Entdecke Wien: Die Stadt des Kindes

Baumeister-Academy Gewinnerin Natalie hat sich jeden Monat ein Gebäude vorgenommen. Es sind Architekturen jenseits der bekannten Wiener Klassiker, die es aber wert sind genauer betrachtet zu werden. Dieses Mal widmet Sie sich dem Haus des Kindes. Einst ein Kinderheim, stand es kur vor dem Abriss und bietet heute Wohnungen für Familien. 

Auf den ersten Blick scheint die Stadt des Kindes ihrem Namen gerecht zu werden: Offene Strukturen, eine farbenfrohe Gestaltung und kindgerechte Außenanlagen ermöglichen den jungen Bewohnern sich zu bewegen und zu begegnen. Für die Eltern wiederrum ist es ein Privileg am Rande des Wiener Waldes zu wohnen. Städtebaulich organisieren sich zwei Zeilenbauten und sechs Mehrfamilienhäuser linear um einen Straßen- und Grünraum. Teile des Areals stammen aus dem Jahr 1974, der Großteil aus 2013. Die Bau- und Nutzungsgeschichte der Stadt des Kindes ist in Wien keine unbekannte.

Ideal und Realität

Das als Idealstadt geplante Kinderheim war zur Zeit der Errichtung in architektonischer wie pädagogischer Sicht einzigartig. Mit großzügigen Freiräumen und einem infrastrukturellen Angebot schuf der Architekt Anton Schweighofer das Gegenteil der üblichen geschlossenen Bauweise von Heimen. Laubengänge und Brücken verbanden die Familienhäuser mit den Zeilenbauten und förderten die Kommunikation der jungen Bewohner untereinander. In familienähnlichen Wohngemeinschaften lebten bis zu 300 Kinder zwischen drei und neunzehn Jahren. Viele von ihnen erinnern sich an ein fröhliches Heranwachsen mit vielen Freiheiten, glaubt man den zahlreichen Berichten und Reportagen über die Stadt des Kindes. Die Idylle hielt etwa zwei Jahrzehnte, ehe in den 1990er Jahren Gewalt und Drogenmissbrauch Einzug hielten. 2002 schloss das Heim, was unter anderem auch daran lag, dass die Stadt Wien beschloss verwaiste oder vernachlässigte Kinder dezentral in Pflegefamilien unterzubringen. Leerstand und Verfall bedrohten die bauliche Substanz der Anlage, die man nie unter Denkmalschutz stellte.

Teilabriss und Revitalisierung

Einwände von Architekturinstitutionen aus In- und Ausland und massive Proteste von Architekturstudenten verhinderten den Total-Abriss. Heute existieren von der „Idealstadt“ noch zwei adaptierte Familienhäuser und ein Bau mit Hallenbad. Die Neubauten orientieren sich an städtebaulichen sowie formal- und farbgestalterischen Aspekten der Vorgängerbebauung und bilden mit ihr ein homogenes Bild. Typologisch weichen sie von ihren unmittelbaren Nachbarn ab: Zwar führen Wege vom Hof zu den Wohneinheiten, es reihen sich aber auch private Gärten um den öffentlich zugänglichen Grünraum. Das formale Band, als Anlehnung an die Laubengänge, entpuppt sich als eine Aneinanderreihung geschützter Balkone. Schweighofers umfangreiches Konzept für die Stadt des Kindes geht im neuen Teil verloren, zumal Verbotsschilder innerhalb der Anlage wie „Fahrradfahren verboten“ die Vorherrschaft der Eltern betonen. Sicher hätte der ursprüngliche Baubestand Potenzial zur Erprobung alternativer Sanierungs- und Wohnkonzepte geboten. Bemühungen des Architektenteams der Neubauten scheiterten an politischen Entscheidungen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.

Wohnanlage für Familien

Heute leben in der Stadt des Kindes Eltern mit ihrem Nachwuchs in Eigentumswohnungen. Aus der Stadt des Kindes ist eine Wohnanlage für junge Familien geworden.

Alle Bilder von Natalie Burkhart

 

Die Baumeister Academy ist ein Praktikumsprojekt des Architekturmagazins Baumeister und wird unterstützt von GRAPHISOFT und der BAU 2019.