Eine persönliche Reise

 

Wir freuen uns sehr, unseren Lesern ein ganz besonderes Baumeister-Magazin vorstellen zu können: Die gastkuratierte Mai-Ausgabe von David Adjaye. In seinem Heft setzt sich Adjaye vor allem mit dem architektonischen Einfluss klimatischer, geografischer und regionaler Gegebenheiten auseinander. Als Sohn eines Diplomaten, der an vielen unterschiedlichen Orten aufgewachsen ist, wirft er einen persönlichen Blick auf seine afrikanischen Wurzeln und geht der Frage nach, wie die Definition von Heimat und Identität in einer globalisierten Welt aussehen kann.

In einem Interview sprach Baumeister-Redakteur Alexander Russ über Konzept und Inhalt der gastkuratieren Ausgabe.

 

Baumeister: Sie haben Ihre Kindheit an vielen unterschiedlichen Orten verbracht und sind viel gereist. Können Sie uns mehr darüber erzählen?

David Adjaye: Ich bin in Daressalam in Tansania aufgewachsen. Das ist in Ostafrika. Meine Eltern stammen aus Ghana. Mein Vater gehörte zur ersten Diplomatengeneration nach der Unabhängigkeit und wurde mit seiner Familie nach einer kurzen Ausbildung durch die ganze Welt geschickt. Unsere Reisen und der damit verbundene Wechsel von der südlichen zur nördlichen Halbkugel haben mich als Kind und später als Jugendlichen stark geprägt. Es ging von Tansania nach Ghana, von dort weiter nach Ägypten, dann nach Beirut und schließlich nach Europa. Ich war 13 Jahre alt, als wir nach London zogen.

Wie war es für Sie, nach den vielen Ortswechseln in London zu leben?

Von meinem 13. bis zu meinem 19. Lebensjahr war London mein Zuhause. In dieser Zeit bin ich eigentlich nicht gereist. Das änderte sich erst mit dem Beginn meines Architekturstudiums. Ab diesem Zeitpunkt begann ich wieder zu reisen, um die Gebäude zu besichtigen, über die ich im Studium gelesen hatte.

Glauben Sie, dass die besondere Art und Weise, wie Sie aufgewachsen sind, Ihre Arbeit als Architekt beeinflusst hat?

Das ist schwer zu beantworten. Was ich aber definitiv sagen kann, ist, dass ich ein Gefühl von Unvollständigkeit empfinde, wenn ich an einem Ort bin. Ich setze einen Ort immer in Beziehung zu anderen Orten, an denen ich gewesen bin. Für mich ist die Welt eine kontinuierliche Folge von Erfahrungen, die ich im Verhältnis zueinander betrachte, und so könnte man auch mein architektonisches Denken beschreiben.

Sie haben zehn Jahre lang an einer Studie über afrikanische Städte gearbeitet. Was war der Grund dafür?

Ursprünglich ging es dabei um eine persönliche Reise. Während des Architekturstudiums wurden mir häufig Fragen über Afrika gestellt. Das ist mittlerweile 25 Jahre her. Damals wussten die Leute nicht viel über afrikanische Städte, und ich galt als eine Art Stellvertreter des Kontinents. Dabei kannte ich dort nur sechs oder sieben Länder, obwohl es insgesamt 54 gibt. Mir wurde klar, dass ich selbst nicht viel über Afrika wusste. Das war für mich der Grund, mich mehr mit dem Thema zu beschäftigen.

„Für mich ist die Welt eine kontinuierliche Folge von Erfahrungen, die ich im Verhältnis zueinander betrachte, und so könnte man auch mein architektonisches Denken beschreiben.“

 

Was waren die Ergebnisse dieser Studienreisen?

Zu Beginn reiste ich in Länder, von denen mir mein Vater erzählt hatte, die ich als Kind aber nicht kennengelernt hatte. Und ich fuhr in die Länder, in denen ich aufgewachsen war und die ich dann für lange Zeit nicht mehr besucht hatte. In einer zweiten Phase besuchte ich Länder, die eng mit denjenigen verbunden sind, die ich schon kannte. Innerhalb weniger Jahre kam ich auf insgesamt 16 Länder. Daraus stellte ich eine Ausstellung zusammen, die ich an der Graduate School of Design an der Harvard University zeigte, während ich dort unterrichtete. Viele der Ausstellungsbesucher hatten noch nie Bilder von afrikanischen Städten gesehen und mir wurde bewusst, was für eine große Wissenslücke das ist. Deshalb entschied ich mich, die mir verbleibende Zeit dafür zu nutzen, meine Reise durch Afrika zu Ende zu führen.

Erfuhren Sie dabei auch etwas über Ihre eigenen Wurzeln?

Die Eindrücke, die ich dort sammelte, verstärkten bestimmte intuitive Annahmen, was mir bei meiner Arbeit als Architekt mehr Selbstvertrauen gab. Durch die Straßen von Kampala zu gehen, durch die ich schon als Kind gegangen war, oder das Krankenhaus in Daressalam zu besuchen, in dem ich geboren wurde – und Bilder aus der Perspektive eines Architekten zu betrachten, die meine Eltern für mich aus der Erinnerung gezeichnet hatten –, brachte viele Themen zusammen. Mich an die Häuser zu erinnern, in denen ich gewohnt hatte, und dann die Atriumhäuser in Nordafrika oder die Kolonialhäuser in Ostafrika tatsächlich zu sehen, war für mich sehr erhellend.

Die Wahrnehmung von Afrika hat sich stark verändert. Es gibt Ausstellungen über afrikanische Architektur, und in London wurde der Pavillon der Serpentine Gallery von Francis Kéré entworfen. Wie bewerten Sie das?

Ich finde das ungemein spannend! Die Arbeiten von Francis Kéré sind aber nur die Spitze des Eisbergs. In den letzten 200 Jahren wurde afrikanische Architektur überhaupt nicht wahrgenommen. Gegenwärtig gibt es ein Interesse an der Architektur des Kontinents. Dadurch können wir sehr viel darüber lernen, wie wir Dinge in der westlichen Welt architektonisch weiterentwickelt haben. Wir erfahren etwas über die elementare Form.

Die Wahrnehmung afrikanischer Architektur beschränkt sich oft auf soziale Hilfsprojekte wie Schulen oder Kindergärten. Wie könnte sich das ändern?

Wenn man genauer hinschaut, kann man schon heute erkennen, dass in der afrikanischen Architektur neue Entwicklungen begonnen haben. Das liegt daran, dass es eine neue Generation afrikanischer Architekten gibt, die sich der Bedeutung ihrer Wurzeln bewusst ist und die weiß, dass sie viel zum Architekturdiskurs beitragen kann. Das ist meiner Meinung nach die spannendere Perspektive. Hilfsprojekte sind wichtig, sollten aber nicht zum Selbstzweck werden. Afrika steht vor allem für die Grundlagen menschlichen Wohnens, für das Entwerfen klimagerechter Formen und dafür, wie sich Kulturen mit geografischen Bedingungen auseinandersetzen. Das sind die architektonischen Wurzeln des Kontinents.

Sie haben gerade den Zusammenhang von Klima und architektonischer Form angesprochen, der in dieser Ausgabe eine wichtige Rolle spielt. In Ihrem Essay „Klimamoderatoren“ (erscheint  in der Baumeister-Maiausgabe) schreiben Sie, dass Sie dieses Thema seit Ihrem Studium interessiert. Was ist der Grund dafür?

Das hat mit meiner Kindheit zu tun, und mit den Unterschieden, die ich zwischen einem hinduistischen Ashram, einer Moschee in Nordafrika und einem westafrikanischen Schrein als Kind wahrgenommen habe. Mir war sehr bewusst, dass in jedem dieser Gebäude ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren stattfindet. Ein Faktor war die Religion, ein anderer die klimatischen Bedingungen. Ich habe diese Orte auf geradezu haptische Weise erfahren, was mich nachhaltig beeinflusst hat.

„Afrika steht für die Grundlagen menschlichen Wohnens, für das Entwerfen klimagerechter Formen und dafür, wie sich Kulturen mit geografischen Bedingungen auseinandersetzen. Das sind die architektonischen Wurzeln des Kontinents.“

 

Hatten Sie während Ihres Studiums Lehrer, die Ihr Interesse am Zusammenhang zwischen Klima und architektonischer Form unterstützt haben?

Als ich am Royal College of Art in London mein Masterstudium absolviert habe, gehörten Alison und Peter Smithson (Beitrag in der Baumeister-Maiausgabe) ein Jahr lang zu meinen Lehrern. Ihr Einfluss ist kaum zu überschätzen. Sie unterstützten mich dabei, mir meiner Haltung bewusst zu werden. Mein Interesse an Städten geht einerseits auf meine Kindheitserlebnisse und meine Reisen zurück, es hat aber auch mit den großartigen Vorlesungen von Alison Smithson zu tun, in denen sie erklärte, wie man eine Stadt analysiert und wie eine Stadt zu dem wird, was sie ist. Peter Smithson hatte eine sehr eigene Art, über gebaute Formen zu sprechen, und der Begriff des „Climate Moderator“ geht auf Gespräche mit ihm zurück. Dieser Begriff bekam für mich eine sehr weitreichende Bedeutung, denn er lässt sich auf sämtliche Elemente eines Gebäudes beziehen – von einer Dachrinne, einem Fenstersturz oder einem Schattenwurf bis hin zu Vordächern, Veranden und Schwellen. Wenn man das Konzept auch auf globale Standards und kulturellen Normen ausdehnt, wird klar, welche enorme Tragweite es als Instrument der architektonischen Formfindung haben kann.

Wie übertragen Sie diese Entwurfsphilosophie auf Ihren Büroalltag?

Bei der Arbeit am Elektra House, dem allerersten Gebäude, das ich entworfen habe, hat es mich auf geradezu obsessive Weise beschäftigt, wie sehr das wunderschöne nördliche Licht in London ignoriert wird. Stattdessen dreht sich alles um die Fassadengestaltung und um das Mauerwerk. Deshalb habe ich dort ein Haus mit einem einzigen riesigen Fenster entworfen, um dieses Licht einzufangen. Das Haus fängt aber nicht nur das Licht, sondern auch die Umgebung ein, indem es auf die spezifischen Bedingungen des Orts verweist. Ein weiteres Thema, das mir bei diesem Projekt wichtig war, ist der Übergang vom privaten zum öffentlichen Bereich. Der Zugang findet über eine kurze, schmale Passage an der Seite statt, von der aus man sehr diskret in die Privatsphäre des Hauses eintritt. Die Türschwelle macht also in typisch englischer Zurückhaltung kein großes Aufheben. Das findet man im Londoner East End nicht so oft, die Eingangstür geht dort normalerweise direkt auf die Straße.

In Ihrem Essay „Klimamoderatoren“ sprechen Sie auch von einem „weichen Manifest“ der architektonischen Formfindung. Ist das auch ein Manifest gegen die Eventarchitektur der letzten Jahrzehnte?

Vielleicht … Ich habe noch studiert, als diese Art von Architektur aufkam, und sie hat mich nicht besonders überzeugt, auch wenn ich sie technisch interessant fand. Hier war eine Generation am Werk, die für die Realisierung ihrer komplizierten Entwürfe neuartige, noch in der Entwicklung begriffene Technologien verwendete. Ich gehöre zu einer Generation, für die der Computer nichts Neues ist. Die Möglichkeiten, die er bietet, sind für mich nicht dazu da, architektonische Spektakel zu veranstalten, sondern um zu Erkenntnissen zu gelangen, die der Präzisierung meiner Formen dienen.

Was ich an Ihrem Ansatz besonders interessant finde, ist Ihre Idee, die Klimaproblematik über die Formen eines Gebäudes zu lösen und nicht durch Technik. Heute ist es ja genau anders herum.

In meinen Augen hat die Art und Weise, wie umweltbewusstes Entwerfen seit den 1970er-Jahren weiterentwickelt wurde, die Geschichte der Formfindung in der Architektur und die intelligenten Lösungen, die sie zu bieten hat, ignoriert. Das hat dazu geführt, dass der Glaube vorherrscht, Technik könne alles lösen. Es ist ein bisschen so, als würde man das Herz einfach nur unter dem Gesichtspunkt betrachten, dass es Blut durch den Körper pumpt – während es in Wirklichkeit doch viel mehr ist: Der Herzschlag ist das erste Geräusch, das wir wahrnehmen, und der Rhythmus, der das Leben begleitet. Er ist tiefer Ausdruck unseres Menschseins. Für mich war es wichtig, mich auf die ganz elementaren Dinge zurückzubesinnen, denn die Städte wachsen unaufhörlich, und alles verändert sich mit hoher Geschwindigkeit. Das Faszinierende an der Architektur ist, dass sie ständig neue Formen erschaffen muss; sie ist eine kulturelle Antwort auf klimatische Bedingungen und deshalb für die Entwicklung der Menschen, die auf die Veränderungen reagieren müssen, von essenzieller Bedeutung.

Wenn man sich die frühen Arbeiten Le Corbusiers anschaut, fällt auf, dass er sich sehr stark mit traditioneller Architektur beschäftigt hat, zum Beispiel mit der Architektur Nordafrikas, die ihn zur Verwendung von Brise-soleils inspirierte. Man könnte also sagen, dass die frühe Moderne fehlinterpretiert wurde.

Ich stimme Ihnen vollkommen zu! Das ist auch der Grund, warum mir die Arbeiten von Alvar Aalto und Lúcio Costa (Beiträge in der Baumeister-Maiausgabe) in dieser Ausgabe so wichtig sind. Sie werden im Kanon der modernen Architektur oft als sekundäre Figuren dargestellt. Dem liegt jedoch ein Missverständnis zugrunde: Ihnen ging es nicht um einen Stil, der im Einklang mit den ästhetischen Vorgaben der Moderne stehen müsste, sondern um eine Auseinandersetzung mit dem Ort – und die Bedeutung, die dieser Prozess in unserer modernen Welt, in die wir alle hineingeboren werden, hat.

„Die Architektur ist eine kulturelle Antwort auf klimatische Bedingungen und deshalb für die Entwicklung der Menschen, die auf die Veränderungen reagieren müssen, von essenzieller Bedeutung.“

 

Ein weiterer Architekt, auf den Sie verweisen, ist Louis Kahn. In Ihrem Essay über Kahns Bauten in Bangladesch (Beitrag in in der Baumeister-Maiausgabe) schreiben Sie, dass Kahn „für den Beginn einer planetaren Architektur“ stehe. Können Sie genauer erklären, was Sie damit meinen?

Jeder Architekt hat seine eigene Entwurfsmethodik, und jeder dieser Ansätze hat auch seine Gültigkeit. Was für Menschen aber wichtig ist, ist die Frage, wie der Entwurf den Ort berücksichtigt, mit dem sie vertraut sind. Kahn hatte in meinen Augen deshalb einen universellen Ansatz, weil er in der Lage war, den jeweiligen Ort, an dem er baute, neu zu interpretieren. Wenn man sich seine Arbeiten in Amerika, in Indien und in Bangladesch ansieht, oder auch in Israel, fällt auf, dass jeder Entwurf anders ist – die Form wird unter Berücksichtigung des Klimas modifiziert, seine Entwürfe bestehen aus Schichten, um zwischen den Bedingungen des Innenraums und denen des Außenraums zu vermitteln. Kahns Methodologie ist sicherlich nicht die einzige Antwort, aber sie ist sehr überzeugend.

Interessant an Kahns Parlamentsgebäude in Dhaka ist auch, dass es ihm gelang, dem Gebäude eine eigene Identität zu verleihen, die von den Bürgern des Landes angenommen wurde. Kann Form demnach Identität erzeugen?

Form allein erzeugt noch keine Identität, aber sie erzeugt Assoziationen. In dem Moment, wo sie Emotionen auslöst oder eine bestimmte Bedeutung schafft, entsteht so etwas wie Identität. Es geht nicht darum zu sagen: „Das ist deutsch, oder das ist bangladeschisch.“ Das sind abstrakte Aussagen. Es geht vielmehr darum zu sagen: „Das ist stimmig für diesen Ort, und es ist stimmig für mich, weil ich von hier stamme.“ Das ist die Art der Identität, die ich meine, nicht irgendein künstlicher Begriff oder ein intellektuelles Konstrukt. Ich glaube nicht, dass es so etwas wie eine britische Architektur gibt, aber es gibt eine Architektur, die sich aus einem bestimmten Klima heraus generiert. Dabei lassen sich bestimmte Eigenarten bestimmen, die auf spezifische geografische Gegebenheiten zurückgehen und die den Menschen, die an den jeweiligen Orten leben, vertraut sind. Aber wenn jemand behauptet, dass diese geografischen Bedingungen an irgendeiner Staatsgrenze enden, beginne ich mir ernsthaft Sorgen zu machen.

 

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