Entdecke Rotterdam: Die Van Nelle Fabrik

Rotterdam ist für seine experimentierfreudige Architektur der Nachkriegszeit bekannt. Viele berühmten Architekturbüros haben sich hier verewigt – OMA, MVRDV, Renzo Piano oder Bentheim Crouwel sind nur einige davon. Dennoch haben einige Bauten die Zerstörung des Zweiten Weltkriegs überstanden. Unsere Baumeister Academy Gewinnerin Alexandra hat sich auf die Suche nach den Überbleibseln gemacht und stellt in dieser Serie Industriebauten in Rotterdam vor. Nachdem sie letzten Monat Het Industriegebouw vorgestellt hat, widmet sie sich heute der Van Nelle Fabrik. 

Van Nelle Axonometrie-deutsch

Aus einer ehemaligen Fabrik für Tabak, Kaffee und Tee wurde eine Veranstaltungshalle und ein Bürokomplex. Nach außen hin elegant und filigran, nach innen offen und lichtdurchflutet steht sie da: Die van Welle Fabrik – eines der wohl wichtigsten Baudenkmäler Rotterdams. Gerade Linien, klare Kanten und das Wiedererkennungszeichen – schrägen Glasbrücken, die die Fabrik mit dem Speditionsgebäude verbinden kennzeichnen den Industriebau. Modern und zeitlos erstrahlt Van Nelle auch noch nach über 90 Jahren.

Die im Norden Rotterdams liegende Fabrik gibt den Auftakt des Industriegeländes „Spaanse Polder“, direkt am Ufer des Flusses Schie. Seit 1986 ist die Van Nelle Fabrik ein Rijksmonument (auf deutsch: Reichsdenkmal), die höchste niederländische Auszeichnung, die ein Gebäude erhalten kann. Dennoch musste die Fabrik 1995 ihre Tore schließen und hat sich nun wieder selbsterfunden. Seit 2014 gilt sie als UNESCO Weltkulturerbe.

Tageslicht aus Amerika

Van Nelle ist das Werk der Architekten Johannes Brinkman und Leendert van der Vlugt und wurde zwischen 1923 und 1931 errichtet. Dank der Begeisterung für Fortschritt und Architektur von dem Auftraggeber Kees van der Leeuw wurde das Gebäude ein Höhepunkt des „Nieuwe Bouwen“ in den Niederlanden. Die Vorbilder der Van Nelle Fabrik, waren amerikanische Produktionsstätten. Insbesondere das Prinzip der „Daylight Factory“ findet sich in der Rotterdamer Fabrik wieder. Das Prinzip sieht vor, das Tageslicht bei der Produktion bestmöglich zu nutzen.

Gläserne Brücken als Markenzeichen 

Direkt am Kanal befinden sich mehrere Lagerhäuser, parallel dazu steht die ehemalige Tabak-, Tee- und Kaffeefabrik. Dazwischen liegen ein Kraftwerk für Dampf und Energie, das Speditionsgebäude, die Garagen und eine Kantine für die Mitarbeiter. Das Hauptgebäude für die Verwaltung und Direktion, ist ein halbrunder Bau, befindet sich am Anfang des Fabrikkomplexes und vervollständigt das Ensemble. Vier Transportbrücken aus Glas und Stahl führen von der Fabrik zum Lagerhaus. Was damals als temporäre Lösung gedacht war, ist noch heute das Markenzeichen der Van Welle Fabrik. Ursprünglich sollten rechtwinklige und gerade Verbindungen die Glasstege ersetzen. 

Innerhalb der Fabrik sorgen gerade Produktionswege für Effizienz und spiegeln das langgezogene des Gebäudes wider. Die 17 Meter tiefen Fabrikhallen werden von beiden Seiten durch große Fenster maximal beleuchtet. Die Konstruktion des Gebäudes selbst besteht aus Stahlbetonstützen und -decken, die etagenweise aus einem Guss entstanden sind. Eine der vielen Innovationen für die Fabrik. Der Grundriss lässt sich flexibel aufteilen und die offene Fassade aus Glas und Stahl verwandelt die Fabrik in einen lichtdurchfluteten Raum. 

Transparenz als Kontrollmechanismus

_Van Nelle Glastüren sogar zum Waschraum
Sogar die Waschräume sind durch Glastüren abgetrennt.

Die Produktion von Tabak, aber vor allem von Kaffee und Tee verlangte nach hohen Hygienestandards, die damals von den Arbeitern eingehalten werden mussten. Daher bot sich die Transparenz an, einen besonders guten Überblick zu schaffen. So konnte man sehen, ob die Arbeiter die Hygienevorschriften einhielten. Die offene Fassade und die gläsernen Türen, selbst im Waschraum, ermöglichten es den Leitern der Fabrik, ihre Mitarbeiter genau zu kontrollieren. Die halbrunde Form des Direktorengebäudes am Eingang verschaffte sogar Einblicke bis in die verglasten Produktionshallen. Auf dem Dach befindet sich ein gläserner Teeraum. Von dort konnte man schon damals bis zu der Wohnsiedlung Spangen blicken, in der die meisten der bis zu 2000 Arbeiter untergebracht waren.

Heute vermitteln, nur wenige im Originalzustand belassene Hallen, eine Vorstellung davon, wie es einst in der Fabrik aussah. Zwischen 2000 und 2004 wurde die Fabrik restauriert. Das Architekturbüro Wessel de Jonge nahm sich des Entwurfes an. Die Fabrik beherbergt nun Büros im Kreativbereich und Veranstaltungsorte. Wessel de Jonge haben ihr Büro ebenfalls in die Van Nelle verlegt. Kunstmessen, sowie Vorträge und Architekturführungen finden regelmäßig auf dem Gelände der Fabrik statt. Aus den oberen Stockwerken der Fabrik eröffnet sich ein Blick auf die Skyline von Rotterdam, eine moderne und dynamische Stadt aus Glas, Stahl und Beton und Van Nelle war ihrer Meilensteine.

Alle Bilder und  Illustrationen von Alexandra Tishchenko

Die Baumeister Academy ist ein Praktikumsprojekt des Architekturmagazins Baumeister und wird unterstützt von GRAPHISOFT und der BAU 2019.