Der Metropolit

Das Metropolenhaus von bfstudio will mehr sein als nur ein weiteres Wohn- und Geschäftshaus: Ziel der Architekten war es, parallel ein Kulturprojekt zu initiieren, das mit vielseitigen Angeboten in die Stadtgesellschaft hineinwirkt. Das Konzept überzeugte nicht nur den Berliner Liegenschaftsfonds und die Jury des Wettbewerbs „Ausgezeichneter Wohnungsbau 2020“, sondern erst vergangene Woche auch die Jury des Deutschen Städtebaupreis 2020: Der erste Preis ging ans Berliner Quartier am ehemaligen Blumengroßmarkt.

Offene Türen sind gut. Aber Türen zu öffnen, reicht für Benita Braun-Feldweg und Matthias Muffert nicht aus. bfstudio-architekten gehen weiter und hinterfragen, welchen dauerhaften Mehrwert ein Gebäude für die Stadt und die Gesellschaft schaffen kann. Dabei schlüpft das Berliner Architektenpaar auch in die Rollen der Projektentwickler, Bauherren und Kulturmanager, um mit seinen Gebäuden diese Fragestellung auszuloten.
Insofern kann man das „Metropolenhaus“ vis-à-vis des Jüdischen Museums in Berlin als bewohntes Stadtexperiment verstehen. Es ist ein dynamisches Gefüge, ein innerstädtischer Katalysator, ein urbanes Wohnzimmer, interkultureller Treffpunkt und ein gelebtes Epizentrum für Stadt, Architektur, Design und Kunst. Zudem zeigt sich das Wohn- und Geschäftshaus mit seinen vielen verschiedenen Möglichkeitsräumen schon seit Baubeginn bestens vernetzt mit seiner Nachbarschaft, was sich im Corona-Jahr, zur Sternstunde von Online-Shopping und Homeoffice, einmal mehr als Vorteil erweist.

Auf dem Blumengroßmarkt

Einerseits zentral in der Hauptstadt, andererseits mitten im Nirgendwo, befand sich bis 1989 hier der Stadtrand von West-Berlin, bildet sich in diesem „schwarzen Loch“ seit 2009 ein neuer Kiez. bfstudio-architekten verbinden mit ihrem Neubau die großmaßstäbliche Blumengroßmarkthalle von Bruno Grimmek, die seit 2012 von der Akademie des Jüdischen Museums genutzt wird, mit der kleinteiligen Gründerzeitbebauung und vermitteln geschickt zwischen Platz und Park. Auf die drei städtebaulichen Situationen antworten die Architekten mit drei verschiedenen Fassaden: Panoramafenster und Stadtloggien ziehen eine klare Kante zum Platz (siehe Foto links oben), Lamellen-Transparenzen schließen das Wohnhaus zur Hauptstraße, während Laubengänge zur Hofinnenseite an eine grüne Oase, den Gemeinschaftsgarten des Hauses, grenzen.

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Fünf ausgewählte Läden, darunter mit einer Bäckerei und einem Friseursalon gleich zwei systemrelevante Unternehmen, nutzen die 600 Quadratmeter des durchlässigen Erdgeschosses, während die übrigen 400 Quadratmeter für die Gemeinschaft und kreative Projekte zur Verfügung stehen. So löste sich 2018 das Baufeld V von seinen ersten drei Buchstaben und verwandelte sich in die Kulturplattform „feldfünf“. Ausstellungen, Installationen, Theateraufführungen, Performances, Screenings, Lesungen und Veranstaltungen wie die Kinderkulturtage oder das „taz-lab“ finden in den drei Projekträumen statt – „eine Bühne am Platz“, erzählt Kuratorin Neila Kemmer.

Das Erdgeschoss als Schaufenster

Die Idee für das Metropolenhaus ist trotz seiner Aktualität übrigens älter als gedacht. Konzeptuelles Fundament bildet eine Studie der Architekten von 2005 sowie ihr erstes Metropolenhaus gegenüber in der Markgrafenstraße – in dem sie selbst wohnen – und ein zweites Metropolenhaus in der Alten Jakobstraße. „Erst mit unserem dritten Metropolenhaus konnten wir das Konzept in Form des aktiven Erdgeschosses in Gänze umsetzen“, sagt die Architektin.

 

Die darüberliegenden Wohneinheiten und Studios im Eigentum finanzierten dabei nicht nur die Baukosten für die Projekträume, sondern sichern mit ihren Nebenkosten Monat für Monat auch das kuratorische Gewerbemanagement. Aufgrund der kofinanzierten, lebendigen Erdgeschossnutzung hatte der Wohnhybrid 2012 im Konzeptverfahren den Zuschlag für das Grundstück vom Berliner Liegenschaftsfonds bekommen. Jetzt, wo das Pandemie-Geschehen für Stille im Kulturbetrieb gesorgt hat, erfindet sich die Kulturplattform neu und wird zur Schaufenster-Galerie. Wechselnde Videoinstallationen leuchten in diesem Winter im unteren Fensterband und beleben den Platz. Die 67 Meter Platzlänge, betont Benita Braun-Feldweg, sind eben ein wahres Geschenk. Das Experiment läuft weiter, 15 Jahre Nutzungsbindung sind garantiert. Für ein „viertes Metropolenhaus“ arbeiten bfstudio-architekten bereits an neuen Konzepten, blicken dabei aber diesmal an den Stadtrand: Bauland ist herzlich willkommen!

Dieser Beitrag erschien in der B1 zum Thema „Berlin 20/21“.

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