Bauhaus und Amerika

Das Bauhaus lockerte die strengen Grenzen zwischen bildender, darstellender und angewandter Kunst. Die Ausstellung „Bauhaus und Amerika. Experimente in Licht und Bewegung“ in Münster richtet den Blick auf die wechselseitige Beziehung zwischen den nach Amerika emigrierten Bauhäuslern und den dort ansässigen Künstlern. Wir haben uns mit der Co-Kuratorin Kristin Bartels über die Ausstellung unterhalten.

Baumeister: Was hat Sie dazu inspiriert, diese Ausstellung zu machen?

Kristin Bartels: Unser Ausstellungskonzept besteht darin, zu zeigen, wie das Bauhaus nach Amerika kam und  dort in Interaktion mit amerikanischen Kunst- und Kulturschaffenden neue Kunstrichtungen beeinflusst hat. Hierzu haben wir uns grundsätzliche Fragen gestellt: Womit haben sich die Bauhäusler eigentlich befasst? Was macht das pädagogische Konzept des Bauhauses aus? Und in diesem Sinn: Wie haben die Künstler dieser Kunst- und Designschule die visuellen Erscheinungsformen ihrer Gegenwart in Architektur, Design und Kunst zum Ausdruck gebracht? Wir konzentrieren uns dabei vor allem auf das Bauhaus von Walter Gropius, der das Bild des Bauhauses in Amerika – und rückwirkend dann auch in Europa – entscheidend prägte. Der experimentelle Charakter des Bauhauses, seine Interdisziplinarität und Intermedialität stehen dabei im Fokus. Die Bauhaus-Bühne und ihre Zusammenführung von bildender und darstellender Kunst sind dabei extrem wichtig.

Baumeister: Welche Rolle spielte dabei Amerika?

Schon in den 1920er-Jahren wurden die Bühnenarbeiten in den USA rezipiert, 1926 fand zum Beispiel eine große Theaterausstellung in New York statt. Doch auch in den folgenden Jahrzehnten gab es große Aufmerksamkeit für die Bühnenarbeiten am Bauhaus unter der Leitung von Oskar Schlemmer. Zudem spielt die Lichtkunst in unserer Ausstellung eine zentrale Rolle. Die ist nämlich nicht in Amerika entstanden, sondern war bereits am Bauhaus ein wichtiges Thema. Sie wurde aber in Amerika durch verschiedene Institutionen, wie dem von György Kepes gegründeten Center for Advanced Visual Studies am MIT in Cambridge, insbesondere in den 1960er Jahren konkret gefördert, die eine Zusammenführung von Kunst, Wissenschaft und Technologie anstrebten – sozusagen eine Weiterentwicklung der Bauhaus-Devise: Kunst und Technik – eine neue Einheit.

Movement Study
Bewegungsstudie; Erich Consemüller (German, 1902 - 1957); 1926–1927; Gelatin silver print; 17.5 × 12.5 cm (6 7/8 × 4 15/16 in.); 84.XM.127.25

„Der Licht-Raum-Modulator von László Moholy-Nagy ist das Schlüsselwerk unserer Ausstellung.“

Baumeister: Gibt es eine bestimmte Arbeit, die für die Ausstellung eine besondere Bedeutung hat?

KB: Der Licht-Raum-Modulator von László Moholy-Nagy ist das Schlüsselwerk unserer Ausstellung. Dieses Werk vereint auf anschauliche Weise Licht und Bewegung in sich . Er gilt heute als die erste kinetische Skulptur dieser Größe, auch wenn er eigentlich nicht als Kunstwerk geplant war, sondern als ein Projektionsapparat, der bewegte Lichtbilder erzeugt. In dieser Funktion prägte er entscheidend die Entwicklung der Lichtkunst – man denke nur an die Lichtballette von Otto Piene, von denen wir auch eines in der Sammlung haben. Zugleich ist dieser Apparat Gegenstand des experimentellen Films, der in unserer Ausstellung eine ebenso große Rolle spielt wie die experimentelle Fotografie. Somit bündelt der Licht-Raum-Modulator von Moholy-Nagy, der als „Lichtrequisit einer elektrischen Bühne“ betitelt ist – da haben wir auch den Theaterbezug – sämtliche Aspekte, die wir unserer Ausstellung zeigen.

„Das Bauhaus hat die amerikanische Kunst nicht neu erfunden.“

Baumeister: Welche Rolle spielt die Bauhaus-Pädagogik für die Verbindung nach Amerika?

KB: Wir haben uns auf die Kunsthochschulen und Colleges konzentriert, an denen auch Bauhäusler lehrten, wie das Black Mountain College in North Carolina, die Yale University in New Haven und das New Bauhaus in Chicago. Unsere Hauptpersonen sind dabei Josef und Anni Albers, László Moholy-Nagy, Xanti Schawinsky, ein Assistent und späterer Kollege von Oskar Schlemmer, sowie György Kepes, der mit dem Bauhaus assoziiert war. Alle diese Personen haben pädagogisch gearbeitet und sich mit dem Thema Licht und Bewegung auseinandergesetzt. Daher haben wir versucht deren Einfluss in Amerika nachzuzeichnen. Es wäre jedoch ein Irrtum anzunehmen, dass dieser Einfluss nur einseitig wäre. Das Bauhaus hat die amerikanische Kunst nicht neu erfunden, das wäre ein falsches Narrativ. Uns geht es vielmehr um die Interaktionen mit amerikanischen Kunstschaffenden, wie John Cage, Barbara Morgan oder Robert Rauschenberg, durch die die neuen Kunstentwicklungen sozusagen beflügelt wurden. Der Verdienst der emigrierten Bauhäusler lag hier vor allem darin, dass sie ihre Expertise in der Ausbildung von Künstlern mit nach Amerika brachten. Josef Albers hat zum Beispiel am Black Mountain College die Sommerkurse initiiert und gezielt die Interdisziplinarität und das künstlerische Experiment gefördert.

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Xanti Schawinsky, Spectodrama, 8: Gebäude (Spannung), 1937, © The Xanti Schawinsky Estate

Baumeister: Spielt für die ausgestellten Kunstformen auch die Musik eine Rolle?

KB: Wir hatten das neulich diskutiert, die Frage lässt sich nicht so einfach beantworten. Einigen Künstlern ging es darum, Musik in der Malerei oder im Medium des Filmes zu visualisieren, so etwa bei Kandinsky, Oskar Fischinger oder Mary Ellen Bute. Anderen ging es wiederum eher darum, Malerei in Bewegung zu versetzen, wie etwa bei Viking Eggeling und seinen geometrischen Formen, die in Bewegung geraten. Auch bei Moholy-Nagy spielte Musik eine Rolle. Bereits in den 1920er-Jahren hat er sich mit synthetischer Klangerzeugung und experimenteller Musik auseinandergesetzt. In Amerika erfuhr das Experimentelle in diesem Zusammenhang eine Zuspitzung, insbesondere durch John Cage, der bereits am von Moholy-Nagy geleiteten New Bauhaus eine Klasse für experimentelle Musik betreute, bevor er  – eingeladen von Josef Albers – an das Black Mountain College kam.

 Baumeister: Wir sind auf einmal bei einem ganz anderen Thema angekommen…

KB: So ist das Bauhaus!

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Momentaufnahme von Robert Rauschenberg in seiner Performance „Pelican“, 1965. Foto / Quelle: Paula cooper gallery, new york

Baumeister: Wie konnten Sie die ganzen Exponate nach Münster holen?

KB: Durch Recherche, durch intensive Recherche! 

„Ach, ich würde die Exponate gerne behalten!“

Baumeister: Geben Sie die wieder her?

KB: Ach, ich würde sie gerne behalten! Wir haben in der Tat sehr viel Glück gehabt, was zum Teil auch daran liegt, dass wir den Ausstellungsreigen zum 100. Geburtstages des Bauhauses so früh eröffnet haben. Es gibt Institutionen, die jetzt Veranstaltungen machen und Objekte ausstellen wollen, die momentan bei uns sind. Wir haben Fotografien der Bauhaus-Tänze von Oskar Schlemmer aus dem J. Paul Getty Museum in Los Angeles, die wirklich essentiell für unser Konzept sind, da sich hier der Umgang mit Licht und Bewegung auf der Bauhaus-Bühne manifestiert. Das Harvard Art Museum in Cambridge hat uns außerdem den Licht-Raum-Modulator ausgeliehen, von dem es nur drei Repliken gibt. Aus dem Folkwang-Museum in Essen oder dem Centre Pompidou in Paris stammen zudem einige Fotogramme von Moholy-Nagy, die wir in der Ausstellung zeigen können. Wir sind da großzügig unterstützt worden, worüber wir uns sehr freuen.

Baumeister: Wie nimmt das Publikum die Ausstellung auf?

KB: Ich glaube, die Besucherinnen und Besucher sind überrascht, weil sie viele der ausgestellten Werke im Zusammenhang mit dem Bauhaus nicht erwartet haben. Da gibt es Cage, da gibt es Rauschenberg und James Turrell, aber auch zeitgenössische Positionen von Barbara Kasten oder Tauba Auerbach. Der Vorteil dieser Ausstellung ist, dass die Werke alle sehr sinnlich sind: viel Lichtkunst, viel kinetische Kunst. Man kann die Werke einfach auf sich wirken lassen. Und letztendlich ging es bei diesen Werken ja auch darum. Deswegen kommen sie auch gut an.

Judith Frey: Das kann ich bestätigen! Das lässt sich auch innerhalb der sozialen Medien ablesen. Lichtkunst – das kann man erleben und schön finden. Einige Besucher kommen sogar gezielt, um bestimmte Exponate zu sehen. So berichtete eine jüngere Besucherin, wie toll es für sie war, den Licht-Raum-Modulator von Moholy-Nagy in Aktion zu erleben.

 

Die Ausstellung lief bis zum 10. März. Für diejenigen, die es nicht in der Zeit geschafft haben, lohnt sich ein Blick in den sehr empfehlenswerten Ausstellungskatalog

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