Erwin Olaf beginnt als Journalist

In den 1980er Jahren begann der angehende Journalist Erwin Olaf (Studienabschluss 1980 in Utrecht) zunächst mit Fotografie. Der gebürtige Hilversumer möchte Geschichten lieber mit Bildern statt mit Worten erzählen. Er geht nach Amsterdam und setzt dort die queere Welt in Szene. Erste dokumentarische Fotoserien entstehen, die er in internationalen Publikationen der LGBT-Szene veröffentlicht. Die Bekanntheit des jungen Skandalfotografen nimmt zu. Aufträge des „New York Times Magazine“, der „Vogue“ oder „Vanity Fair“ folgen. Seine zum Teil provokanten Arbeiten – Erwin Olaf lichtete sich und seine Szene ab und an mit viel Sperma ab – bringen dem Jungen Wilden Engagements von Luxus-Modelabels (Louis Vuitton), Unternehmen und Kulturinstitutionen ein. Davon finanziert er sein freies künstlerisches Schaffen.

Berlin, Stadtbad Neukölln – 23rd of April, 2012, 2012 © Erwin Olaf - Courtesy Galerie Ron Mandos Amsterdam

Erwin Olaf entwickelt sich weiter zu einem Künstler, der als Regisseur geradezu cineastische Fotografien erschafft, die durch eine mystische Stimmung geprägt sind. „Nach vier oder fünf Jahren im Bereich der journalistischen Fotografie wollte ich lieber meinen Träumen nachgehen“, macht Erwin Olaf deutlich. „Ich wollte Gefühle erzeugen, wie ich sie früher im Kino erlebt hatte. Dieses Phänomen, dass man in einem Film sitzt und anfängt zu weinen, weil jemand ein Stück Zelluloid an ein anderes geklebt hat; und hätte man die Filmstreifen anders aneinandergesetzt, würde es eine völlig neue Emotion hervorrufen – zum Beispiel schallendes Gelächter. Diese Möglichkeit, seiner eigenen Vorstellungskraft in der Kunst Gestalt zu verleihen, das wollte ich auch in meiner Fotografie verwirklichen.“

April Fool 2020, 09.45am, 2020 © Erwin Olaf - Courtesy Galerie Ron Mandos Amsterdam

Richard Avedon als Vorbild

Inspirieren ließ er sich von Richard Avedon. Er war einer der wenigen Fotografen, die beides konnten, einerseits Träume und Fantasien wiederzugeben, andererseits dokumentarisch zu arbeiten, erklärt Erwin Olaf. „Diese Gabe ist wirklich selten. Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, in einer Welt, die in Staub und Asche lag, hatte Avedon mit seinen Modefotografien zunächst fast surreale Zufluchtsorte kreiert.“ Angefangen hat Erwin Olaf als traditioneller Schwarz-Weiß-Fotograf. „Mit einer Hasselblad-Kamera in der Hand“, erzählt der Wahl-Amsterdamer. „Heute mache ich auch 3D-Fotografie, kombiniert mit klassischen Drucktechniken, aber auch mit Filmen in Zeitlupe, im Feature- oder sogar Spielfilm-Stil“.

Palm Springs, The Family Visit, The Niece, 2018 © Erwin Olaf - Courtesy Galerie Ron Mandos Amsterdam

Um zum Nachdenken anzuregen, spielt der Künstler in seinen gemäldehaften Fotografien mit Symbolik. „Er nutzt Stereotypen und setzt ikonografische Verweise, die dazu anhalten, die Leerstellen der Erzählung mit eigenen Gedanken, Interpretationen und Erfahrungen zu füllen“, erklärt Kunsthallen-Kuratorin Anja Huber. „Das reiche Formen­ und Typenrepertoire, aus dem Olaf hierfür schöpft, findet er unter anderem in der Kunstgeschichte, insbesondere in der Malerei. Sie liefern ihm Ideale, Vorbilder und Gegenentwürfe, an denen der Fotograf sich bei der Konzeption seiner Werke orientiert, misst und abarbeitet.“

Ein Beispiel dafür ist in der Münchner Schau das Mädchen auf „Clärchens Ballhaus Mitte – 10th of July“ (2012). Das Bild ist aus der Serie „Berlin“. Ruhig steht sie in dem berühmten Tanzlokal. Doch sobald sie sich sicher ist, dass ihr jemand folgt, wird sie die Treppe hinter ihr hochgehen. „Ein Indiz für ihre Profession liefern die drei leicht bekleideten, grell geschminkten Frauen, die an der Seite des Raumes an einem Tisch sitzen. Sie erscheinen wie Reinkarnationen der Prostituierten aus Otto Dix’ Gemälde ,Salon I‘ (1921)“, verrät Kuratorin Anja Huber.

Berlin, Clärchens Ballhaus Mitte – 10th of July, 2012, 2012 © Erwin Olaf - Courtesy Galerie Ron Mandos Amsterdam

Katalog und Audioguide

Alle in München gezeigten Arbeiten stammen vor allem aus dem Studio des Künstlers. Aber auch aus der ihn vertretenden Galerie Ron Mandos in Amsterdam. Der im Hatje Cantz Verlag erschienene Begleitband bildet den Großteil davon großformatig ab. Zur Ausstellung gibt es außerdem eine kostenlose Audio-Tour mit Kommentaren von Erwin Olaf. Im Frühjahr 2021 beim DOK.fest München war der Film „Erwin Olaf – The Legacy“ des niederländischen Regisseurs Michiel van Erp zu sehen.

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