„Mit Maske, aber ganz sicher ohne Maulkorb!“

Innovation statt Isolation – so kann man in der Architektur mit COVID-19 umgehen. Sagt zumindest „LAMA | Das lösungsorientierte Architekturmagazin“ und feiert diesen Donnerstag die Veröffentlichung ihrer gleichnamigen Publikation. Die vier Grazer LAMA-Gründer wollten eigentlich in insgesamt neun Ausgaben Architekturdisziplin in Lehre, Praxis und ihrem gesellschaftlichen Stellenwert diskutieren. Doch dann drängte sich Corona auf und forderte LAMA heraus, über die Architektur während und nach COVID-19 zu diskutieren. Wir haben mit Andreas Maierhofer – übrigens Baumeister Academy Alumnus – über die LAMA-Sonderausgabe gesprochen.

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Die LAMAlyse „Corona smashes the patriarchy?“ vom CHCC Kollektiv ist einer der liebsten Texte von Mitgründer Andreas Maierhofer in der LAMA-Sonderausgabe. Foto: LAMA

 

Andreas, als wir das letzte Mal sprachen, hattest du und deine LAMA-Kolleg*innen gerade die erste Ausgabe des „lösungsorientierten Architekturmagazins“ rausgebracht. Ihr wolltet in drei Jahren und neun Ausgaben die Architekturdisziplin in Lehre, Praxis und ihrem gesellschaftlichen Stellenwert diskutieren. Aber zack, jetzt, ein halbes Jahr später, erscheint schon eine außerplanmäßige Sonderausgabe. Wieso?
Wir haben unseren ursprünglichen Fahrplan mit pragmatischem Humor angepasst und diese Sonderausgabe zum Thema COVID-19 zwischengeschoben, weil wir merkten, dass wir einerseits aus einer inneren, moralischen Notwendigkeit heraus reagieren mussten – und andererseits, dass wir auch wirklich etwas zu sagen haben. Der Bedarf an einem niederschwelligen Medium für kritische Beiträge ist eindeutig vorhanden – trotz und vor allem wegen Corona. Aber auch die Arbeiten am nächsten regulären Heft sind bereits am Laufen. Die Redaktion hat sich zum Glück relativ schnell von ihrer Corona-Sonderbelastung erholen können und unsere Köpfe gieren schon nach der nächsten Ausgabe („Architektursprache – Architekturbrache? Warum ist der Architekturdiskurs nicht mehr gesellschaftsbildend?“).

Wir vom BAUMEISTER haben selber ja auch reagiert, einen täglichen Sondernewsletter zwischen März und Juni auf den Weg gebracht, viel berichtet, viel interviewt… Gleichzeitig merken wir auch, wie eine Corona-Müdigkeit in der Gesellschaft und in unserer Disziplin einsetzt. Seid ihr nicht auch ein bisschen müde? 
Eine gewisse Corona-Übersättigung ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr von der Hand zu weisen – bei manchen Redaktionsmitgliedern mehr, bei anderen weniger. Ironischerweise ist eine Wechselbeziehung der Müdigkeit der einen mit der Motivation der anderen bemerkbar. Aber die Moral sagt uns letztlich allen gleichermaßen, dass wir die nun sichtbar gewordenen Probleme aufgreifen müssen, während der Corona-Overkill eine geduldete Nebenwirkung für uns darstellt, die man in Kauf nehmen muss. Würden wir Corona ignorieren, würden wir einen großen Bereich des aktuellen Diskurses negieren. Und in Wahrheit sind viele Fragen und Missstände, mit denen wir aufgrund von COVID-19 konfrontiert wurden, lediglich erst durch diese Krise mit einer gewissen Legitimation aufgeladen worden, wodurch sie nun aufs mediale und gesellschaftliche Tableau gebracht werden konnten. Die Gunst der Stunde muss – auch vom LAMA – einfach genutzt werden. So stellte sich zum Beispiel heraus, dass diese Pandemie multikausale Zusammenhänge aufzeigt: Wir können nicht mehr nur von Corona sprechen, ohne gleichzeitig Solidarität, Gesellschaft, Staat, Verteilungs-/Chancengleichheit, Macht und Demokratie mit zu meinen.

Was sind deine zwei Lieblingstexte in der neuen Ausgabe und wieso?
Die LAMAlyse „Corona smashes the patriarchy?“ vom CHCC Kollektiv, weil Nina Krass und Susanna Böcherer darin gleichzeitig die Gefahren, aber auch Chancen der Corona-Krise zum Thema des Frauenproblems in der Architekturbranche beleuchten.
Außerdem freue ich mich sehr über den LAMAbericht „Nachsitzen an der TU Graz“, da die von den Zeichensälen veranstaltete Diskussion Hoffnung aufkeimen lässt, dass Studierende doch nicht alles resignierend hinnehmen, was ihnen von der Universität vorgesetzt wird, sondern ihren Platz am Tisch einfordern.

 

Wir streben weiter nach dem Heiligen Gral des diskursiv-kritischen Mediums.

 

Mit LAMA sagt ihr über euch selbst, dass ihr „unabhängig, unbequem und ungeniert“ seid. Welches Feedback gab es bislang auf eure Arbeit, auf LAMA? Und inwiefern spiegelt die aktuelle Ausgabe die drei „U’s“ wider?
Im Endeffekt gab es bisher genau die Reaktionen, die wir uns erhofft haben: Neben dem Großteil an anerkennenden und unterstützenden Worten mischen sich einige Stimmen, die noch mehr „unbequem“ oder „ungeniert“ fordern, aber auch die, die entrüstet meinen, wir würden mit LAMA den theoretischen Diskurs „verderben“ – meine Lieblingsreaktion. In der täglichen Arbeit am und mit LAMA agieren wir dabei vollkommen souverän in unseren Überzeugungen und Ansprüchen. Das war für uns von Beginn an eine unausgesprochene Bedingung und dies gilt für unsere erste Ausgabe, aber auch für das LAMA-Sonderheft. Hier decken wir nicht nur Missstände auf, sondern bieten grundsätzlichen Fragestellungen und Analysen Raum, die uns unsere eigenen Grundfesten reflektieren lassen. Wenn wir von anderen erwarten, nicht stur auf einem Standpunkt zu verharren, liegt es an uns, bei uns selbst anzufangen und offen zu sein für Kritik an den eigenen Überzeugungen. Was uns vom „Unbequemen“ auch gleich zum „Ungenierten“ kommen lässt: Durch das Aushebeln von etablierten Konventionen pinkeln wir nicht nur dem Etablissement ans Bein, sondern lassen bewusst auch scheinbar Trivialem und Musischem Platz zukommen zwischen und auf dem Cover. Und dies mit einer unterschwelligen „because we can“-Attitüde und der ehrlichen Freude an unserer Arbeit, die wir hier mit LAMA verwirklichen dürfen. Ein Thema inhaltlich abzuarbeiten darf ungeachtet seiner Tragweite nicht rein (pseudo-)akademisch steril geschehen; daher war es uns wichtig, im Sonder-LAMA (wie auch im restlichen Projekt) ebenso Außerarchitektonischem eine Bühne zu bieten. Im Grunde wollen wir sagen: es gibt viele Wege mit der Situation umzugehen; einer davon ist jedenfalls, das LAMA zu lesen.

Und wie geht‘s jetzt weiter? Was steht als nächstes an?
Obwohl unser Team bereits in seiner Gesamtheit einiges an breit gestreuter Erfahrung vorweisen kann, merken wir im innerredaktionellen Diskurs, dass wir noch lange nicht an einem Punkt angekommen sind, an dem wir uns zurücklehnen könnten oder wollten. Wir streben weiter nach dem Heiligen Gral des diskursiv-kritischen Mediums, den wir unter einem Dickicht an Vorstellungen, Vorbildern, Egomanie und Idealismus irgendwo zu entdecken hoffen. Die neue LAMA-Ausgabe wird sich en gros mit dem Architektur-Diskurs beschäftigen und bietet ja prinzipiell ein breites Feld an „More of the same“-Allgemeinfloskeln und verhärtetem ideologischen Boden – und wir halten unsere Haken und Schaufeln schon bereit, um hier einiges an Umgrabungen vorzunehmen. Abseits davon stehen wir vor der eigenen Herausforderung, eine Corona-konforme Release-Party für unsere Sonderausgabe in Graz zu planen – mit Maske, aber ganz sicher ohne Maulkorb!

Die aktuelle Ausgabe können Sie hier bestellen.