Das Schwarze Museum

 

Die Bauaufgabe, ein Museum für afroamerikanische Geschichte und Kultur zu entwerfen, war keine leichte – aber David Adjaye hat sie mit Bravour gelöst. Eine goldbraun funkelnde Außenhülle und eine unkonventionelle Formensprache heben seinen Entwurf ab von der monoton weißen Marmorlandschaft Washington D. C.’s und bieten einen gelungenen Rahmen für ein Ausstellungsprojekt, das eine ‚andere‘, weil lange unterdrückte, Version der amerikanischen Geschichte erzählen will. Längst steht der architektonische Rang seines Projekts außer Frage. Wie das Museum aber funktioniert, was es ausstellt und wie der eindrucksvolle Bau museal bespielt wird, davon war in der Berichterstattung weniger die Rede. Eine Arte-Dokumentation klärt jetzt über das Museumskonzept dieses hochpolitischen Erinnerungsortes auf.

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Eine Wasserinstallation empfängt die Besucher im "Contemplative Court" oberhalb der Ausstellungsräume.

Zu Wort kommen neben David Adjaye auch der Entwurfspartner Philip Freelon, der Museumsdirektor Lonnie Bunch und und der bedeutende Förderer Kenneth Chenault – selbst Afroamerikaner, denen die persönliche Verbundenheit mit diesem Projekt deutlich anzumerken ist. „Ich dachte an meine Familie“, sagt Chenault, der bei der Eröffnungszeremonie einer der Hauptredner gewesen war, „und an so viele, die ich nicht einmal kannte. Ich glaube, dass sie jetzt endlich Frieden gefunden haben.“

Die Macht der Artefakte

Eines der Haupthindernisse auf dem Weg zur Eröffnung des Museums war dabei ganz pragmatischer Natur: Es gab keine Sammlung. Objekte, die aus dem Umfeld einer diskriminierten Minderheit stammen, wurden – zumal während der Zeit der Sklaverei – viel schlechter dokumentiert als Erinnerungsstücke des weißen Bürgertums. Daher mussten die Museumsleiter auf innovative Recherchemethoden setzen. Fündig wurden ihre Mitarbeiter schlussendlich vor allem in den Kellern, Truhen und Dachböden der Nation. Mehr als 45.000 Artefakte kamen so zusammen, die die Geschichte von Sklaverei, Ausgrenzung und schließlich Emanzipation der Afroamerikaner erzählen.

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Aussen …
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… und innen.

 

Der Raum als Rahmen

Diese Geschichte zeichnet auch der gebaute Rahmen des Museums nach: Von einem niederen und dunklen Untergeschoss, das die beklemmende Stimmung auf den Sklavenschiffen in Erinnerung ruft, geht es über eine freistehende geschwungene Treppe hinauf in die oberen Gebäudeteile, wo helle und lichte Räume sich mit Installationen, Medien und Bühnen der Gegenwart der afroamerikanischen Kultur in den USA widmen. Ein sinnträchtiges Detail ist dabei auch schon die große, freitragende Bentonveranda, die den Besuchern vor dem Eingangsbereich auf der Südseite des Gebäudes Schatten spendet: Sie zitiert eine Bauform, die in Westafrika entstanden war, von dort ihren Weg nach Haiti gefunden hatte und schließlich das Straßenbild in den Städten des amerikanischen Südens prägte, die einen hohen afroamerikanischen Bevölkerungsanteil hatten. Zugleich ist sie ein Element, in dem David Adjaye seinen eigenen, entschieden postkolonialen Architekturansatz verwirklicht hat: Ein funktional geformtes Bauteil, das tradiertes Wissen aufgreift, um zwischen dem Inneren eines Gebäudes und den klimatischen Bedingungen seiner Umgebung zu moderieren.

 

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Das National Museum of African American History and Culture von der Straße aus gesehen. Im Hintergrund: das Washington Monument.

Die Gestaltungskraft der Architektur

Äußere Formen und inhaltliches Programm sind bei David Adjayes Museumsbau eng verwoben – so eng, dass man die formalen und konstruktiven Entscheidungen des Entwurfs nicht würdigen kann, ohne zugleich die kulturellen Bedürfnisse, sozialen Zielsetzungen und persönlichen Anliegen zu kennen, mit denen sie verwoben sind. Das weiß auch Oliver Hardt, der in seiner Dokumentation Planer, Besucher und Förderer des Projekts gleichermaßen zu Wort kommen lässt. Sein vielstimmiges Porträt stellt den nötigen Kontext bereit, um die komplexe architektonische Aufgabe, die auf der Constitution Avenue in Washington D. C. Gestalt angenommen hat, verständlich werden zu lassen. Der Film zeigt auf, wie viele Ideen und Pläne in dieses Projekt eingeflossen sind, lange bevor David Adjaye begonnen hatte, an den Entwürfen zu arbeiten. Mit den begeisterten Beiträgen von zahllosen Besuchern, die von ihrer Begegnung mit dem Gebäude berichten, macht er aber auch deutlich, wie viele Ideen von gelungener Architektur ihrerseits wieder ihren Ausgang nehmen können.

„Das Schwarze Museum. Ein Monument für die Geschichte und Kultur der Afroamerikaner“ ist bis zum 16. Juli 2018 in der Arte-Mediathek zu sehen. Nähere Informationen zu David Adjayes Klimatheorie, seinen eigenen Bauten und seinen architektonischen Vorbildern finden Sie in der gastkuratierten Mai-Ausgabe des Baumeister.

 

Alle Fotos: Alan Karchmer.