Architektur, die etwas bewegt: Sanierung eines Bauernhauses

Neben ihrem Praktikum bei Henning Larsen in München schreibt Academy Gewinnerin Catherina Wagenstaller über Architektur in Bayern, die etwas bewegt. Dieses Mal hat sie ein Projekt ausgewählt, das sie bewegt hat – und zwar dazu, Architektur zu studieren. In dem Architekturbüro ihrer Familie kam sie schon als Kind mit Architektur in Berührung. Bei einem Praktikum vor dem Studium traf sie dann auf ein saniertes Bauernhaus und es weckte endgültig ihre Begeisterung für Architektur.

Dieses Mal wird es persönlicher: Gemeinsam mit meinen Geschwistern bin ich dem Architektur- und Ingenieurbüro Guggenbichler + Wagenstaller – die sich auf Sanierungen spezialisiert haben – groß geworden. Baute das Büro zum Beispiel einen Kindergarten, standen wir als 1:1 Maßstabsfiguren zur Stelle. Urlaube verwandelten sich in Architektouren und der Schulweg war gerne mit einer Baustelle auf dem Weg verbunden. Kein Wunder also, dass drei von vier Kindern aus meiner Familie heute in der Baubranche tätig sind. In meinem Praktikum kurz vor dem Studium bei Guggenbichler + Wagenstaller ist folgendes Projekt das Erste, das mein Architekturverständnis nachhaltig prägte. Die Wertschätzung und Bodenständigkeit im Umgang mit der Baumasse, das angewandte Fachwissen und der Bauvorgang an sich waren ein Input, der mich besonders bewegte und für den ich sehr dankbar bin. Mit diesem Beitrag möchte ich ihn teilen.

Less is more oder wie bauen im Bestand, mehr sein kann

„Less is more.“ Das Oxymoron der Architekturszene von L. Mies van der Rohe. Die Wahrheit dieser Worte sollten wir nicht nur auf die Grundsätze des internationalen Stils münzen. Es gilt, das Prinzip im Zusammenhang mit einem Gebiet der Architektur zu verstehen, welches immer wichtiger wird: Bauen im Bestand – insbesondere im Hinblick auf Nachhaltigkeit und verantwortungsvollem Umgang mit Ressourcen. In der heutigen Schnelllebigkeit, fehlt häufig der Fokus auf die so wichtige Einfachheit in der Baukultur.

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Verantwortungsvoller Umgang mit gegebenen Ressourcen, Wiederverwendung, Instandsetzung, Restaurierung dienten als Prämissen der Sanierung. So konnte ein stimmiges Arrangement entstehen, das den Bestand wahrt, ihn betont und dennoch bewusste Kontraste zwischen alt und neu setzt. Hierbei war eine enge Zusammenarbeit der Verantwortlichen aus Architektur, Tragwerksplanung, regionalem Handwerk und der Bauherrenschaft elementar bezüglich des Umgangs mit Ressourcen, Interventionsnotwendigkeit und Kostenmanagement.

Neu trifft alt

 

Der historisch bedingte rurale und damit einfache Charakter blieb bewusst bestehen. Damit wurde eine Symbiose aus Tradition und zeitgenössischer Bauweise gestaltet. Größere, neue Fensteröffnungen wurden mit Schiebe- oder Klappläden aus vertikalen Holzlamellen versehen. Diese greifen die Struktur der Scheunenschalung auf und humanisieren den Eingriff in die alten Gemäuer. Innen bleibt die traditionelle Aufteilung der Räume kenntlich. Im vorderen Teil des Gebäudes wurden beispielsweise die alten Balken und rußigen Decken nach einer Hitzebehandlung wieder eingebaut. Die Steinmauern aus dem 16. Jahrhundert blieben in manchen Räumen unverputzt und erhalten zusammen mit den restaurierten Einbauschränken den historischen Charme der Immobilie. Bewusste Kontraste dazu setzen wiederum der Stahlofen und die Stahltreppe.

Der Heustadel weicht einem Neubau

 

Die Sanierung im vorderen Gebäudeteil verlangte nach einer Unterfangung der Außenwände und eine Stabilisierung der Wände. Eine eingesetzte Bodenplatte verhindert nun, dass die Feuchtigkeit aus dem Erdreich aufsteigt. Sämtliche Dämm- und Schallschutzanforderungen an eine Geschossdecke liegen über den historischen Decken. Aufgrund des baufälligen Heustadels und Stalles ersetzte man den hinteren Gebäudeteil mit einem Neubau der gleichen Kubatur des Bestandes. Die Dachstuhlkonstruktion der Tenne wurde nach Vorbild des Bestands aus unbehandelter Fichte mit Zapfenverbindung errichtet.
Aus dem alten Holz entstanden viele der neuen Möbel.

Der sanierte Bauernhof zeigt: Bauen im Bestand muss nicht heißen, einem alten Gebäude etwas Neues überzustülpen. Die Sanierung zeigt viel mehr: Man kann behutsam mit Bestandsgebäuden zusammenarbeiten und ein Gespür dafür zu entwickeln. Manchmal ist weniger eben mehr.

Architektur, Innenarchitektur, Statik:
Guggenbichler + Wagenstaller

Projektleiterin Nina Meier
Johann Wagenstaller
Josef Kirner

Die Baumeister Academy ist ein Praktikumsprojekt des Architekturmagazins Baumeister und wird unterstützt von GRAPHISOFT und der BAU 2019.