22.07.2022

Wohnen

Atelier Štěpán und eine introvertierte Villa

Beton
Im Städtchen Nový Jičín hat das Atelier Štěpán eine Villa fertiggestellt, die sich zugleich zurückhaltend und präsent gibt. Foto: BoysPlayNice
Blick auf die Villa von der Straße aus, Foto: BoysPlayNice

„Ein Haus, in dem man sich so natürlich bewegen kann wie ein Fisch im Wasser“. So beschreibt der Gründer und Leiter des Ateliers Štěpán, Marek Jan Štěpán, den Ansatz des Architekturbüros bei der Gestaltung dieser introvertierten Villa.

Im mährisch-schlesischen Städtchen Nový Jičín hat das Atelier Štěpán eine Villa fertiggestellt, die sich zugleich zurückhaltend und präsent gibt. Das im Jahr 2020 fertiggestellte Gebäude befindet sich dabei in einem Wohnviertel am südlichen Rand der Altstadt. So liegt es nicht nur in fußläufiger Entfernung zum Stadtzentrum, sondern auch günstig für die verschiedenen alltäglichen Besorgungen wie den Weg zur Arbeit, den Schulweg der Kinder oder auch die Teilnahme an kulturellen Veranstaltungen. Allerdings stellten der Straßenlärm und der Wunsch des Bauherrn, so viel wie möglich im Freien zu leben, widersprüchliche Anforderungen an die Architekten. Beides rückte das Studio also in den Vordergrund, um eine Lösung zu finden. Das Ergebnis: ein introvertiertes Bauwerk, das den Nutzern im Inneren einen Rückzugsort bietet und sich dennoch nicht völlig von der Außenwelt abschottet.

Introvertierte Villa, Foto: BoysPlayNice
Foto: BoysPlayNice

Der Innenhof von Atelier Štěpán: die Lichtquelle

Von außen präsentiert sich die Villa als ein etwas erhöht liegender, eingeschossiger Holzbau, der auf einem kräftigen Betonsockel steht. Nur durch spärliche Öffnungen in der Fassade können Passanten erahnen, was hinter den Akazienholzlatten geschieht. Erst beim Betreten des Hauses enthüllen die Architekten sein wahres Gesicht: Im Innenhof finden sich seine Hauptansichten. Hier bringt eine große ovale Dachöffnung viel Licht in den inneren Garten und gibt dem Bau einen Mittel- und Ankerpunkt, zu dem sich die Räume orientieren.

Kreisförmiger Ausschnitt im Dach des Innenhofes, Aufnahme von Unten aus dem Innenhof, Rasen, Bäume, Himmel durch das Loch
Fotos: BoysPlayNice
Kreisförmiger Ausschnitt im Dach des Innenhofes, Aufnahme von Oben

Hinter der Fassade von Atelier Štěpán

Im Grundriss sortiert das sechsköpfige Atelier Štěpán Team um Marek Jan Štěpán das Raumprogramm nach Nutzungen und weist jeder Ebene eine klare Rolle zu. Insgesamt drei Ebenen werden jeweils durch ein paar Stufen in verschiedene Bereiche getrennt. Die untere Ebene im Betonsockel passt sich dem sanft abfallenden Terrain an und schließt das Haus zur Straße hin ab. Sie beherbergt hauptsächlich untergeordnete Funktionen wie Garage, Garderobe, Lager- und Wirtschaftsräume. Eine Ausnahme bildet der Büroraum an der Westfassade, der mit seinem liegenden, großen Fensterformat eine Sichtbeziehung zur Straße herstellt.
Auf der mittleren Ebene herrschen die kommunikativen Bereiche des Programms vor. Wohnen, Kochen und Essen finden im selben Raum statt, einem weitläufigen Ort, der sich mit seiner raumhohen Verglasung zum Hof hin öffnet. Wenige Stufen führen von hier hinauf in eine Zone, die Marek Jan Štěpán als Ruhebereich des Hauses definiert. Hier sind die Schlafzimmer mit Balkon untergebracht. Der leichte Höhenunterschied wirkt nicht nur als eine subtile physische Trennung zwischen den Gemeinschaftsräumen und den individuellen Zimmern, sondern auch als akustischer Schutz, ohne die Blickbeziehung zum Hof zu aufzugeben.

Arbeitsraum mit langem Tisch, Stühle, Betonwände
Fotos: BoysPlayNice
Wohnraum: Fensterfront, Essbereich mit Küche und Tisch, sessel, Treppen, große, runde Lampe
Modell der Villa mit weißem Dach
Pläne: Atelier Štěpán
Modell der Villa
Modell
Grundriss vom Erdgeschoss der Villa, schwarz-weiß
Erdgeschoss
Grundriss vom Keller der Villa, schwarz-weiß
Keller
Querschnitt Plan von einer Seite der Villa, schwarz-weiß
Querschnitt
Querschnitt Plan von einer anderen Seite der Villa, schwarz-weiß
Querschnitt

Drei Plattformen, zwei Materialien

Die Zonierung der Funktionen im Grundriss spiegelt sich auch in der Materialität wider. Die Architekten holen die harte Betontextur der Fassade ins Gebäude und gestalten damit die untere Ebene. Im Gegensatz dazu prägen verschiedene Holzarten und -einbauten die übrigen Geschosse. Die hellen Holzbretter geben den Aufenthalts- und Ruheräumen eine fast ländliche, ruhige Atmosphäre. Dort spielt der Beton eine sekundäre Rolle. Er taucht sparsam auf und bildet nicht nur einen Kontrast zum Holz in den oberen Etagen, sondern akzentuiert auch gezielt Elemente wie den Kamin und die Treppe. Vor allem aber gelingt es den Atelier Štěpán Architekten, über die Führung des natürlichen Lichts die besondere Atmosphäre im Gebäude zu unterstreichen. Abgesehen vom Innenhof setzen sie kreisrunde Oberlichter ein, um etwa Sitzgruppen zu betonen.

 

Introvertierte Villa, Foto: BoysPlayNice
Foto: BoysPlayNice
Introvertierte Villa, Foto: BoysPlayNice

Warme Luft und kühles Wasser

Im Hof setzt sich die duale Materialität fort und lässt die Grenze zwischen Innen- und Außenraum verschwinden. Und vielleicht ist es dort, draußen im Grünen, wo die Beziehung zwischen den kontrastierenden Materialien am deutlichsten zu spüren ist. An einem Ende des Hofs trennt eine Betonmauer den introvertierten Garten vom Nachbargrundstück, während eine Holzkonstruktion eine leicht abgesenkte Nische schafft, in der die Bewohner bei schönem Wetter gemeinsam essen können. Auf der gegenüberliegenden Seite, neben der sekundären Erschließung des Hauses, tarnt das Atelier Štěpán eine dreieckige Sauna ebenfalls mit einer Holzfassade. Nach dem Saunagang kann man anschließend ins kühle Außenbecken aus Beton springen. Von dort aus kann der Schwimmer durch die senkrechten Holzlatten einen Blick aus der introvertierten Villa in die Nachbarschaft werfen.

 

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Introvertierte Villa, Foto: BoysPlayNice
Foto: BoysPlayNice
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